Zum 25. Todestag von Franz Josef Strauß - ein Reporter erinnert sich

Wie der große Vorsitzende seinen 60. Geburtstag fürstlich feiern ließ

von Karl Stankiewitz

Ein Land und sein König. Foto: Thomas Stankiewicz

Mit gespielter Selbstironie nannte er sich gern „Franz Josef I“. Barock, gönnerhaft, fast absolutistisch war sein Regierungsstil. Wie sehr er sich als Regent fühlte und kurbairischen Fürsten nacheiferte, offenbarten viele seiner öffentlichen Auftritte, seine kaum mehr gespielte Freude, als man ihn beim Salvator-Anstich zum Bayernkönig kürte, vor allem aber seine Pläne für eine pompöse Münchner Residenz, die neue Staatskanzlei. Über den Politiker Franz Josef Strauß, sein Reden und Treiben konnten die Redaktionskollegen zwischen Konstanz, Bremen und Berlin gar nicht genug „Hintergrund“ bekommen. Unser Autor Karl Stankiewitz (Jahrgang 1928) zitiert hier seinen Bericht über die im September 1975 abrollenden Feierlichkeiten zum 60. Geburtstag des Großen Vorsitzenden der CSU, der damals erst noch der Regent Bayerns werden sollte.

An jenem 6. September 1915 gingen über Bayerns Hauptstadt schwere Gewitter nieder, und die Münchner Neuesten Nachrichten kommentierten auf Seite 1 „Russlands verzweifelte Lage“. Franz Josef Strauß freute sich mächtig, als er diese Begleitumstände seines Geburtstages aus der alten Zeitung erfuhr, die ihm der Vorsitzende des Münchner Presseclubs, Georg Wulfius, zum Sechzigsten übereichte. Dies war der Auftakt einer wochenlangen Serie von Feiern und Empfängen, die den Jubeltag des Vorsitzenden der Christlich-Sozialen Union umrahmten.

Einige hundert Gäste, der gesamte Geldadel nicht nur Bayerns, das komplette Kabinett von Alfons Goppel und viele andere „Großkopferte“ erschienen händeschüttelnd zum ersten Empfang. Den gab der Wirtschaftsbeirat der Union im Festsaal des Bayerischen Hofes. Vorsitzender Werner Dollinger, für den die CSU in einem künftigen Kohl-Kabinett einen Ministerposten beanspruchte, konnte dem Parteikommandeur „starke Kampftruppen“ melden.

Es waren darunter Namen wie von Bayern, von Bismarck, von Siemens, von Brauchitsch, von Kuenheim, Flick, Schleyer, Rodenstock, Hettlage... Die Bosse standen Schlange zur Gratulationstour. Fast jeder brachte ein kleines Geschenk eingewickelt mit. Und sei es nur ein Farbfoto, das den Gefeierten braungebrannt am Hafen von Piräus darstellte; der Vielzweckunternehmer Josef Schörghuber zog es aus seiner Jackentasche.

Die Großadmirale der Wirtschaft, Bierkrüge oder Sektgläser in der Hand, hörten wohl nicht ungern, was ihnen der Jubilar dann zu verkünden hatte: „Wir müssen einsehen, dass wir die Grenze des Sozialstaates erreicht haben. Wir können durch materielle Zuwendungen gesellschaftliche Konflikte nicht mehr lösen.“

Auch in diesem trauten Kreis, auch am Vorabend seines schönen Jubeltages, konnte sich Strauß das Wettern gegen seine politischen Gegner nicht verkneifen: „Wenn mich manchmal scheinbar – das heißt nicht anscheinend – die Selbstkontrolle verlässt, dann deshalb, weil ich mich wirklich frage, warum muss innerhalb von fünf Jahren eine blühende Wirtschaft, müssen geordnete Verhältnisse durch diesen dilettantischen Utopismus mit ideologischer Verbrämung an den Rand der Krise und in sie hinein geführt werden?“

Und auch die Schwesterpartei, die sich zunächst nur durch Glückwunschschreiben von Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundespräsident Karl Carstens bemerkbar machte, bekam auf der Geburtstagsfeier des Ober-Bayern einen mahnenden Rippenstoß: „Wir in der Union dürfen nicht Utopismus gegen Utopismus, nicht einen Ersatzmessias gegen einen anderen stellen.“ Vielmehr sei jetzt von der Bundesregierung ein umfassender Offenbarungseid mit Einsicht in die Fehler zu fordern.

Einen Reigen geradezu byzantinischer Huldigungen, einen vollen Parteitag und eine weitere China-Reise vor sich, entfuhr dem „schwarz-weiß-blauen Bismarck“ (so der Münchner Stadtpoet Blasius) dann doch der Stoßseufzer, er hätte ja auch in die Berge fahren und erst nach geraumer Zeit wiederkommen können. Das wäre menschlich angenehmer gewesen, meinte er, hätte aber sicher manche enttäuscht, „wenn ich ehrlich bin, mich auch“.

So schickte er sich in das, wie er in seiner manchmal sphinxhaften Ausdrucksweise sagte, „inevitable Fatum, das Sie hier zusammengeführt hat“. Fürs nächste Jahrzehnt seines weiterhin temperamentvollen Lebens hatte der Große Vorsitzende – die Anspielung auf Mao hörte er nicht ungern – auch schon einen Wahlspruch, den er allen hohen Gästen mit auf den Weg gab: „Dankbar rückwärts, mutig vorwärts, gläubig aufwärts.“

Aufwärts war er kurz vorher schon geschwebt, per Hubschraube auf eine Alm, zu Bier, Bretzen und Blasmusik. Nicht mehr Herren in schwarzen Anzügen gaben ihm hier die Ehre, sondern Trachtengruppen und Gebirgsschützen. Grad zünftig war’s – indes Bayerns Sozis in einem neu betonierten Bierkeller Münchens ihren nüchternen Parteitag mit schlichtem Tellerfleisch beendeten und der Partei-Vize Peter Glotz fast neidisch von den „Allüren eines Barockfürsten“ sprach.

Berichte dieser Art waren in der Lazarettstraße, dem CSU-Hauptquartier, eher gern gesehen. Ärger dagegen verursachten pikante Strauß-Storys, die sich auf hintergründige Informationen stützten, wie sie etwa aus dem Trinkstüberl des Strauß-Spezls Fricdrich Jahn gelegentlich tröpfelten. Das Verhältnis zwischen Strauß und der „veröffentlichten Meinung“, wie er die Presse abzuwerten pflegte, war insgesamt spannungsgeladen. Gelegentlich prozessierte der Dargestellte, anfangs gern gegen den Spiegel. Manchmal griff er gar redaktionell ein, sogar beim konservativen Münchner Merkur, wenn dieser es an „Loyalität“ fehlen ließ. Einmal beschwerte er sich auch über einen meiner Berichte bei dem der CDU nahestehenden Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung, der sich die Einmischung aber verbat. Immerhin hatte ich Informanten im inneren Zirkel der CSU.

Zehn Jahre nach seiner Amtsübernahme als Ministerpräsident erlag Franz Josef Strauß am 3. Oktober 1988 bei einer Hirschjagd mit Fürst Johannes von Thurn und Taxis einem Kreislaufkollaps. Die tagelangen Trauerfeierlichkeiten glichen denen beim Tod des beliebten Prinzregenten Luitpold. 15.000 Menschen wohnten dem auf den Marienplatz übertragenen Requiem im Dom bei, 100.000 Bürger, viele weinend und sichtlich ergriffen, säumten die Straßen beim großen Trauerzug. Trauerflor flatterte auf Straßenbahnen und an Autos. Nur die Beisetzung in Rott am Inn fand im Familienkreis statt. Erzbischof Josef Ratzinger rühmte dort den Verstorbenen: „Er hat wie eine Eiche gelebt und wurde wie eine Eiche gefällt.“

Dieser Artikel von Karl Stankiewitz ist ein Auszug aus dem Buch "Rebellen, Reformer, Regenten" (Gerhard Hess Verlag).

Anmerkung der Redaktion: Nach dem unten auf dieser Seite (bei den Kommentaren) dokumentierten Leserhinweis wurde der Absatz in der Mitte gestrichen. Autor Stankiewitz war an dieser Stelle eine Passage in den Text geraten, die nicht von 1975, sondern vom Strauß-Geburtstag 1985 stammt; er bedauert das Missgeschick sehr.

Veröffentlicht am: 04.10.2013

Über den Autor

Karl Stankiewitz

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Peter Herrmann
04.10.2013 17:13 Uhr

Da ist dem Autor einiges entglitten.

Wenn Strauss 1915 geboren ist, hat er sienen 60.sten Geburtstag 1975 gefeiert.

Damals war an einen "Kanzler" Kohl aber nicht zu denken, den gabs erst 1982.

Wer hat da gratuliert ?

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