Anna Konjetzkys Tanzstück "Lighting" in der Muffathalle

Lautstarke Lärm-Explosion der Gefühle

von Isabel Winklbauer

Die Choreografin Anna Konjetzky Foto: Anna Konjetzky

„Lighting“ von Anna Konjetzky versetzt die Muffathalle in Aufregung. Ihre Stücke gilt es mit dem Bauch zu sehen, nicht mit dem Intellekt. Beklemmung, Geburt oder Trauma waren in der Vergangenheit ihre Themen, oft unangenehme Kost, die jedoch durch die unmittelbar begreifbare Körpersprache der Choreografin erstaunlich gut verdaulich ankam. Auch in „Lighting“, das in Zusammenarbeit mit dem Vietnam National Opera Ballet entstand, geht es um Gefühle: Druck und Explosion.

Eine unangenehme Geräuschkulisse bildet den Hintergrund, vor dem zehn Tänzer in blaugrauer Kleidung langsam überkochen. Interessanterweise wurden vor der Vorstellung Ohrstöpsel verteilt. Doch nicht die Lautstärke vergrätzte viele Zuschauer, sondern die Hektik, die der Klangcollage (Sergej Maingardt) innewohnt. Zerbrechendes Glas, heulende Polizeisirenen, das Knacken einer zu laut gedrehten Stereoanlage bilden ein rhythmisches, beunruhigendes Klanggewusel.

Konjetzkys Tänzer schwimmen darin wie aufgeregte Fische. Am Anfang wedeln ihre Arme, als ob Funken aufleuchten. Dann schlängeln sich Torsos wie kleine Flämmchen, bis später die ganze Gruppe vereint als Flamme wogt. Die Gruppe steht kurz vor dem ausgeführten Schlag, kurz vor der Revolte, kurz vor der Explosion – und immer weiter werden die Bewegungen, immer chaotischer gegeneinander. Zuletzt steigert sich die Klangkulisse zu einem kreischenden, von Katastrophenklängen durchsetzten Herzrasen, die Tänzer kumulieren und, als Stille eintritt, fließen quer über die Bühne.

Das Geschehen schießt direkt ins Bewusstsein, kein Zuschauer kann sich erwehren selbst mit Herzklopfen auf den Rängen zu sitzen! Konjetzkys Kreation packt das Publikum zuverlässig.

Explosives Gewusel. Foto: Franz Kimmel

Doch muss man Druck mit Lärm gleichsetzen? Das Wesen emotionaler Eskalation hat nicht immer mit Angst und erhöhtem Puls zu tun. Das kann auch eine stille, immer dichter werdende Wolke sein, die irgendwann ihre Grenze sprengt. Sich für einen musikalischeren, und damit diskreteren Hintergrund zu entscheiden, wäre mutiger gewesen.

Veröffentlicht am: 24.09.2013

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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