Ein Henker ohne Zorn und Pein

von Michael Weiser

Düsteres Klanggemälde: Der Komponist Klaus Schedl und Piano Possibile brachten im Rahmen des Symposiums "Neue Musik, neue Öffentlichkeit"  "Les Fleurs du Mal" von Charles Baudelaire als verstörenden Liedzyklus auf die Bühne der Muffathalle.

Sie sind ein Text-Massiv, diese „Blumen des Bösen“ von Baudelaire, ein düsteres Großgemälde, eine Symphonie der Dunkelheit, eine wilde Klage über die Sündhaftigkeit des Menschen, voll süßem, schwarzem Gift. Kein geringes Unterfangen also, sich diesem lyrischen Aufbruch in die Moderne zu nähern, nicht für einen Leser, schon gar nicht für einen Komponisten und sein Ensemble. Klaus Schedl und seine Mitstreiter von Piano Possibile unternehmen dieses Wagnis. Und sie vollbringen es mit ähnlichen Mitteln wie Baudelaire selbst: Malerei mit Worten vom einen, Malerei mit Tönen und Sounds von seinen modernen Nacheiferern.

Piano Possibile malen ihr Klanggemälde nur selten in klaren Linien, in wiedererkennbaren Riffs der E-Gitarre, perkussiven Strukturen oder Melodien, eher in Klangflächen, die einander brechen. Abstrakt ist der Liedzyklus dennoch nicht. Schedl und Piano Possibile gelingt vielmehr der Aufbruch in tiefere Ebenen des Bewusstseins: Mal weht ein düsterer Chorgesang durch die Muffathalle und beschwört Vorstellungen an eine spirituelle Gemeinschaft eines ins Falsche verkehrten Glaubens, an ein Evangelium der Materie. Mal erzeugt das Keyboard wummernde, dunkle Töne und lässt damit den beunruhigenden Rhythmus der Großstadt im Kopf wirken. Zwischendrein furcht die E-Gitarre, bricht das Schlagzeug die Klangstrukturen um.

Die Stimmen von Mafalda de Lemos und Sascha Friedl dürfen nur selten in der Elegie verschweben;  ihr Gesang ist meist verstört-verstörend, die Worte verschwimmen verzerrt und übertönt bis zur Unkenntlichkeit; sie werden ihres Informationsgehalts beraubt und so zur reinen Klangfarbe. Manchmal verschwinden die Stimmen ganz, man sieht nur noch die Münder, die sich bewegen - der Mensch verliert den Kampf gegen die selbstgeschaffene Maschine. Stets täuscht die Wahrnehmung: Kaum meint man, sich an einen Sound gewöhnt zu haben, kommt der harte Bruch. So entsteht eine Klangszenerie, die die Zerrissenheit und Düsternis der Vorlage merkwürdig erkennbar neu abbildet.

„Ich treff' ins Herz dich ohne Hassen, ein Henker ohne Zorn und Pein“, heißt es im „L' Heautontimoroumenos“, dem „Selbsthenker“ oder „Selbstquäler“ des Charles Baudelaire, ein Monsterwort, zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern für "sich selbst bestrafen". Der Abend traf, in der Tat. Nicht auf die einfache Tour, eher für Leute, die sich einlassen und für eine Stunde konzentrieren, die Sinne weit geöffnet: Denen eröffnete der assoziationsreiche Abend einen Blick in die gloriose Schwäche des Menschen. „Ich bin ein Mensch, mir ist nichts Menschliches fremd“, heißt es im Drama „Heautontimoroumenos“  des Römers Terenz. Ist bekannt, ja, es lohnt sich aber, ab und zu so klanggewaltig daran erinnert zu werden.

Veröffentlicht am: 07.02.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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