Zur Schenkung der Sammlung Goetz an den Freistaat Bayern

Beispiellose Offensive für die Medienkunst in München

von Karl Stankiewitz

Was für ein Geschenk! Seit Gabriele Münter der Landeshauptstadt 1962 einige hundert Werke des Blauen Reiter im Gesamtwert von 200 Millionen Mark vermachte und Lothar Günther Buchheim 1995 dem Freistaat über tausend Werke der Brücke sowie seine volks- und völkerkundliche Sammlung im Gegenwert von 100 Millionen Euro dem Freistaat als Dauerleihgabe übereignete, hat Bayern dergleichen nicht mehr erlebt.

Invild Götz. Foto: Courtesy Sammlung Goetz, Philippe Chancel

Überraschend hat Ingvild Goetz dem bayerischen Staat einen bedeutenden Teil ihrer Sammlung sowie ihr privates Museum als Schenkung und den übrigen Teil als Dauerleihgabe angeboten. Ministerpräsident Horst Seehofer und Kunstminister Wolfgang Heubisch unterbrachen ihren Wahlkampf, um sich für dieses vom Ministerrat ad hoc angenommene Angebot bei der Mäzenin zu bedanken. Damit, so freuten sich die Politiker vor der Presse, werde der Kulturstandort Bayern nachhaltig gestärkt und eine „schmerzhafte Lücke“ im staatlichen Kunstbesitz geschlossen. Erst jetzt, so Heubisch, könnten die Staatsgemäldesammlungen „die ganze Breite der modernen Kunst“ repräsentieren.

Bei der Schenkung handelt es sich nämlich um 375 Arbeiten aus dem Bereich der Medienkunst. Die Sammlung umfasst nahezu 500 künstlerische Filme und Videos. Neben etwa 4200 hoch eingeschätzten Gemälden, Plastiken, Fotos, Grafiken und Installationen. Damit besitzt Ingvild Goetz weltweit eine der größten privaten Sammlungen der Gegenwartskunst, zu der sie auch bei der Präsentation in der Münchner Staatskanzlei ein „klares Bekenntnis“ ablegte. Vor allem die Medienkunst habe sie wegen der „völlig neuen Bildsprache“ frühzeitig zum Sammeln angeregt.

Angefangen hatte die Tochter des Wirtschaftswunder-Unternehmers Werner Otto aber nicht als Sammlerin, sondern 1969 als Gründerin eines Grafikverlages in Konstanz (edition art in progress) und Galeristin in Zürich, wo ihr aber 1972 die Arbeitserlaubnis entzogen wurde, weil sie Waffenlieferungen der Schweiz an Angola durch ein von Wolf Vostell organisiertes Happening angeprangert hatte. Sie begann nun, in Düsseldorf und dann in München mit ihrer Sammlertätigkeit. Dabei wollte sie Künstler fördern, „die unsere soziale Realität in Frage stellen“. Zu ihren Entdeckungen gehören viele amerikanische Maler (auch Andy Warhol) und die zunächst kaum bekannte „arte povera“.

Das Museum in Oberföhring. Foto: Courtesy Sammlung Goetz, Thomas Dashuber

Noch kaum bekannt waren auch die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron, von denen sich Ingvild Goetz 1993 in München-Oberföhring ein ungewöhnliches Privatmuseum erbauen ließ. Ein Kubus aus Birkenholz und rohem Aluminium wird umfasst von einem Band aus Milchglas, das den fast quadratischen Räumen mildes Licht gibt. Die zahlreichen Wechselausstellungen konnten aber nur nach telefonischer Anmeldung besucht werden.

Der Schenkung zugrunde liegt auch der Wunsch von Frau Goetz, dass ihre Sammlungsobjekte künftig der breiten Öffentlichkeit zugänglich sind. Vor allem den „heranwachsenden Generationen“ möchte sie die zeitgenössische Kunst nahe bringen. Dies soll nicht nur im Oberföhringer Museum geschehen, sondern auch im Haus der Kunst, in dessen Luftschutzkeller immer wieder andere Medienkunstobjekte aus der Sammlung gezeigt werden, sowie im Neuen Museum Nürnberg und anderen bayerischen Ausstellungshäusern. Privat will sie weiter sammeln.

Und weiterhin will sie sich sozial engagieren. „Der gegenwärtige Fokus liegt bei denen, die über keine Lobby verfügen“, sagte sie, als sie im April 2011 die langfristige Zusammenarbeit mit dem Haus der Kunst vereinbarte. Namentlich nannte sie: Asylsuchende und Magersüchtige samt Umfeld.

„Begeistert“ begrüßte das Haus der Kunst die großzügige Schenkung von Ingvild Goetz, die sich seit Jahrzehnten als „maßgebliche Expertin für moderne Kunst und visionäre Sammlerin“ erwiesen habe; in Qualität und Vielfalt sei ihre umfangreiche Sammlung beispiellos. Dies wird auch gewürdigt durch zahlreiche Auszeichnungen sowie höchste Orden der Bundesrepublik und des Freistaats Bayern.

 

Über das Engagement von Gabriele Münter, Lothar-Günther Buchheim, Ingvild Goetz und anderen berichtet der Autor in seinem 2013 erschienenen Buch „Die befreite Muse. Münchner Kunstszenen seit 1946“, Volk Verlag.

 

Veröffentlicht am: 09.09.2013

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