Joey Goebels Roman "Ich gegen Osborne"

Der Fänger im intellektuellen Nahkampf

von Katrin Kaiser

Auch ein Rebell? Joey Goebel war früher einmal Frontman der Punkband The Mullets. Foto: Regine Mosimann/ Diogenes Verlag

Der Amerikaner Joey Goebel widmet sich gerne den Außenseitern der Konsumgesellschaft. In seinem aktuellen Roman kämpft ein Schüler gegen den Rest der Welt. Er kämpft nicht laut und aggressiv, sondern leise und mit verzweifelter Selbstverteidigung.

Auf gut 400 Romanseiten durchlebt der Protagonist von Joey Goebels „Ich gegen Osborne“ einen einzigen, quälend langen Schultag voll niederschmetternder Erlebnisse. James ist 17 und ein Nerd, der jeden Tag im Anzug in die Schule kommt, während die anderen Shorts und Baggys tragen. Wo seine Mitschüler sich gegenseitig in pubertären Obszönitäten übertreffen, verhält sich James korrekt und demonstrativ höflich und schreibt nebenbei noch an einem bitterbösen Roman über die „Große Dumme Hurerei“.

In seiner Abscheu vor der lauten Verlogenheit der Gesellschaft erinnert Goebels zorniger junger Mann an Salingers Holden in „Der Fänger im Roggen“. James ist ein Rebell der späten 1990er Jahre, zu spät geboren, um noch Dandy, Hipster oder Punk sein zu können. Rebellisch ist es nun nicht mehr, möglichst oft „Fuck“ zu sagen, sondern es eben gerade nicht zu sagen.

Goebel hat in „Ich gegen Osborne“ ein zeitgenössisches Gegenstück zu „Der Fänger im Roggen“ geschrieben, das die Sprengkraft von Salingers Roman zwar nicht erreichen wird, aber eine gelungene Auseinandersetzung mit dem ist, was einen außergewöhnlichen und intelligenten Schüler heute an seine Grenzen treiben kann.

Als Leser bewundert man an vielen Stellen die reife Autarkie dieses erwachsenen Teenagers. Dann wieder fühlt man sich abgestoßen von seiner verspannten Art und kann verstehen, dass seine Mitschüler in ihm einen humorlosen Spielverderber sehen.

Nur ein paar wenige Verlierer und Freaks gibt es, die ihn mögen oder sogar bewundern. Eine Verbündete im Kampf gegen die „Große Dumme Hurerei“ des Schulalltags war für James bislang Chloe. Als er sieht, dass sie nun immer öfter den Weg der Anpassung wählt, wo er sich abheben möchte, ist er zutiefst enttäuscht. Dass sie jetzt mit einem Mitschüler zusammen ist, über den sie sich früher beide gemeinsam lustig gemacht haben, wirft ihn völlig aus der Bahn.

Er hat plötzlich das Bedürfnis, etwas zu tun, das Wellen schlägt, etwas, das die grausam wabernde, oberflächliche Routine des Alltags hinwegfegt.

"Ich gegen Osborne" ist Goebels vierter Roman bei Diogenes. Foto: Diogenes Verlag

Der 32-jährige Amerikaner Joey Goebel, der in Deutschland früher als in seinem Heimatland literarische Beachtung fand, hat ein Faible für Sonderlinge, die aus dem sozialen Gefüge fallen. Auch in seinen ersten drei Romanen „Vincent“, „Freaks“ und „Heartland“ sind die Figurenkonstellationen und Zustandsbeschreibungen typisch amerikanisch – und doch allgemeingültig. Nirgendwo ist die spätkapitalistische Kluft zwischen der behaupteten Freiheit des Individuums und den tatsächlichen gesellschaftlichen Zwängen wohl so groß wie in einer amerikanischen Kleinstadt des Mittleren Westens.

Dort platziert Goebel seine fiktive Osborne-Highschool. Wenn man nicht den Vorstellungen entspricht, auf die sich der Rest der Gesellschaft geeinigt hat, hat man es dort besonders schwer, sagt „Ich gegen Osborne“. Aber da müssen wir wohl durch, wir unverbesserlichen Freaks, klingt am Ende als leise, versöhnlich anmutende Botschaft durch die Tränen des wütenden James. Joey Goebel lebt immer noch in seiner Geburtsstadt Henderson, Kentucky. Offensichtlich ist er wie sein Protagonist James einer, der nicht die Flucht ergreift, sondern lieber im intellektuellen Nahkampf seinen Mann steht.

Joey Goebel: "Ich gegen Osborne" (Diogenes, 432 Seiten, 22.90 Euro)

Veröffentlicht am: 16.09.2013

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