"Man muss kämpfen, man muss warten können"

von kulturvollzug

[caption id="attachment_4674" align="alignright" width="150" caption="Einer der Besten seiner Zeit: Paul Preuß. Foto: Deutscher Alpenverein"][/caption]Die Juden und ihre Beziehung zu den Alpen: Eine interessante Ausstellung im Alpinen Museum auf der Praterinsel erzählt ein lange vernachlässigtes Thema der deutsch-österreichischen Kulturgeschichte und wirft auch ein Schlaglicht auf die frühe Selbst-Nazifizierung des Alpenvereins.

Eine junge Dame hat soeben eine Felsnase erklommen, am Seil folgt ein Begleiter. Des Gipfelglücks werden sich die beiden Sommerfrischler aber nicht erfreuen können, jedenfalls nicht allein. Denn da sitzt schon ein gedrungener Mann mit Doppelkinn und krummer Nase, der des Bergsteigers liebste Trophäe feilbietet: „Frisches Edelweiß in jeder Preislage.“ Die Karikatur eines Juden in den „Lustigen Blättern“ aus dem Jahre 1928 ist in der kleinen, aber eindrucksvollen Ausstellung im Alpinen Museum auf der Praterinsel zu sehen. Bergkameradschaft? Die feindselige Zeichnung belegt massiven Antisemitismus auch im Reich der Berge, im Alpenverein, und das schon lange vor der so genannten Machtergreifung der Nazis.

Juden hatten im Alpinismus von Beginn an eine wichtige Rolle gespielt. Für Christen wie Juden waren die Berge seit dem späten 19. Jahrhundert bevorzugtes Ziel der Sommerfrische – nicht zuletzt für zahlreiche Maler, Literaten und Komponisten. Und sie waren ein spiritueller Ort, ihre Gipfel Nahtstellen zwischen Himmel und Erde, von denen aus der Gottsucher wie der Philosoph die Dinge anders betrachten konnten. „Wenn ich vor Gott stehen werde, wird mich der Ewige fragen: Hast du meine Alpen gesehen?“, sagte der Begründer der Neoorthodoxie, Samson Raphael Hirsch.

Für die zahlreichen jüdischen Sportler in Österreich und Deutschland – auch der elitäre FC Bayern galt als „Judenclub“ - waren die Alpen darüber hinaus Spielplatz und Prüfstein, gleich vielen anderen Menschen in Europa: Die Berge als letztes Abenteuer in einer industrialisierten Welt.

So war es kein Zufall, dass viele Bergpioniere Juden waren – Paul Preuß etwa, der bis zu seinem Bergtod 1913 zu den besten Kletterern der Welt zählte und als Vorreiter des Freeclimbings gilt. Legendär war sein Ethos, das Haken und Seil als Fortbewegungsmittel ausschloss, berüchtigt seine Trainingsmethoden. An umgestürzten Wassergläsern auf einem Schrank in seinem Wiener Studentenzimmer übte er links wie rechts den einarmigen Klimmzug – und damit das „intelligente Greifen“. Reinhold Messner nennt ihn den komplettesten der Alpinisten.

[caption id="attachment_4700" align="alignleft" width="106" caption="Filmplakat: Der Kampf mit dem Berge.

Bild: Deutscher Alpenverein"]Filmplakat: Der Kampf mit dem Berge Bild: Deutscher Alpenverein[/caption]Preuß war beliebt, geachtet, als vielfacher Erstbegeher bewundert. Derlei Respekt für jüdische Bergkameraden schwand nach dem ersten Weltkrieg. Die Alpenvereinssektion München stellte pikiert fest, „dass sich dauernd zahlreiche Juden zur Aufnahme melden“. Dem zunehmend feindseligen Klima Rechnung tragend, aus der Sektion "Austria" per Arier-Paragraph ausgeschlossen, gründeten Juden 1921 die Sektion „Donauland“. Deren zweiter Vorsitzender Viktor Frankl führt sein Überleben in den Konzentrationslagern der Nazis später auf seine Bergerfahrungen zurück: „Man muss kämpfen, man muss warten können. Es bedarf der sogenannten Frustrationstoleranz - und die muss man trainiert haben.“

Bald schon sah sich „Donauland“ isoliert: „Juden und Mitglieder des Vereins ,Donauland' sind hier nicht erwünscht“, hieß es vor den Hütten vieler Sektionen. Mit der Deklassierung zum „Verein“ war der weitere Weg bereits angelegt: Eine Kampagne, betrieben vom fanatischen Antisemiten Eduard Pichl, dem Vorsitzenden der Sektion „Austria“, führte zum Ausschluss „Donaulands“ aus dem Deutschen und Österreichischen Alpenverein. Übrigens wechselte die "Eduard-Pichl-Hütte" erst 2002 ihren Namen in "Wolayerseehütte"

Von der "Donauland-Affäre" zur Gleichschaltung und zu „judenfreien“ olympischen Spielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen war es nun wirklich kein großer Schritt mehr. Die Berge? Kein freier Raum mehr. Auch in der Schweiz: Davos, beliebt als Urlaubsort für Juden, wurde schon in den 30er Jahren zu einem Zentrum der Auswärts-NSDAP, die Schweizer lieferten Juden, die über die Berge aus Nazi-Deutschland geflohen waren, an die deutschen Behörden aus.

All das schildert das Alpine Museum in seiner Ausstellung, die dennoch nur Anregung sein kann zur vertieften Beschäftigung mit dem Thema. Auch, was die Beschäftigung jüdischer Künstler mit Mythos Alpen betrifft. Da gibt es im Alpinen Museum zumindest Appetithappen. So sind Ausschnitte aus Filmen zu sehen, „Der weiße Rausch“ und das „Blaue Licht“, den der Filmautor Bela Balázs und der Produzent Henry Sokal zusammen mit Leni Riefenstahl drehten. Für Bergsteiger, Cineasten und Musikliebhaber gleichermaßen empfehlenswert sind die Höhepunkte im Rahmenprogramm der Ausstellung. Am 16. und 17. Februar wird im Jüdischen Gemeindezentrum Arnold Fancks Film „Im Kampf mit dem Berge“ gezeigt. Ein bemerkenswerter Film, auch deswegen, weil Paul Hindemith die Musik zu diesem Stummfilm schrieb. Das Orchester Jakobsplatz wird sie unter der Leitung von Daniel Grossmann spielen, live zum Film.

Am 15. Februar wird sich der Musikhistoriker Thomas Gayda in einem Vortrag im Gemeindezentrum auf die Spuren der jüdischen Pioniere der Bergfilmmusik begeben. Bereits am 2. Februar ist im Alpinen Museum erstmals „The Challenge“ zu sehen, die englische Fassung des Klassikers „Der Berg ruft“. In dieser Fassung gilt fairer sportlicher Wettkampf und nicht der Nationalismus. Und Luis Trenker sagt: „The Mountains are free to all men.“

Jan Stöpel

"Hast du meine Alpen gesehen? Eine jüdische Beziehungsgeschichte." Bis 27. Februar im Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins, dienstags bis freitags 13 bis 18 Uhr, samstags und sonntags 11 bis 18 Uhr.  

Veröffentlicht am: 01.02.2011

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