Titilayo Adedokun in der Jazzbar Vogler

Wie gern wär' man der Tropfen auf der Haut von Miss Ohio

von kulturvollzug

Titilayo Adedokun in der Jazzbar. Foto: Christina Maria Bauer

Noch einmal die Mikrofone zurechtgerückt. Mit prüfendem Blick steht Sängerin Titilayo Adedokun vor der Bühne der Jazzbar Vogler. Ihre Aufmerksamkeit ist ganz beim Klang eines Stücks, das ihre Musiker gerade anspielen. Offenbar ist nun alles so, wie es sein soll. Die Frau mit der Samtstimme nimmt ihren Platz im Zentrum der Band ein. Das erste Vokalstück „How I wish“ singt sie erstmals live. So kann sich auch Komponist Juanito Heldmann unmittelbar einen Eindruck machen. Er sitzt an diesem Abend im Publikum.

Für dieses Konzert hat Adedokun auch einige Jazzstandards aus dem All American Songbook ausgewählt. Dazu gehören „Fever“, „Too darn hot“ von ihrem Lieblingskomponisten Cole Porter und „They all laughed“ von George Gershwin. Außerdem die gefühlvollen Balladen “Little things mean a lot” und “I wish you love”, bei denen die Sängerin bedauert, sie nicht selbst geschrieben zu haben. Doch immerhin kann sie mit ihrer feinsinnigen Interpretation diese Songs ein wenig auch zu den ihren machen.

Zur Hochform läuft Adedokun aber tatsächlich bei ihren eigenen Kompositionen auf. Hier wird sie quasi ganz energiegeladener Klang und emotionaler Ausdruck. Bei diesen Stücken spricht alles an ihr. Es liegt natürlich auch an ihrer enormen Gesangs- und Darstellungsfähigkeit. Nicht umsonst stand sie international schon als Opern- und Musicaldarstellerin auf vielen Bühnen. Sie sang unter anderem die „Aida“ in einer Inszenierung von Franco Zeffirelli zum 100. Todestag Giuseppe Verdis am Teatro Verdi in Busseto.

Doch ein großer Teil der Strahlkraft ihrer eigenen Songs hat mit den sehr persönlichen, emotionalen Themen zu tun. „The road is long“ handelt vom Durchhalten und Weitermachen, auch wenn der Weg manchmal noch so schwer ist. Die Inspiration hierfür war denkbar traurig. Eine befreundete Sängerin hatte sich in einer depressiven Phase das Leben genommen. Das Stück „For you“ soll ein Trost sein für alle, die sich gestrandet fühlen, allein oder vergessen. „Es ist für jeden, der in irgendeiner Weise Asyl sucht“, erklärt Adedokun. „You belong right here“ entstand, als die Sängerin im Krankenhaus am Bett ihrer kleinen Tochter saß. Was zunächst nach einem plötzlichen Kindstod aussah und zu einer panischen Fahrt ins Krankenhaus führte, löste sich schließlich doch noch ins Gute auf.

Solche Stücke singt man nicht einfach so nebenbei. Adedokun nimmt sich daher auch mehrmals die Freiheit, ihr Publikum zur Ruhe zu mahnen. Manchmal merkt man eben, dass die Jazzbar Vogler eine Bar ist und kein Konzertsaal. Da hat man es mit ausdrucksstarken, feinen Balladen musikalisch ein wenig schwerer als mit beschwingten Stücken. Adedokuns Aufforderung „It’s A Capella Time“ zeigt allerdings umgehend Wirkung. Sie kann sich bei Bedarf souverän Gehör verschaffen.

Nicht all ihre eigenen Stücke haben einen dramatischen Kern. „Look at me“ entsprang der Reflexion ihres bisherigen Lebensweges und der Beziehung zu ihrem Mann. Ihm gilt auch die heitere Komposition „Doo, you’re my baby“.  „Three little sisters“ klingt leichtherzig und verspielt und dürfte damit ganz den Adressatinnen entsprechen, Adedokuns drei Töchtern. Energie und Verve zeigt die Sängerin besonders bei „Gimma joy back“, in dem sie ihre Lebensfreude verteidigt.

Adedokun ist auch gut darin, anderen Raum zu lassen. Bei jedem der drei Sets des Abends gehört das erste Stück allein den Instrumentalisten. Carsten Goedicke am Piano, Benny Schaefer am Bass und Bastian Jütte am Schlagzeug zeigen in versierten Soloparts, dass sich das Zuhören bereits bei jedem Einzelnen von ihnen lohnt. Im Lauf des Konzerts gibt Adedokun sogar einmal ihr Mikrofon ab. So kann eine ihrer Gesangsschülerinnen mit einem Jazzstandard und im anschließenden Duett zeigen, dass sich der Unterricht gelohnt hat.

Obwohl der Sommerabend draußen kaum schöner sein könnte, dürfte sich jeder Zuhörer in seiner Entscheidung für dieses Konzert bestätigt fühlen. Wenn die Sängerin ins Schwitzen kommt, reicht ihr gern umgehend jemand ein Taschentuch. So kann sie sich mal eben dezent ein paar Tropfen von der Haut tupfen. Sie wäre mit ihnen zweifellos nicht weniger schön gewesen. Dass sie einmal die Wahl zur „Miss Ohio“ und beinahe auch die zur „Miss America“ gewonnen hat, kann man jetzt verstehen.

Die Zugabe „It’s now or never“ präsentiert Adedokun noch einmal in Hochform. Mit dem in diesem Arrangement enthaltenen Ausflug in den Operngesang setzt sie einen stimmgewaltigen Schlusspunkt. Sie kündigt an, dass ihr zweites Album nun wirklich bald veröffentlicht wird. Wer heute zugehört hat, weiß, dass man auch auf diesem große Gefühle erwarten darf.

Christina Maria Bauer

Veröffentlicht am: 30.07.2013

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