"Written on Skin" bei den Opernfestspielen

Naganos letzte Premiere - wundervoll, und letztlich doch ein Gastspiel

von Alexander Strauch

Engelwäscherei und Menschenpergament. Foto: Wilfried Hösl

George Benjamins „Written on Skin“ - die nun wirklich letzte Premiere mit Kent Nagano auf den Opernfestspielen im Prinzregententheater.

Das beschreibbare Pergament einer Oper wie „Written on Skin“ – „skin“ bedeutet ja Pergament – ist der Sound aus dem Orchestergraben: Es ist immer wieder faszinierend, den Instrumentierungen des britischen Komponisten zuzuhören. Bisher ist er besonders als Komponist von größeren Ensemblewerken und selbst „Symphonie“ genannten Orchesterstücken bekannt geworden. Seine Links zu Claude Debussy und Alban Berg, zu denen er sich immer wieder bekennt, sind unüberhörbar. Das alles schafft einen Sog, wundervoll von Kent Nagano und dem Klangforum Wien ausgestaltet, der maßgeblich, wenn auch für Durchschnittshörer eher unbewusst, zum Premierenerfolg der deutschen Erstaufführung dieses Neunzigminüters beitrug.

Ebenfalls die klassische, psychologisierend angelegte „ménage à trois“ der Lovestory des Librettisten Martin Crimp bot dem Publikum genügend Konvention und Reizzustände, die auch die Regie von Katie Mitchell mehr oder minder eins zu eins umsetzte. Engel, hier Büro- und Wäschereiangestellte, schieben die Protagonisten von der linken, neonbeleuchteten jetztzeitigen Bühnenhälfte immer wieder auf die größere, rechte mittelalterliche Spielfläche, die ein Wohn- wie Schlafzimmer darstellt, aus dem auf der äußersten Seite Bäume durch die Decke in das obere Stockwerk durchbrechen, während das dadurch einsturzgefährdete Erdgeschoss durch Metallträger gestützt wird.

Das erinnert an traditionelle Umsetzungen von „Hundings Herd und Haus“ aus dem ersten Akt der Walküre von Richard Wagner. Ähnlich arrogant und machohaft wie Hunding gebärdet sich hier der Hausherr, der „Protektor“. Er engagiert einen jungen Buchillustrator, der seine guten wie schlechten Taten glorifizierend malen soll. Als der junge Mann die Frau zeichnet, beginnen beide eine rauschende Affäre. Zuerst lässt sich der immer misstrauischer und frustrierter werdende Gatte mit Notlügen abspeisen. Als er glaubt, dass die Schwester seiner Gattin die Geliebte des Malers sei, wird wiederum diese eifersüchtig und verlangt nun vom jungen Mann, dass er mutig ihr Verhältnis dem Protektor gestehe. Prompt macht er das. Der gehörnte Ehemann schneidet ihm dafür die Kehle durch, serviert dessen Herz seiner Gattin, die wiederum sich umbringt, bevor er sie erstechen kann, indem sie sich vom Balkon stürzt. Dieser Sturz friert im finalen Abgesang des zum Engel gewordenen Malers ein.

Der Bassbariton Christopher Purves als Protektor stellte die wachsenden Rachegelüste mit immer hauchiger werdender Pianissimostimme dar. Der Countertenor Lestyn Davies als der junge Maler und die phänomenale Sängerin und kraftstrotzende Darstellerin der Frau, Barbara Hannigan, glänzten durch lyrische Passagen, derweil der Komponist der Sopranistin auch ein paar wenige, aber effektvolle Ausbrüche gönnt. Man merkte, dass Gesang und Aktion den Dreien Spaß machte. Allerdings war die Musikdramaturgie dazu eher die eines verhaltenen, durchkomponierten Liedes. Richtige Explosionen oder Verinnerlichungen am Rande des Hörbaren blieben aus. Auch wenn sich der zu singende Text experimentell gibt – die Sänger singen ihre eigenen Regieanweisungen und sprechen von sich nur in indirekter Rede, wie ein exotischer Inuitstamm, wird der gut gesetzte Rahmen des Konventionellen nicht gesprengt oder behutsam weiterentwickelt. Auch ist die Handlung in 15 Bildern, wohl eine Referenz an die Szenenzahl in Alban Bergs „Wozzeck“, doch langatmiger als die neunzig Minuten vermuten lassen.

Das hinderte das Premierenpublikum nicht, die gelungene Erfüllung seiner bescheidenen Erwartungen frenetisch zu feiern, zumal es die letzte von Kent Nagano als Generalmusikdirektor verantwortete Premiere dieser Spielzeit war. Diese mit Festival d'Aix-en-Provence, De Nederlandse Opera, Théâtre du Capitole, Royal Opera House Covent Garden London und Teatro del Maggio Fiorentino koproduzierte Aufführung zeigte ihre nicht mehr ganz so vorhandene Frische  im Schlussapplaus: Zwar verneigte sich der mit mehreren Vorhängen bedachte Komponist Benjamin. Doch es fehlten der Librettist und das gesamte Regieteam! So zeigte es sich, was Koproduktionen letztlich sind, wenn man sie nicht an den ersten beiden Aufführungsorten erlebt: ein simples Gastspiel! Wehe dem, der viele Festivals bereist: Er wird immer wieder die gleichen Produktionen vorfinden, ein Umstand bei dem sich die Exklusivität einer Festspielproduktion immer mehr in Luft auflöst.

Veröffentlicht am: 25.07.2013

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