Zwischen Diktatur und Demokratie - die Große Kunstausstellung neu

Fasching als Finanzier

von Karl Stankiewitz

Alte Stelle, neue Welle. Foto: Maximilian Geuter

Mit der Uraufführung eines Balletts namens "Hunger" wird am 4. August 2013 im Haus der Kunst in München die "1. Biennale der Künstler" eröffnet. Sie wurde zwei Jahre lang vorbereitet und soll fortan alle zwei Jahre stattfinden. Sie bedeutet "eine tiefgreifende Konzeptänderung in der deutschen Ausstellungslandschaft", sagte Eva Ruhland, die Präsidentin der Ausstellungsleitung. Sie hat 40 Künstler aus drei Generationen ausgewählt, die erstmals selbst als Kuratoren über Organisation und Inhalt der Ausstellung bestimmen durften. Damit wird eine Tradition abgebrochen, die 65 Jahre zurückreichte. Finanziell beteiligen sich mehere Sponsoren, darunter das Bundeswissenschaftsministerium und die Stadt München. Wir blicken zurück auf Anfang und Geschichte dieser Ausstellung, die alljährlich die aktuelle Kunst in Deutschland - die Künstler der DDR waren allerdings nur sporadisch einbezogen - repräsentieren sollte.

Zehn Jahre nach der Auflösung sämtlicher Künstlerorganisationen im Deutschen Reich im November 1948 trafen sich im unseligen, aber komplett erhaltenen Haus der Kunst die führenden Vertreter von drei neu formierten Künstlervereinigungen - Neue Gruppe, Secession und Neue Münchner Künstlergenossenschaft - und ihres Berufsverbandes. Aus das bayerische Kultusministerium, die Münchner und drei weitere Kunstakademien sowie die staatlichen und städtischen Kunstsammlungen waren vertreten.

Es ging um die erste "Große Kunstausstellung München", die für Mai 1949 in dem von den Amerikanern übergebenen Haus geplant war. Über den Anspruch auf Qualität und auf gesamtdeutsche Repräsentanz war man von vornherein einig. Strittig war die Jury. Schließlich gründeten die drei Künstlergruppen eine eigene Ausstellungsleitung, die künftig, wie schon vor der NS-Zeit, in Selbstverantwortung alle Ausstellungen organisieren und sämtliche dafür tauglichen Werke selbst auswählen sollte. Der bisherige Treuhänder des Hauses, Peter A. Ade, wurde Direktor; er sollte diesen Posten bis 1982 behalten.

Der Vorgang blieb in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit nicht ohne Widerspruch. Von "Überrumpelungstaktik" war die Rede, sogar von "Machtergreifung" und "Monopolisierung" der deutschen Kunst-Repräsentation. Schließlich konnte das Kulturministerium durchsetzen, dass noch zwei weiteren Gruppen Räume für Ausstellungen in eigener Regie zu anderen Terminen zugewiesen wurden: der "Königlich privilegierten Künstlergenossenschaft" und der "Freien Deutschen und Münchner Künstlerschaft"; beide waren eher im Traditionellen verhaftet. Im Westflüges des Hauses sollten Bilder aus den gründlich zerstörten Pinakotheken ein Notquartier finden.

Sofort begann die Ausstellungsleitung auch mit der Vorbereitung von alljährlich im Faschin stattfindenden Künstlerfesten, deren früheres Domizil, das Künstlerhaus am Lenbachplatz, nicht mehr existierte. Die Überschüsse der Gaudi waren als wichtigster Posten bei der Finanzierung des ambitiösen, nichtstaatlichen Unternehmens eingeplant. Zunächst musste allerdings für jedes Künstlerfest und für jede Ausstellung die Genehmigung des Kultusministers als Hausherrn eingeholt werden. Damit waren Konflikte vorprogrammiert.

Im Juni 1960 erschreckte der Kampfruf gegen die "Kunstdiktatur" die Kulturträger. Gegen das tonangebende Trio, das für dieses Jahr rund 1100 Objekte ausgewählt hatte, machte die "Freie Deutsche und Münchner Künstlerschaft" mobil. Wortführer war Professor Hans-Jürgen Kallmann (dem heute ein Museum in Ismaning gewidmet ist): "Die Gleichförmigkeit und Langeweile dieser Monsterschau ist kaum noch zu überbieten." Den im Haus der Kunst vertretenen Kollegen hielt Kallmann vor, alle Außenseiter zu "terrorisieren".

Bei dem so jäh entbrannten Streit ging es aber wohl weniger um den künstlerischen Anspruch der Repräsentativ-Schau als um einen Platz an der Futterkrippe. Eintrittsgelder und Verkäufe (jedes dritte Kunstwerk erbrachte 50 bis 10000 Mark), dazu öffentliche Zuschüsse, Spenden von 140 deutschen Großindustriellen und die Einnahmen aus den Faschingsfesten in den dafür zweckentfremdeten Kunsthallen füllte die KAssen der privilegierten Künstgruppen randvoll.

Die Rechts- und Finanzverhältnisse waren so geheimnisvoll, dass der Maler Erwin Senft, einer der zornigen jungen Männer unter den Münchner Malern, die Ausstellungsleitung als einen Ableger des bundesdeutschen Geheimdienstes bezeichnete. Er bezog sich auf eine Eingabe von Professor Max Unold von der "Neuen Gruppe", der eine enge Verbindung zwischen dem Freistaat Bayern und der Dreier-Jury durch Hinweise auf eine "östliche Infiltration der Künstlerschaft" zu untermauern versucht habe. Papst-Porträtist Kallmann wollte von einem der "Monopolisten" den Ausspruch gehört haben: "Demokratie im Kunstleben ist ein Schmarrn." Immerhin durften sich die Oppositionellen im Jahr darauf am großen deutschen, fast gesamtdeutschen Kunstreigen beteiligen. Wesentlich Neues brachten sie nicht mit.

Eine weitere vorsichtige Öffnung erzwang das unruhige Jahr 1967. Angesichts des sich anbahnenden Umbruchs in der Gesellschaft konnten die Juroren nicht mehr umhin, auch einigen jungen "Provos" etwas Platz einzuräumen, allerdings nur in den hinteren und oberen Räumen. Immerhin ging der mit 10000 Mark dotierte Kunstpreis des Verlegers Franz Burda an einen dieser Rebellen, den 26jährigen Uwe Lausen, der das Motiv von Macht und Menschenschinderei in grellen Plakatfarben ausgemalt hatte.

Weiter wollte die Traditionsträger die Liberalisierung dann doch nicht treiben. Nur 188 der 601 Künstler, die im "68er-Revolutionsjahr" ausstellen durften, waren unter 65 Jahre alt, die veranstalter vermerkten das wie eine Konzession. Das große Tableau der Bildenden Kunst wurde weiterhin bestimmt durch das Münchner Triumvirat, das seine alljährlichen großen Kunst-Revuen noch lange auf große Namen stützen konnte: Oskar Kokoschka, Karl Schmidt-Rottluff, Georg Meistermann, Otto Dix, Hans Purrmann und andere. Neue, junge, avangardistische Talente blieben bloße Garnierung, sie wanderten in private Galerien.

"Die Ausstellungen der Künstlerverbände waren kein Ort für revolutionäre Ideen und gesellschaftliche Umbrüche; ihre Produktionen sind bis heute weitgehend traditionell ausgerichtet, wenngleich sich auch moderne Positionen finden lassen." Dieses Fazit zog Chris Dercon, Direktor im Haus der Kunst, schon 2008 in einem Gespräch mit dem Autor. Trotzdem hielt Dercon die Selbstorganisation der Künstlerverbände für eine kostbare Tradition, die es gegen die vorherrschenden Regeln des Kunstmarktes und des Ausstellungsbetriebs für das 21. Jahrhundert zu erhalten gelte.

So wird denn auch die "1. Biennale der Künstler", die der Nachfolger Okwui Enwezor initiiert hat, von der alten Ausstellungsleitung ausgerichtet. Diese hat die Künstler ausgewählt, die fortan nicht mehr als Juroren dienen sollen, sondern als Kuratoren. Ausschreibungen und Auswahl der Ausstellungsstücke per Jury gehören der Vergangenheit an, eine wie auch immer geartete Kunst-Diktatur soll nicht mehr stattfinden.

Vom Autor stammt das Buch "Die befreite Muse. Münchner Kunstszene seit 1946".

 

Veröffentlicht am: 28.07.2013

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