Moses Wolff über das HipHop-Festival in Cannstatt

Hier wird genickt bis zur Verneigung

von kulturvollzug

Wer hat meine Limo geripped? Ferris, ein Stern von Cannstatt, hier im Fotostudio. Foto: Four Artists

Jedes HipHop-Festival hat seine Höhen und Tiefen. Drei Dinge sind dabei immer feste Größe: Joints, Kopfnicken, Kompromisse. Was nicht immer schlecht sein muss.

Die Sonne scheint auf den Cannstatter Volksfestplatz, die Fans sind bester Dinge, junge, gut aussehende Frauen in Hotpants chillen neben Topless-Jungs mit Baseballkappen, die Stimmung ist cool und entspannt. Alles ist wohlorganisiert, die Merchandise-Stände stehen in der Mitte des breiten Ganges, der zur Hauptbühne führt, links und rechts gibt es Speis und Trank. Ein bekannter Energydrink-Konzern bietet seine beliebte Ware feil, interessanterweise hat aber ein Getränkehersteller, der sich auf die Herstellung von Biermischgetränken spezialisiert hat, hier den höchsten Marktanteil. Das Logo dieser Firma wird einem an diesem Nachmittag quasi um die Ohren gehauen. Aber das Konzept geht auf, die überwiegend jungen Besucher konsumieren begeistert Bier mit koffeinhaltiger Limonade und Taurin.

Das HipHop-Credo heißt Chillen. Emotionen werden durch Wippen und Nicken ausgedrückt. Ist man mit einem Mitwippenden im selben „Flow“ und möchte ihn begrüßen, sich verabschieden oder schlicht Respekt bekunden, tupft man mit seiner locker aus dem Handgelenk hängenden Faust die seine. Oder bietet ihm grußlos einen Zug vom Joint an. Man zeigt, dass man cool ist, wozu Insider-Fachwissen nicht schaden kann. Wegen der immensen Hitze hält sich das Publikum bis in die frühen Abendstunden bevorzugt im Schatten auf, die Schirme der Baseballcaps helfen nur bedingt gegen die Sonneneinstrahlung. Das musikalische Nachmittagsprogramm ist mit Blumentopf, Leftboy und Tygo zwar hochkarätig besetzt, spielt sich aber aufgrund der Hitze nur auf einem Nebenplatz.

Festival-Gerüchte verbreiten sich wie Lauffeuer, um schließlich durch neue Gerüchte wieder liquidiert zu werden. Das Lineup steht, aber die Zeitpläne ändern sich laufend und man muss immer wieder Kompromisse eingehen, weil man ja die geliebten Acts nicht verpassen möchte. Durch die zwei parallel laufenden Bühnenshows und die dauernden Änderungen gerät man teilweise böse in Terminstress. Zwischen der Haupt- und der Nebenbühne befinden sich zwei Übergänge, die, wie sich rasch herausstellt, beide Einbahnstraßen sind. Die schwäbischen Ordner sind gut ausgebildet und erfüllen ihre Aufgabe mit ernsthaftem Pflichtbewusstsein, so dass Besucher, die versehentlich in eine der augenblicklich komplett menschenleeren Einbahnstraßen eingebogen sind und die paar falsch gelaufenen Meter wieder zurückgehen möchten, aufs Schärfste ermahnt und gezwungen werden, bis zum Ende der Einbahnstraße weiterzugehen, dann die zweihundert Meter bis zur entgegengesetzten Einbahnstraße zu laufen, um wieder in den gewünschten Bereich zu gelangen. Ordneruniform und schwäbische Gründlichkeit – da ist nicht viel Platz für Zwischenfragen.

Der kompromissbereite HipHop-Fan merkt rasch, dass Zeitplanung und Realität ganz und gar nicht miteinander übereinstimmen und die meisten offiziellen Informationen unrichtig sind. Drum behelfen sich die aufmerksamen Gäste selbst und schauen einfach nach, wo was stattfindet. So darf eine erlesene Zuhörergruppe der genialen Performance von Ferris MC, ergänzt durch den großartigen Stylewarz, lauschen. Ferris zieht alle Register, peitscht einen coolen Song nach dem anderen heraus. Das einstige Markenzeichen von Ferris, seine Stimme, ist nicht mehr ganz so heiser wie einst, auch hat man den Eindruck, sein Stimmvolumen habe sich vergrößert. Er kommt mit Wucht daher, das gechillte Publikum erwacht. Lässig schüttelt Ferris einen Querschnitt seines musikalischen Werkes aus dem Ärmel und rasch wird im Publikum nicht nur gewippt, sondern sogar leicht gehüpft. Die Professionalität dieses Ausnahmemusikers ist wirklich erfrischend. Ferris, der ja bekanntlich auch kein schlechter Schauspieler und zudem seit fünf Jahren festes Mitglied von Deichkind ist, versteht sein Handwerk. Nach seinem größten Solo-Hit „Im Zeichen des Freaks“, als die Stimmung bei den Zuhörern kaum noch zu steigern ist, stimmt er bewusst seinen Song „Zur Erinnerung“ als Nachruf für verstorbene Freunde und Kollegen an. Ein sehr persönliches Lied von Ferris, der eine heftige Kindheit und Jugend hatte und sich nie zurückhielt oder schonte. Der Refrain geht durchaus unter die Haut: „Ich hätte nie gedacht, dass es einmal endet, durch dich muss ich erfahren, dass sich jedes Blatt auch wendet, wir können nicht mehr teilen, was ist und einmal war, die Erinnerung an dich nehm ich mit in mein Grab.“

Als Ferris und Stylewarz ihre letzte Nummer performen, hört man von der Hauptbühne sonderbare Klänge von Daft Punk. Was ist da los? Sind die französischen Elektro-Stars, deren Gesichter bis zum heutigen Tag erfolgreich der Öffentlichkeit vorenthalten wurden, im Zeitplanchaos als Secret Act bei einem großen HipHop-Event eingesprungen? Nein. Es ist MAD, der DJ der Beginner, der ein Daft-Punk-Medley vorbereitet hat. Zur großen Freude des Publikums sind sowohl Denyo als auch Jan Eißfeldt alias Jan Delay erschienen, der inzwischen „Eizy Eiz“ genannt wird, was durch einen blöden, aber hübschen Gag mit einer Parodie des Opus-Evergreens „Live is live“, umgewandelt in „Ei Zy Eiz“, untermalt wird. Die Beginner waren ursprünglich als Head-Act angekündigt und sind dementsprechend mit einer barocken Lichtshow angereist, die man allerdings dank des zeitlichen Wirrwarrs im frühabendlichen Sonnenlicht kaum wahrnimmt. Dafür geben auch sie Vollgas und rappen, was das Zeug hält. Noch einmal erscheint Ferris mit einer gelungenen Gast-Rap-Einlage, gefolgt von einer brillanten Beastie-Boys-Hommage zu Ehren des 2012 verstorbenen Beastie Boys Adam „MCA“ Yauch, bei der die beiden Beginner-Frontmänner eigene Strophen zu Beastie-Instrumentals zum Besten geben. Jan Delay, der es sich nicht nehmen lässt, sich wiederholt über die Publikumsforderung nach dem verspäteten Wu Tang-Clan lustig zu machen, singt noch sein „Liebeslied“ - und dann schreitet auch schon der Clan auf die Bühne.

Höchst präsent, stimmgewaltig, aber leider grottenschlecht abgemischt, beginnt die Band ihre Show mit den notorischen ersten beiden Tracks ihres Debutalbums: „Bring da Ruckus“, gefolgt von der Thelonious-Monk-Verbeugung „Shame on a Nigga“. So wird dieser Abend letztlich zu einer wahren Ansammlung von Verneigungen und Ehrungen verstorbener Rap-Legenden, der in der Würdigung des vor neun Jahren verstorbenen Ol´ Dirty Bastard (ODB) beim Anstimmen seines Hits „Shimmy Shimmy Ya“ durch seine WuTang-Kollegen seinen  Abschluss findet. Leider ist der Kopf des Clans, Robert „RZA“ Diggs, nicht mit angereist. Weil sich der namenlose Wu-Tang-DJ nicht die Mühe machen will, Instrumentals abzuspielen, sondern einfach die Albumversionen mit allen Stimmen laufen lässt, hört man den RZA und ODB wenigstens aus der Konserve. Zwischendurch lässt der Method Man eine Tüte durch den Clan gehen. Nach einer Dreiviertelstunde sind die Jungs offenbar so erschöpft, dass sie sich wieder trollen. MC´s halt. Egal, die Fans sind auf ihre Kosten gekommen, haben genügend Biermixgetränke verputzt, die meisten vorgebauten Joints konsumiert und ausreichend gechillt. Gegen 22.30 Uhr ziehen Horden von Baseballkappenträgern zufrieden und brüderlich nach Hause. Und in den Köpfen und den Herzen tragen alle sinnbildlich die Zeilen von Ferris nach Hause: „Sein oder nicht sein, das ist keine Frage. Wir bleiben MC´s bis ans Ende unsrer Tage.“

Moses Wolff

Veröffentlicht am: 25.07.2013

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