Münchner Villa des Literturnobelpreisträgers Paul Heyse in Gefahr

Vergessenes Nach-Weimar

von Karl Stankiewitz

Lauschig bewaldet liegt die Villa da mitten in der Stadt. Foto: Achim Manthey

Das Grundstück an der Luisenstraße 22 in München ist historisch. Dort steht noch die Villa des ersten deutschen Literaturnobelpreisträgers Paul Heyse. Der neue Eigentümer plant, sie abzureißen und durch ein fünfstöckiges Wohn- und Geschäftshaus zu ersetzen. Dagegen regt sich Widerstand. Ein Blick zurück und nach vorn.

Mit ihren Dönerbuden, Rotlichtbars, Basarstrecken und der Zentrale der Sittenpolizei ist die Goethestraße vortrefflich dem Münchner Bahnhofsmilieu angepasst. Ein ähnliches Bild bieten (unglücklicherweise auch vielen ankommenden Reisenden) die beiden Parallelstraßen, welche Friedrich Schiller und Paul Heyde gewidmet sind. Letzterer, der einst dem Berliner Dichterkreis "Tunnel über der Spree" angehört hatte, musste seinen Namen obendrein für den längsten und schäbigsten Straßentunnel der Innenstadt hergeben.

Den großen Dichtern hat die "zweitgrößte Literaturstadt der Welt nach New York" (so der Autor Bernd Setzwein) wahrlich keine Vorzugsplätze im Stadtbild eingeräumt. Könige, Kurfürsten und insbesondere Bildende Künstler kommen da sehr viel besser weg. "Diese Stadt ist völlig unliterarisch", bemerkte der Wahlbürger und spätere Literaturnobelpreisträger Thomas Mann 1918 unter dem Stichwort "Bürgerlichkeit". Und Paul Heyse erinnerte sich 1912, zwei Jahre nachdem er als erster Deutscher den Nobelpreis für Literatur bekommen hatte: "Man sprach selbst in den gebildeteren Münchner Kreisen niemals von Literatur, höchstens von Theater."

Auf der Rückseite wirkt das Villen-Grundstück, nun ja, etwas unaufgeräumt- Foto: Achim Manthey

Neuerdings spricht man wieder vom fast vergessenen Wahl- und Ehrenburger Heyse, wenn auch nicht im Zusammenhang mit Literatur. Die schöne, 183 Jahre alte Villa nämlich, wo er 42 Jahre lang residiert hatte, soll abgerissen werden; auf dem 1300 Quadratmeter großen, bislang noch idyllisch bewaldeten Gelände ist ein lukratives, fünfstöckiges Geschäfts- und Wohnhaus geplant.

1854 hatte König Max II. den 24jährigen Lyriker, Dramatiker und Novellisten aus Berlin nach München berufen und sogleich, zusammen mit weiteren aus dem Norden angelockten Geistesgrößen, zu seinen regelmäßigen "Symposien" gebeten. Auch in Heyses Villa in der damaligen Louisenstraße 13, heute Luisenstraße 22, trafen sich befreundete Großdichter wie Felix Dahn, Gottfried Keller, Franz Grillparzer, Friedrich Hebbel, Emanuel Geibel, Friedrich Bodenstedt, Viktor von Scheffel sowie, als durchreisende Gäste, Theodor Fontane und Theodor Storm, die alten Kollegen vom "Tunnelkreis". Nach dessen Vorbild gründete Paul Heyse die Gesellschaft "Krokodil". Sie sollte junge und alte Schriftsteller ebenso zusammenbringen wie die von Alteingesessenen angefeindeten "Nordlichter" mit einigen urbayerischen Talenten. Darunter Graf Pocci, Franz von Kobell, Karl Stieler und Ludwig Steub, deren Dialektstücke Heyse in einem Almanach erstmals populär machte.

So gedieh München allmählich zu einer Art Nach-Weimar oder - wie Josef von Eichendorff in Berlin spöttelte - zu einer "Klein-Dichterbewahranstalt". Nunmehr musste auch der rasch avancierte Paul Heyse in einem Brief an Detlev von Liliencron seinen Ersteindruck revidieren und anerkennen: "München ist die einzige Stadt in Deutschland, wo Dichter leben können."

Die Villa war das erste bürgerliche Gebäude, das 1830 im Umkreis der Klenzebauten am Königsplatz, hinter der Glyptothek, von einem Hafnermeister errichtet wurde. Ludwig I. persönlich hatte den zweigeswchossigen Bau noch genehmigt - ihm lag an einer dem klassizitischen Ensemble angepassten Palnung. Nach dem Tod der Witwe von Heyse kaufte der Farbenfabrikant Ludwig Rosner Grundstück und Gebäude.

Beim letzten Besuch des Fotografen fand sich am Eingangstor dann auch ein Protestanschlag. Foto: Achim Manthey

Heute gehört die Immobilie dem Gütersloher Hausgerätehersteller Reinhard Zinkann. 2008 beantragte der Miele-Mann beim Münchner Baureferat eine Abrissgenehmigung. Mit einem privaten Gutachten, wonach wegen der sehr starken Kriegsschäden kein Denkmalschutz mehr bestehe, untermauerte er den Antrag, den die Stadt zunächst ablehnte. Als Gutachter der Paul-Heyse-Freunde konnte Professor Florian Zimmermann nun nachweisen, dass die Bauform der seit 1950 so bestehenden Villa den Absichten Königs Ludwig I. aus der Zeit der Glyptothek-Planung und die umliegenden Grünanlagen als "Heiliger Hain" besser entspräche, als der geplante Neubau.

Mit der Rückkehr zu einem Urzustand, so erläutert des Vorsitzende des Bizirksausschusses Oskar Holl das jüngste Gutachten, bildet das heutige Aussehen der Heyse-Villa auch das einzige noch existierende Zeugnis jener Stadtkonzeption, die Karl von Fischer 1809 für die Maxvorstadt eigentlich gehabt hatte, nämlich die einer Gartenstadt. Erst als Klenze die Leitung des Ausbaus der Maxvorstadt übernommen hatte, ist man, nicht zuletzt, weil es wohl zu wenige geldkräftige Käufer für die großen und entsprechend teuren Gartenparzellen der Ursprungsplanung gegeben hatte, zu einer kleinteiligen Blockrandbebauung in diesem Stadtquartier gekommen, so wie in den nachträglich geplanten Seitenstraßen zu sehen.

Während der großartige, aus Steuergeldern bezahlte Umbau einer anderen Künstlervilla, des stadteigenen Lenbachhausen, im April 2013 seine glanzvolle Vollendung feierte, wurde die direkt gegenüber liegende Dichtervilla von Paul Heyse  zum Streitfall. Auf seiner Jahresversammlung warnte der Landesverein für Heimatpflege: Durch Abbruch dieses Kulturdenkmals und den geplanten Neubau würde "die städtebauliche Situation, die in der Baupolitik Ludwigs I. eine besondere Wertschätzug erfuhr, zerstört und das Erscheinungsbild auch der Glyptothek zum Nachteil verändert." Zuvor hatten bereits Mitglieder des Bezirksausschusses Maxvorstadt, voran der unermütliche Ex-Richter Klaus Bäumler, mit Plakaten und Unterschriftslisten ihre Kampfbereitschaft für eines der letzten Münchner Dichterhäuser signalisiert.

"Es geht mir gar nicht darum, Kulturgut zu zerstören", sagte Zinkann seiner Westfälischen Heimatzeitung. Immerhin habe er fünft verschiedene Bauvarianten eingereicht. Was aus dem Anwesen werden soll, interessiert natürlich auch die Nachbarn (Glyptothek, Lenbachhaus, Luisenschule), die von den Plänen überhaupt nicht informiert worden waren, und nicht zuletzt die derzeitigen Bewohner, darunter ein Weinhändler und ein Theaterensemble, das seinen Bus im Hof geparkt hat.

Wie immer eine Lösung aussehen wird, für die notorischen Stadtschützer ist wichtig, dass die Paul-Heyse-Villa nicht ein ähnliches Schicksal erfährt wie die Thomas-Mann-Villa in Bogenhausen: Nach wiederholtem Besitzerwechsel, nach schönen Gedenkstättenplänen und weniger schöner Radikalsanierung hat schließlich ein Banker aus Frankfurt das Ganze erworben und hinter einem Neubau eine das Original nur ungefähr kopierende Hauptfassade gestellt, die Kulturtouristen durch den Zaunspalt hindurch als "Thomas-Mann-Haus" vorgegaukelt wird, aber nach Ansicht des einschlägig engagierten Dirk Heißerer nur ein "Fake" ist. (Wie dieses Haus innen und außen wirklich ausgesehen hat, kann demnächst durch einen von Heißerer inspirierten 3-D-Film auch im Internet betrachtet werden).

Klaus Bäumler hatte schon 2008 im Rathaus eine Gedenktafel am Heyse-Haus vorgeschlagen. Keine Reaktion. Jetzt hofft er, dass sie endlich zum "Tag des Offenen Denkmals" am 8. September 2013 als Säule an der Luisenstraße aufgestellt werden kann. Als diesjähriges Motto haben die Stifter bestimmt: "Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale." Spätestens jedoch zum 100. Todestag des Dichters am 2. April 2014 möchten Münchens Kulturbürger das alte Haus gerettet wissen.

 

 

Veröffentlicht am: 31.07.2013

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Jakob Bader
06.08.2013 09:44 Uhr

Ich war ein paar mal in der Villa und finde, dass es schon eine wichtige Diskussion ist, ob und wie sie erhalten werden kann. Ich würde indes heute dem Eigentümer vorsichtig zustimmen, dass von der eigentlichen Villa, von ihren hochherrschaftlichen Attributen und authentischen Merkmalen aus der Erbauungszeit aufgrund Kriegsschäden und Wiederaufbau eigentlich nichts mehr übrig ist. Und ich möchte darauf hinweisen, dass einem Eigentümer gewisse Rechte zugestanden werden müssen an seinem Eigentum. Der Bezirksausschuss ist nicht Eigentümer und Politik kein Wunschkonzert. Wer bezahlt schafft an und wer anschafft bezahlt, sagt man in Bayern. Ferner muss darauf verwiesen werden, dass die Einwohnerzahl München seit der Gründung der Maxvorstadt ca. 1800 explodiert ist und die anfängliche Gartenstadt-Dichte dort fast nirgends dem Siedlungsdruck standgehalten hat. Selbst hinter der Glyptothek steht im ehemaligen Park die bereits erweitere riesige Mensa der TU. Schöne Grüße, Jakob Bader

Cornel Babel
07.08.2013 09:57 Uhr

Leider kann ich der Argumentation von Herrn Bader nicht ganz zustimmen. Der derzeitige Eigentümer wusste beim Kauf sehr wohl, dass er ein Denkmal erworben hat und hat dementsprechend wenig für die Immobilie gezahlt. Andere potenzielle Käufer sind genau aus diesem Grund abgesprungen, da sie hohe Renovierungskosten fürchteten.

Es ist doch erstaunlich, dass die Villa seit 1942 ununterbrochen unter Denkmalschutz steht und das Landesamt für Denkmalpflege diesen bis heute nicht aufgehoben hat.

Wer zahlt schafft an ist nun wirklich kein griffiges Argument. Artikel 14(2) GG besagt: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." In diesem Fall hat die Allgemeinheit wohl ein nachvollziehbares Interesse am Erhalt der Villa und das Denkmalschutzgesetz gilt nun mal, wie es mit Gesetzen halt so ist, für jeden!

Auch Ihr Argument mit der TU Mensa ist leider nicht stichhaltig genug. Dazu muss man nämlich wissen, dass in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts geplant war die Gabelsbergerstrasse zu einer 4-spurigen Strasse auszubauen. Zu diesem Zweck sollte die gesamte rechte Häuserzeile Stadteinwärts abgerissen werden, was dann aus Geldmangel zum Glück nicht geschehen ist. Genau in diese Zeit fällt allerdings der Bau der TU Mensa, eine Zeit also, in der man sich wenig um alte Bausubstanz gekümmert hat. Abgesehen davon ist die TU Mensa kein 5-stöckiges Gebäude.

Der Argumentation des Eigentümers folgend - und in gewisser Weise Ihrer ebenso - könnte man rund um den Königsplatz nahezu jedem Baudenkmal mit Ausnahme der Führerbauten den Denkmalstatus aberkennen, da nur diese keine Kriegsschäden hatten (Nachkriegsbauten logischerweise auch nicht). Auch der Wiederaufbau der alten Pinakothek durch Döllgast hatte enorme Veränderungen an der ursprünglichen Bauweise zur Folge. Ebenso entspricht die Innenaustattung der Glyptothek nach dem Wiederaufbau in keinster Weise derjenigen, wie sie vor dem Krieg war. Soll man deshalb den Königsplatz und Die Pinakothek den Immobilienhaien Opfern?

Benötigen wir wirklich noch mehr Luxuswohnraum, der lediglich für ein bis zwei Opernbesuche pro Jahr benutzt wird? Haben wir in München die letzten Jahre nicht ausreichend ArchiDRECKtur gebaut (z.B Arnulfpark, Friedensheimer Brücke, Nymphenburger Höfe, etc.)?

Unterstützer gegen den Abriss können sich gerne hier eintragen:

http://chn.ge/120rwhL

Grüße

Cornel Babel

Cornel Babel
04.09.2013 16:56 Uhr

die richtige URL für die Initiative:

http://chn.ge/12OrwhL

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