Zur Debatte um die Diskriminierung von Schwulen und Lesben

Wie München bunt (oder zumindest rosa) wurde

von Karl Stankiewitz

Regenbogenflagge vor dem Münchner Rathaus (Foto: Michaela Handrek-Rehle)

Die Hatz auf Homosexuelle in Russland auch durch offizielle staatliche Stellen nimmt immer absurdere Formen an. Nun hat sich die eigentlich als kremlnah geltende Sopranistin Anna Netrebko immerhin vorsichtig distanziert. Auf ihrer Facebook-Seite schrieb sie vor einigen Tagen aus New York: „Als Künstlerin ist es mir eine große Freude, mit all meinen wunderbaren Kollegen zusammenzuarbeiten – ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, Volkszugehörigkeit, Religion, Geschlecht oder sexuellen Orientierung.“ Dabei wird leicht vergessen, dass auch hierzulande die Diskriminierung von homosexuellen Menschen vor noch gar nicht allzulanger Zeit recht "offiziellen" Charakter hatte. Ein Blick auf die Schwulen-Geschichte in München aus gegebenem Anlass. (gr.)

Am 19. Juli 1973 gingen homosexuelle Männer in München zum ersten Mal auf die Straße, um sich sozusagen als „Schwule“ zu „outen“. Diese beiden Ausdrücke waren allerdings noch nicht in Gebrauch. Ausdrücklich wollte „man“ immerhin versuchen, aus einem gewissen Ghetto auszubrechen und eine Verständnisbasis unter den uninformierten, meist vorurteilsvollen Mitbürgern zu schaffen. Jenen „Heteros“ durfte die „Homosexuelle Aktion München“ (HAM) mit behördlicher Genehmigung vier Tage lang durch Info-Stände in der Fußgängerzone und Flugblätter diese simple Wahrheit bekannt machen: „Homosexuelle Männer sind genauso MÄNNER wie Sie, lesbische Frauen genauso FRAUEN wie Sie, nur dass sie mit ihrem Verhalten die in unserer Gesellschaft  beherrschenden Normenklischees und Verhaltensmuster in Frage stellen.“

Jetzt, nur 40 Jahre später, versammelten sich Veteranen und heutige Wortführer der Schwulenbewegung im Stadtmuseum (wo noch bis 1. September 2013 die Ausstellung „Wem gehört die Stadt?“ läuft) zum kritischen Gespräch über die damalige „sexuelle Revolution in München“, über deren Vorgeschichte, Abläufe und Folgen, über Höhen und Tiefen einer noch nicht abgeschlossenen Phase gesellschaftlicher Emanzipation. Es war ein Aufbruch zu neuen Ufern. Bis dahin bildeten sie nur ein anonymes Stück Subkultur in der Großstadt. Sie trafen sich in schummerigen Kneipen, in Klappen, Saunen, Parks, öffentlichen Toiletten, heimlich und in ständiger Angst vor der „Sittenpolizei“. Von Selbstbewusstsein keine Spur.

Erster CSD in München im Jahr 1980 (Foto: Haase/Abendzeitung)

Keine wesentliche Änderung bewirkte die Ende 1969 beschlossene Streichung des von den Nazis verschärften, die „widernatürliche Unzucht“ verfolgenden Paragraphen 175. „Wir blieben ausgegrenzt, eine unterdrückte Minderheit,“ erinnerte sich einer der älteren Herren. Das „gesunde Volksempfinden“ und seine politischen Protagonisten empfanden weiterhin die „Homos“, die „warmen Brüder“ (Strauß: „Lieber ein kalter Krieger“), bestenfalls als anomal, viele hielten sie schlicht für krank. Tatsächlich suchten nicht wenige derer, die mehr oder weniger zufällig ihre andersgeartete Sexualität entdeckten, Hilfe beim Psychiater. „Ich spritzte mir sogar Hormone,“ berichtete einer. Trotzdem, meinte ein anderer, „war ich nicht unglücklich, ich passte mich halt an.“

Das alles änderte sich erst mit der Studentenrevolte von 1968. Der Kampf um Gleichberechtigung von Minderheiten wurde zum Politikum, begierig mischte sich ein Teil dieser speziellen Minderheit ein. Man traf sich nun regelmäßig und diskutierte, etwa in der „Deutschen Eiche“, und entwarf in kleinen Aktionsgruppen allerlei Modelle. „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ – diese Filmprovokation des Rosa von Praunheim - bei der Ausstrahlung im Nachtprogramm der ARD im Januar 1973 schaltete sich der Bayerische Rundfunk aus - wurde zwar von vielen „Leidtragenden“ kritisiert, stärkte aber gleichwohl ihr kollektives Comingout. „Plötzlich waren wir überhaupt existent.“

CSD-Politparade (Foto: Kornelija Rade)

In der Öffentlichkeit jedoch wurden die Schwulen, die sich als solche wenigstens bekannt machen wollten, zunächst noch keineswegs wahrgenommen. So brachte die Süddeutsche Zeitung kein einziges Wort über die bis 22. Juli 1973 dauernden Info-Tage, während sie immerhin den ersten Münchner Flohmarkt zu melden wusste. Allein die Frankfurter Rundschau wagte es, Kontaktanzeigen von Homosexuellen aufzunehmen.

Klammheimlich entstanden indes in München, rasch hintereinander, einschlägige Arbeitsgruppen (etwa in Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche), Wohngemeinschaften, Zeitschriften, Buchläden, Theatertrupps und Schwule Filmwochen (Rainer Werner Fassbinders Schwulen-Konzept aber wurde abgelehnt), ein Kulturfestival („Viorosa“), Beratungsgruppen (etwa für den schwierigen Umgang mit Polizisten und Soldaten), Spontan-Aktionen, eine „rosa Freizeit“, schwule Väter und andere Grüppchen bis hin zu schwulen Schuhplattlern; geplant war sogar eine Schwule Volkshochschule. 1973 formierten sich auch lesbische Frauen innerhalb der Münchner Männer-Aktion; sie verließen diese aber bald wieder, um in einem Frauenzentrum aktiv zu werden.

Schirmherr OB Christian Ude, Rosa-Liste-Stadtrat Thomas Niederbühl (Mitte rechts) und CSD-Sprecherin Rita Braaz (rechts) (Foto: Kornelija Rade)

Nachdem die Stadt ein leerstehendes Trambahndepot nicht freigeben wollte, genehmigte sie 1974 im Glockenbachviertel, das sich immer mehr zur „rosa Zone“ entwickelte, eine „Teestube“ als öffentlich zugänglichen Treffpunkt für „zwischenmenschliche Beziehungen“; man wollte dort „mehr als Sex“ kultivieren. Die Betreuer dieses auch von Heteros besuchten „Kommunikations-Centrums“ organisierten dann 1976 in München das „Pfingsttreffen schwuler Aktionsgruppen“, zu dem Freunde aus sechs Ländern kamen. Hämisch erinnern sich Zeitzeugen an die „fürsorgliche Belagerung durch die Polizei“; sie haben auch nicht vergessen, dass Passanten die Vergasung der Anwesenden forderten. In einer Ausstellung der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung hing ein Flugblatt der HAM neben einem der RAF. Neonazis sprengten eine Parteienbefragung mit Tränengas.

Wie andere „Errungenschaften“ der 68er-Revolte gerieten auch viele Initiativen und Projekte der „sexuellen Revolution“ nach gut zehn Jahren in Untiefen, Strudel, Entwertung. Zunächst scheiterte ja die Änderung der Gesellschaft, wie man sie anstrebte, schon an damals üblichen ideologischen Auseinandersetzungen. Sie führten zu zahllosen Spaltungen und Gründungen. Es stritten sich bürgerliche und antikapitalistische Kräfte. Die einen wollten Emanzipation, die anderen Integration. Die einen wurden als „Tunten“ oder als „rosa Radler“ verspottet, die anderen, Studenten meist, als Radikalinskis.

Dykes On Bikes bei der CSD-Politparade im Jahr 2010 (Foto: Kornelija Rade)

Der Streit ging nicht zuletzt um Prioritäten: Soll man sich um einen Gedenkstein für die mit dem „rosa Winkel“ gebrandmarkten, ermordeten KZ-Häftlinge kümmern? Wie steht man zur Zweierbeziehung oder gar zur legitimen Homo-Ehe? Ist schwul gleichbedeutend mit (politisch) links? Soll man sich zu einer Partei bekennen (wie sie dann tatsächlich unter dem Logo „Rosa Liste“ entstand und 1996 zwei einen Vertreter (Anm.1) in den Stadtrat entsenden konnte)?

Anfang 1980, lange vor der Ermordung von Sedlmayr und Moshammer, wurden Polizei und Bürger durch sechs sogenannte „Homo-Morde“ beunruhigt. Prominente zahlten auf dem Münchner Männerstrich durchschnittlich 500 bis 1000 Mark. Obendrein drohte Aids, die gespenstische Männerseuche, die immerhin für die Hauptbetroffenen auch einen Fortschritt brachte: Mit der Aidshilfe wurde erstmals eine Organisation als gemeinnützig anerkannt, die von Schwulen getragen wurde.

Aids-Gedenkaktion beim CSD-Straßenfest am Marienplatz (Foto: Kornelija Rade)

Dass sie sich schließlich doch noch eine einigermaßen homogene Interessenvertretung, den eingetragenen Verein für sexuelle Gleichberechtigung (VSG), einigen konnten, verdankten sie einem Mann, der die Münchner „Scene“ zutiefst verunsichert und zum Experimentierfeld für seine Ordnungsvorstellungen gemacht hatte: Kreisverwaltungsreferent Peter Gauweiler. Lauthals bedrohte der CSU-Saubermann die „Risikogruppe“ mit Meldepflicht, Zwangstests und gar mit Berufsverbot. Schon erstellte die Polizei „rosa Listen“. Daraufhin organisierte ein breites Bündnis am 4. April 1987 eine Demo mit über 5000 Teilnehmern, die von Fernsehteams aus mehreren Ländern aufgenommen wurde. Der Bekanntheitsgrad kletterte.

So erwies sich der ungenierte Marsch auf die Straße, wie 1973 begonnen, doch noch als wirksamstes Mittel auf dem mühsamen Weg zur Gleichberechtigung. Schon am 28. Juni 1980 hatte der erste Christopher Street Day (CSD) „der erschlafften Bewegung neue Impulse“ geben sollen; es kamen nicht viel mehr als 50 Teilnehmer. Der bunte Jahrmarkt der Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen wurde aber Tradition und von Jahr zu Jahr pompöser.

CSD 2013 (Gestaltung: Designschule München )

Alljährlich wurden über 3000 Teilnehmer und abertausend Zuschauer gezählt. Viel Gaudi, großer Beifall, keine Beschwerden. München scheint zu einer einzigen großen Toleranzzone geworden zu sein, wo sich auch Menschen mit etwas anderer Veranlagung "dahoam" fühlen können.

„Hat die Gesellschaft die Schwulen eingefangen?“ Mit dieser Frage entließ der Historiker Albert Knoll vom „forum sexualität münchen e.V“ in der von ihm moderierten Erinnerungsstunde im Stadtmuseum seine langjährigen Kampfgefährten. Die planten da bereits ihre Teilnahme am CSD, dem man in diesem Wahljahr das Motto gegeben hat: „Wir wählen: gleiche Rechte und Akzeptanz.“

 

Der Autor hat die Geschichte der Münchner Schwulenbewegung, die schon Ende des 19. Jahrhunderts begann und in der NS-Zeit nach der Röhm-Affäre gewaltsam unterbrochen wurde, ausführlich dokumentiert in seinem „Münchner Sittenbuch“, Schiermeier Verlag.

Anmerkung 1: Die Zahl wurde am 13.8.2013 nach einem Hinweis von Dietmar Holzapfel korrigiert. Bei Wikipedia heißt es hierzu: "Nachdem die Rosa Liste bei den Stadtratswahlen 1990 und 1994 mit 1,0 % bzw. 1,1 % knapp den Einzug in den Stadtrat verpasste, erreichte sie bei der Kommunalwahl 1996 1,8 % der Stimmen und einen Sitz im Münchener Stadtrat." (gr.)

Veröffentlicht am: 12.08.2013

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Karl Stankiewitz

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