Zum letzten Kultur-Empfang von OB Christian Ude

Melancholisch mit Spitzmaus im südlichsten aller Gärten

von Michael Grill

Im Kreise seiner Lieben. Foto: Michael Grill

Soviel Kultur ist selten auf einem Flecken, auch in München, und noch dazu auf so einem schönen. 600 Menschen waren beim Kulturempfang von Oberbürgermeister Christian Ude, wohl zwar nicht alle Künstler, so doch mindestens: "Kulturschaffende". Münchenhistorisch schon jetzt bedeutend: Es war nach 21 Mal der definitiv letzte des OBs Ude, des kunstsinnigsten Oberbürgermeisters, der je Kulturempfänge veranstaltete - denn im nächsten Jahr muss er sein Amt bereits abgegeben haben. Ude blieb staatsmännisch nüchtern, das Publikum war durchaus etwas wehmütig.

 

Der erste Empfang dieser Art - eine originäre Ude-Erfindung - fand 1992 statt, an eben jenem Ort, der zu den schönsten der Stadt gehört: dem Garten des Lenbachhauses. "Welcome home! Der Kulturempfang ist wieder zu seiner Geburtsstätte zurückgekehrt", eröffnete Ude - "die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern. Also praktisch alle hier." Da ging ein Nicken durch die Reihen, und so mancher rief sich noch einmal die Bilder aus der Erinnerung ab, etwa vom (mittlerweile verstorbenen) Maler Rupprecht Geiger, wie er damals als lebende Legende auf einem Bänkchen am Rande saß, vor allem aber auch an das frische, aufregende Gefühl damals am Beginn der Münchner Ude-Zeit: Dass da überhaupt ein regierender Politiker soviel Mühe und erkennbar auch Herzblut investierte, nur um die Kultur um sich zu versammeln.

 

In der Tat wäre es spannend, ein Gruppenbild von damals neben eines vom heurigen Gartenfest zu stellen. Selten könnte deutlicher werden, dass auch in der ja aufgeklärten, kritischen, selbst-hinterfragenden Kulturszene meistens doch die Generationen unter sich bleiben. So fragte man sich durchaus, wer außer Ude denn nun noch Abschied nehmen muss, zumindest von so manchem geschätzten Ritual und so mancher Einladungsliste.

 

Das darf für sich selbst sprechen. Foto: Michael Grill

Dass das Wetter mal wieder mitspielte ("Wenn über München die Sonne lacht, hat das der Christian U. gemacht") und man also wieder im Garten sein konnte, hatte auch den Vorteil, dass man nicht (wie bei der Haus-Wiedereröffnung vor wenigen Wochen) im neuen Foyer ständig den doch weitgehend sinnfreien Wirbel des Herrn Eliasson überm Kopf schweben hatte. Sondern eben jenen Münchner Sommerabendhimmel, der selbst die größten München-Skeptiker betört bis hin zur Thomas-Mann-artigen Schwärmerei.

 

Es war also nicht nur ein wehmütiger, sondern auch ein romantischer Abend, an dem der Brunnen plätschert und die Spitzmaus rennt (ja, auch frisch renovierte Münchner Häuser haben offenbar schon ganze Mäuse-Staaten in den Stein-Ritzen sitzen). Matt glänzten die gefüllten Gläser und es leuchtete der zu Beginn noch ganz jungfrauliche weiße Sand der offenbar ganz frisch beschafften großen Aschenbecher. Denn die Kultur raucht ja meist auch immer noch wie 1992 (und hat dabei eine erstaunlich hohe Überlebensrate).

 

Ude hielt nicht die brillanteste Rede seiner gerade bei diesem Anlass normalerweise besonders guten Ansprachen - aber warum sollte er auch, wo ihm doch als aktuellem SPD-Spitzenkandidat für ganz Bayern jedes Münchner Wort im Munde solange herumgedreht wird, bis es sich aus unterfränkischer oder oberpfälzer Perspektive irgendwie land-feindlich anhört?

 

Hat man da nun wirklich alles richtig gemacht? Foto: Michael Grill

Wie oft hatte man an dieser Stelle in 21 Jahren - durchaus berechtigt - eine große Liste der größten Münchner Kultur-Erfolge präsentiert bekommen. Nun blieb Ude deutlich neutraler. Vielleicht sollte aber auch einfach die Pracht des neuen Lenbachhauses für sich selbst sprechen.

 

Ude also erzählte lieber die Geschichte, dass der Kulturempfang ja offiziell erfunden worden war, damit sich die, ja, Kulturschaffenden aller Sparten treffen und austauschen können. In Wahrheit habe er aber schon als Bub dem Malerfürsten Lenbach seinen traumhaften Garten zum Partymachen mitten in der Stadt geneidet und eine Möglichkeit gesehen, sozusagen einen Jugendtraum zu verwirklichen: "Hier sind Sie mitten in München und zugleich mitten in der Toskana. Südlicher kann man in München nicht sein." Und dann legte er noch eine (wohl wahre) Story obendrauf, die er aber bei gefühlt allen Kulturempfängen seit '92 zum Besten gegeben hat: Dass nämlich der Athener Bürgermeister mal beim Anblick des nahen Königsplatzes gesagt habe: "So einen schönen griechischen Platz haben wir in ganz Griechenland nicht."

 

Südlicher geht nicht. Foto: Michael Grill

Ude ehrte anschließend den Verleger und Sammler Lothar Schirmer, der das Lenbachhaus reichhaltigst beschenkt hat, sowie den Kabarettisten Bruno Jonas mit der Medaille "München leuchtet" in Gold. Schirmer sei "ein Mäzen, den sich viele reiche Leute in München zum Vorbild nehmen sollen." Dieser nannte dann in seiner kleinen Ansprache den nach ihm kommenden Jonas versehentlich nicht "Bruno", sondern "Peter", ist doch Sir Peter Jonas offenbar nicht nur am Nationaltheater noch in den Köpfen. Ude griff den Lapsus dankbar und aber auch in-Schutz-nehmend auf: "Kommen wir nun zur Oper!" Es sei "eine lässliche Sünde", den Bruno einen Peter zu nennen, schließlich habe er selbst den Peter nach dessen Ritterschlag bei der Queen vor lauter Ehrfurcht erst mal "Sir Bruno" genannt... Außerdem habe Jonas zwar bislang nicht am Nationaltheater, aber doch zumindest schon mal am Rationaltheater gewirkt.  Da war sie doch, die alte Schlagfertigkeit.

 

Einmal setzte sich Ude so richtig in die Nesseln des sonst so prächtig blühenden Kulturgartens. Als er nämlich zum Lob für Jonas ausholte und sagte: "So philosphierend gewitzt auf höchstem Niveau (wie bei Jonas) war der Bruder Barnabas auf dem Nockherberg davor und danach nicht mehr." Der Applaus an der Stelle war dünn, geradezu ein verkapptes Buh. Denn für die Zeit vor Jonas hätte man bei diesem Satz in der Münchner Kulturszene sicher eine klare Mehrheit, für die Zeit nach Jonas am Nockherberg ist es aber mit weiteren Akteuren wie Michael Lerchenberg, Django Asül und Luise Kinseher doch etwas komplizierter.

 

Jonas jedenfalls jubelte über die ihm gegebene Auszeichnung: "I gfrei mi narrisch!" Er habe sich aber auch gefragt: "Was habe ich da wieder falsch gemacht?" - denn Lob für einen Kabarettisten sei immer zweispältig. Da schaute sogar die Spitzmaus wieder aus ihrem Loch unter der Treppe heraus.

 

Und was kommt nun? Foto: Michael Grill

Und was kommt nun? Dieter Reiter, den Ude gerne als seinen Nachfolger sehen würde, war schon mal da, fiel nicht besonders auf, wurde aber höchstvorsorglich umgarnt.

 

Man trank und aß, man war melancholisch und ironisch, also wie man halt schon immer war seit 21 Jahren. Gegen 23 Uhr waren dann die Reihen schon merklich gelichtet. Das zumindest war damals völlig anders.

Veröffentlicht am: 11.07.2013

Über den Autor

Michael Grill

Redakteur, Gründer

Michael Grill (1968) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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