Stückl inszeniert Moses in Oberammergau

Viel Pathos, wenig Erkenntnisgewinn beim süffigen Sandalenkino

von Michael Weiser

Balaam Andreas Richter und Moses Carsten Lück. Foto: Arno Declair

Historienschinken im Breitwandformat: Christian Stückl bringt in Oberammegau den "Moses" in der Fassung von Feridun Zaimoglu als Uraufführung auf die Bühne des Passionsspielhauses, mit viel Pathos und satten Bildern, aber wenig Erkenntnisgewinn.

Man könnte meinen, man sei in einem großen Kinosaal, so perfekt wirken die Farben aufeinander abgestimmt. Zwischen Dach und Bühnenbau des Passionsspielhauses schimmert ein Streifen nächtlich-blauen Himmels, darunter zeigt ein stattliches Bühnenbild eine karge Berglandschaft in Wüstenrot. Davor Massen an Volk, mal in Schwarz, mal in Rot, mal in Weiß gewandet - die Farben kennzeichnen die Völker, mit denen man in den kommenden zweieinhalb Stunden zu tun haben wird, Israeliten, Ägypter, Moabiter. Dann ist da noch die wirkungsvolle Filmmusik von Markus Zwink. Und dazu gibt's dank Pyrotechnik das Tohuwabohu der Schlacht in ansprechendster Form: Theater in Oberammergau, das ist immer ganz großes Format, ein Event, das Publikum in Scharen anzieht, zumal, seit Passionsspielleiter Christian Stückl das Haus mehr und mehr öffnet.

Konkurrenzveranstaltung: Der Kampf ums goldene Kalb in Oberammergau. Foto. Arno Declair

Dieses Mal also geht's um Moses, der Mann, der die Israeliten aus der ägyptischen Verbannung geführt haben soll. Moses sagt auf der Bühne des Passionsspielhauses, der Höchste selbst gebe ihm Kommandos, wir müssen es ihm vorerst glauben. Denn Feridun Zaimoglu hat für sein Moses-Drehbuch zwar eine biblisierende Sprache gewählt, aber Gott spielt nicht mit. Moses kann sich auch alles nur ausgedacht haben. Und so drängen sich bald Fragen auf.

Warum bricht Moses wirklich auf, zu welchem Ende zwingt er ein ums andere Mal das zögernde Volk, einen Schritt weiter zu gehen? Des einen Prophet ist des anderen Terrorist. Von einer Gewalttat zur nächsten eilt Moses (Carsten Lück), vor allem gegen Abweichler in den eigenen Reihen gehen er und seine Gefolgsleute unbarmherzig (oder soll man sagen skrupellos?) vor. Es türmen sich die Leichen, und immer heiligt der göttliche Zweck die grausamen Mittel.

Flammender Eiferer: Carsten Lück. Foto: Arno Declair

Al Qaida macht's nicht anders, man muss schon überzeugter Anhänger des alten Testaments sein, um da noch Unterschiede zu erkennen. Zumal man auch in der biblischen Schilderung ebenso wie in Zaimoglus Text eine klassische Aufgabenteilung sehen kann: Da der charismatische, harte Führer Moses, dort der strippenziehende Ideologe Aaron (Frederick Mayet). Bin Laden und seine ideologischen Wegbereiter lassen grüßen. Das Volk unterstreicht in dieser Inszenierung die Rolle der starken Männer: Es nölt oder steht einfach nur rum - es war schon mal mehr Bewegung auf der Bühne des Passionsspielhauses.

Die Bibel behandelt durch die Bank große, ja existenzielle Stoffe. Man kann die Israeliten als Volk ohne Land und die Art von Geschichte erleben, die Identifiktion erst möglich macht. Moses wird derjenige sein, der die Israeliten in diesem Sinne überhaupt erst zum Volk macht, ein Anführer, der ein Gemeinwesen aus Blut und Eisen zusammenschweißt. Die Geschichte erzählt aber auch vom Unwohlsein in der Fremde, ebenso wie vom Missvergnügen am Fremden an sich. Themen, die wir immer wieder aufs neue zu verhandeln gezwungen sind.

Nur, davon ist die Rede nicht in Oberammergau. In der Pracht des Bühnenbildes und der Kostüme von Stefan Hageneier, in der gestelzten Monumentalität der Sprache, die noch dazu bei weitem nicht jeder Darsteller mit der zwingenden Eindringlichkeit von Carsten Lück gebraucht, gehen Details und Grautöne unter.

Eine neue Sicht auf Moses eröffnet der Historienschinken nicht, man wohnt allerdings eindrucksvoll inszeniertem, streckenweise sogar süffigem Sandalenkino bei. Langer Beifall für die Hunderte an Statisten, die Führungsriege, den Chor und das Orchester, vor allem aber für den Moses von Carsten Lück.

Veröffentlicht am: 07.07.2013

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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