"Wagner vs. Verdi" bei den Münchner Opernfestspielen

Aufplatzende Samenkapseln, explodierender Flitter - es stockt einem der Atem

von Michael Wüst

Frech, leichtfüßig und spektakulär, opulent und sinnlich setzt man sich in München mit der Oper an sich auseinander, besonders bei den Festspielen. Mit "Verdi  vs. Wagner", Musik Moritz Eggert, Szene La Fura del Baus, gelang ein zirzensisches Spektakel, das sich der Verehrung der zwei Kulturheroen selbst mit den Mitteln der Gigantomanie annahm. Ironisch, naiv und wahrhaft großartig.

Heraldik des Fluchtwegs. Alle Fotos: Michael Wüst

Gegen 20 Uhr hatte sich der Platz bereits gefüllt. Die Anhänger der toten Giganten waren in Rot für Verdi und in Blau für Wagner bereits in der Nähe gestartet gewesen, musikalisch begleitet durch Blaskapellen. Wer sich keine Farbe ins Gesicht hatte schmieren wollen, es gab Buttons, Verdi- und Wagnerbuttons. In der Überfülle allgegenwärtiger Hinweisschilder, Piktogramme, Werbungen, Firmenschilder und vieler großer, grüner, heraldischer Fluchtwegsfahnen zog mancher es vor, sich in die Stille seines Handys zurückzuziehen. Die Helfer von der Sicherheit waren sorgsam gutbürgerlich rekrutiert worden.

In der ersten Abteilung oder wie wir heute sagen, während des Warm Up, gab es scheppernd helle Trompetensignale aus verschiedenen umliegenden Wohnungen, konterkariert von dunklen Tuben. Dräuend  erscholl so ein noch ungeordnetes Rufen und Raunen einer Unruhe vor dem großen Gefecht.

Noch außerhalb der Absperrung stärkte man sich. Ein Kellner italienischer Herkunft servierte am Nebentisch leicht vorwitzig: Signora, der Goldbarsch, 24 Karat. Wieder dräuende Tuben. Ein scharfer Posaunendoppelschlag, schnell aus der Tiefe kommend, schwarzes C-Dur. Ho-Ho. Das klang wieder nach Wahnfried.

Genug der Vorahnungen. Aufmarsch der Roten. Neben der Residenz hatte sich die Tölzer Stadtkapelle e.V. aufgebaut und gab drei Jingles aus Verdimärschen, sehr witzig das Blech gegen die Klarinetten auseinanderfallen lassend. Vor dem Residenztheater entstand Bewegung auf zwei großen Bühnen. Eingehüllt in Gaze schimmerten die Pultleuchten der großen Orchester des Bayerischen Staatsorchesters hindurch, verstärkt durch das Polizeiorchester Bayern, die Musikkapelle Peter Mayr Pfeffersberg und den Musikverein Eichenau e.V. Insgesamt 240 Instrumentalisten. Hinter den Säulen des Nationaltheaters verbarg sich eine gerüttelt Menge Schlagwerk. Da kam man aber nicht hin.

Verdi auf dem Weg zur Stationierung.

Dann endlich kommen die toten Giganten. Neben der alten Post fahren sie heran, die Kulturraketen. Guiseppe Verdi (Zylinder) und Richard Wagner (Barett), beide liegend und rund neun Meter lang, auf Lafetten. Die zwei Giganten mit dem gemeinsamen Geburtsjahr 1813 waren von der spanischen Wahnsinnstruppe La Fura del Baus aus ihren Bunkern geklaut worden und werden jetzt mit Blaulicht, Heerscharen von Securities, an Krankenwägen vorbei, auf den Opernplatz gerollt. Sondereinheiten in weißer AKW-Werker-Kluft checken etwas dem Kulturkonsumenten Unersichtliches. Wenig später, kaum zu bemerken, stehen plötzlich beide aufgerichtet, stationiert von der Kräne Geisterhand. Livekameras projizieren die Konterfeis von Stefan Hunstein (Verdi) und Wolfgang Pregler (Wagner) auf die Puppenköpfe. Es entspinnt sich ein netter kleiner Dialog, der das mit den Farben schon Angelegte weiterspielt. Die beiden, die sich im Leben nie begegnet waren, frozzeln einander putzig.

Die Giganten frozzeln einander.

Verdi, der Leidenschaftliche, an einem Hirntod Gestorbene, und Wagner, der Kühle, an einem Herztod Gestorbene. Verdi, der Meister des Kantilenen trällernden Melodramma, der Melodiker, und Wagner, der die Seelen Ergreifende, Dramaturg untoter Weltenwanderer und der Liebesvorspiele auf dreistündigen Klangkissen (Isolde) – der Mysterienharmoniker. Wagner, der doch so viel hätte von Bellini und Rossini, wehrt sich mit der Ode an den Abendstern, dass man ihn nicht erinnern könne und Verdi ignoriert alle Anspielungen auf seine Leichtigkeit, hat doch seit längerem eine Fee in wehendem Weiß auf seiner Schulter Platz genommen. Pah!

Erkennen Sie die Melodie? Natürlich geht es zwischen den Dialogen weithin durch die Literatur der Giganten. Moritz Eggert figuriert und konterkariert und verschmilzt das alles wunderbar. Verdi und Wagner, das ist der totale Rausch! Dazu ziehen die Katalanen von La Fura del Baus alle Register, sie überrollen die dichtgedrängte Menge förmlich. Ein sonnenkönigliches Fest! Himmel über München!

Da schwenkt ein Spot auf das Dach der alten Post. Für einen Augenblick stockt 10.000 der Atem. Die Handys senken sich. Eine rote und eine blaue Figur tanzen auf der Schräge des Dachs! Kurz erholt versteht man: Versöhnung der Gegensätze? Und kaum hat man Luft geholt, da senkt sich gegenüber das Pferd Grane zum Walkürenritt zwischen die Köpfe der Streithansel! Ihre Körper dampfen und pulsieren, irgendetwas scheint in Gang gekommen zu sein. Eine Unio Mystica?

Aber was ist das jetzt, da im Augenwinkel rechts oben? Sehen wir recht? Auf dem Architrav des Operntempels, vor dem Fries zwischen Heroen und Göttern aus Stein über den Säulen, ist da ein Engel erschienen? Nein, eine Muse ist´s! Tatsächlich, der Spot hebt Euterpen aus dem Stein in großer Höhe. Mit klarer Stimme und blendenden Armen verkündet sie den Schiedsspruch. Man vereine Hirn und Herz der beiden Giganten, respektive man gebe Verdi Wagners Hirn und Wagner Verdis Herz. Wie das gehen soll, ohne dabei nicht auch jeweils abzuspecken, das sei der Zauberei des Theaters geschuldet. Seien Sie doch nicht so blau!

Wagner und Verdi. Das ist der Rausch.

Verdi und Wagner lautet also der köstliche, göttliche Ratschluss. Das kann nur ein Finale Grande nach sich ziehen. Wieder scheint ein Bild wie aus dem Himmel zu kommen. Weiße Punkte, Knäuel, es sind ganze 35 Tänzer-Artisten an der Zahl, die herabschweben. DNS, Genome, Genien? Zu den schweren, tektonischen Schlägen von Eggerts Vereinigungshymne, platzen die Samenkapseln auf, springen und zucken, verbinden sich untereinander zu Sternen. Ein Banner hat sich entrollt. Roter und blauer Flitter explodiert. Dazu die Zukunftsmusik Eggerts. Berauschend.

Veröffentlicht am: 02.07.2013

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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