Rundgang über die Biennale 2013 in Venedig

Wir lesen auf, wir tauschen, wir staunen - und Außenseiter triumphieren

von kulturvollzug

Serge Spitzer "Ai Weiwei Ghost Gu Coming Down The Mountain" entstanden 2005/2006 (Foto: Axel Schneider)

Eine objektverliebte Biennale mit schulmeisterlichem Unterton überrascht durch eine mutige Jury-Entscheidung: Der Goldene Löwe für den besten Künstler geht an den subtilen Meister des Immateriellen, Tino Sehgal, der Löwe für den besten nationalen Pavillon an den politisch aussagekräftigen Beitrag der Republik Angola.  Der informelle Favorit Frankreich geht leer aus.

Deutsch-französisches Zwischenspiel

50 Jahre deutsch-französische Freundschaft verlangen nach einem wirkmächtigen Zeichen: Die nationalen Pavillons beider Länder, in den Giardini de la Biennale einander gegenüber erbaut, wurden anlässlich des 50. Jahrestages der Élysée-Verträge für die diesjährige Biennale getauscht. Der deutsche Beitrag befindet sich heuer linker Hand, im Pavillon mit der Aufschrift „Francia“, der  französische Beitrag rechts, im Pavillon „Germania“.

Ein Selbstportrait von Santu Mofokeng aus dem Jahr 2006 (Foto: Santu Mofokeng)

Abgesehen von dieser symbolischen Entscheidung, die die insgesamt fünf teilnehmenden Künstler sowie die beiden Kuratorinnen (Susanne Gaensheimer für Deutschland, Christine Macel für Frankreich) jeweils vor veränderte, räumliche Herausforderungen stellt, bestehen zwischen den beiden keine inhaltlichen Bezugspunkte: Eine international besetzte Gruppenausstellung (Ai Weiwei, Santu Mofokeng, Romuald Karmarkar, Daynita Singh) unterstreicht Deutschland, eigentlich aber schon wieder Berlin,  als Anziehungspunkt einer weltweiten  Szene. Politische Akzente gelingen der Kuratorin vor allem mit einer raumgreifenden Installation Ai Weiweis, deren waghalsige Komposition bereits durch den offenen Torbogen am Eingang des Pavillons sichtbar wird: Dreibeinige Hocker, wie sie traditionell von chinesischen Arbeitern und Handwerkern benutzt werden, sind im Zentrum der Rotonde aufgetürmt. Die Wahl des Künstlers und seine zentrale Position innerhalb der kreuzförmigen Raumsituation  erweist sich als eine gelungene Antwort auf die Monumentalität der französischen Pavillonarchitektur.

Auch bei den Franzosen fiel die Wahl auf einen Künstler mit internationalem biographischen Hintergrund. Im Gegensatz zu Deutschland handelt es sich beim albanischstämmigen Anri Sala jedoch um eine Einzelposition, die unmittelbare, architektonische Eingriffe wagt:  Anstatt über die Treppen des Haupteingangs erreicht man Salas Videoinstallation „Ravel Ravel Unravel“ durch den linken Seiteneingang des deutschen Pavillons und verlässt sie hinten rechts durch den Notausgang. Im Inneren herrscht zunächst Stille. Der Pavillon ist in gegeneinander abgeschlossene, schallisolierte Räume unterteilt. Messerscharf und präzise erklingen im ersten Abteil zwei Interpretationen von Ravels Klavierkonzert für die linke Hand in D-Dur, geschrieben 1929 bis 1930 für den kriegsversehrten Pianisten Paul Wittgenstein.

Dayanita Singh (Foto: Vicky Roy)

Salas Video konzentriert sich auf den Kontrast zwischen dem dynamischen Spiel der linken Hand im Gegensatz zur schlaff herabhängenden rechten Hand der Pianisten. Zwei Mal hört der Besucher exakt dasselbe Musikstück, interpretiert vom Franzosen Jean-Efflam Bavouzet und vom Kanadier Louis Lortie. Die akustische Differenz, die durch den interpretatorischen Spielraum der beiden weltberühmten Pianisten entsteht, ist Ausgangspunkt der dritten Videoinstallation, in welcher Chloé Thévenin, DJ und Live-Musikerin des Pariser Nachtklubs  Re, beide Versionen auf dem Plattenteller zusammenmischt. Gefilmt wurde im deutschen Pavillon. Anri Salas Arbeit ist inhaltlich kohärent und erzeugt jene dramaturgische Spannung, die den Betrachter bis zum Ende der Videos vor der Projektion ausharren lässt – die länger und länger werdende Schlange vor dem deutschen Pavillon (sonst Erkennungsmerkmal der benachbarten Briten, heuer vertreten durch Jeremy Deller), ist offensichtlicher Beweis dafür.

Romuald Karmakar im Jahr 2012 (Foto: Romuald Karmakar)

Bleibt man tatsächlich bis zum Ende des dritten Films, so erlebt man einen überraschenden Wendepunkt in Salas Arbeit: Die Kamera schwenkt weg vom konzentrierten Gesicht Chloés und deren Plattentellern, hinauf zum Fenster des deutschen Pavillons, durch das man auf der Fassade gegenüber die Aufschrift „Francia“ hell im Sonnenlicht glänzen sieht. Eine Fußnote zur deutsch-französischen Freundschaft? Oder ein persönlicher Kommentar zur veränderten Raumsituation, die Salas präziser Vermessung zur perfekten Klangformung, die zunächst auf den französischen Pavillon zugeschnitten war, einen Strich durch die Rechnung machte?

Triumph der Außenseiter

Im  Wettstreit der in den Giardini vertretenen Nationen ist heuer kein Goldener Löwe auszumachen. Die informell als Favoriten gehandelten, französischen und britischen Beiträge, bespielt von den beiden Superstars Anri Sala (Frankreich) und Jeremy Deller (Großbritannien), gingen leer aus. Glänzte Frankreich vor allem durch ästhetische Perfektion nahe am Akademismus, so war der britische Pavillon eine ironische, ästhetisch vielgestaltige Auflistung aller Zutaten des gegenwärtigen, britischen Selbstverständnisses: „English Magic“ vereinte archaische Symbolik (Stonehenge) mit Natur-und Jagdsportmotiven (von Prinz Harry trotz Verbots gejagte, seltene Vogelrassen), militärische Machtdemonstration einer verblassten Colonial Power mit spitzen Seitenhieben auf das Königshaus. Die  Gratwanderung  zwischen Ironie und konstruktivem, erfrischend freiem Umgang mit Versatzstücken der „Britishness“ beherrscht Deller meisterhaft.  Er orchestriert und arrangiert, fügt zusammen, was man instinktiv als heterogen erlebt, und erreicht durch die Aktualisierung betont penetranter Klischees – wie zum Beispiel die zeremonielle Tea-Time, diesmal aber im Hinterzimmer– humorvolle Distanz beim Betrachter.

Ai Weiweis "Bang" (2010-2013) besteht aus 886 antiken Stühlen (Foto: Roman Mensing, artdoc.de in Zusammenarbeit mit Thorsten Arendt)

Die diesjährigen Jurymitglieder (darunter Bisi Silva, Kuratorin aus Lagos) gelangten zu einer überraschend politischen Entscheidung, mit der sie sich von der apolitischen Grundtendenz der Biennalenausstellung „Il Palazzo Encyclopedico“ (Kurator: Massimiliano Gioni) deutlich distanzierten. Angola, zum ersten Mal in Venedig vertreten, gewann mit seinem Beitrag „Luanda - The Encyclopedic City“ den goldenen Löwen. Prämiert wurde damit eine Ausstellung in einem der zahlreichen Off-Pavillons der Stadt, die ohne die Juryentscheidung vielen Journalisten und Kuratoren wohl entgangen wäre.

Im Privatmuseum des Palazzo Cini im Stadtviertel Dorsoduro, umringt von hochkarätigen Meisterwerken der venezianischen Renaissance, waren zwei sehr unterschiedliche Beiträge unter einem Dach vereint: eine Rauminstallation in situ und eine Auswahl moderner, angolanischer Malerei in musealer Hängung.  Zunächst gelangte man über eine schmale Wendeltreppe in das erste Geschoss des Palazzo Cini, wo jeder Besucher eine überdimensionale Mappe aus rotem Karton, vor seinen Augen einzeln gefalzt, in Empfang nahm. Jene, die das unpraktische Format zunächst verweigerten, machten bereits im ersten Saal des Museums kehrt. Nur mit der Mappe war es möglich, Edson Chagas zur Mitnahme gedachte Poster-Fotodrucke der Serie ‚Found not Taken‘, aufgenommen in der Hauptstadt Luanda, einzusammeln und trotz des dünnen Papiers unversehrt zu transportieren.  Chagas Aufnahmen folgen einer journalistisch-dokumentarischen Ästhetik und zeigen beiläufige, informelle Motive aus den Straßen Luandas - ausrangierte Einrichtungsgegenstände oder Computerteile als Sperrmüll, abbröckelnde Fassaden oder menschenleere Wohngebäude;  jeweils zu Stapeln von 3000 Stück in limitierte Auflage geleimt, konnten die Poster von den Besuchern zu einer persönlichen Sammlung kombiniert werden.

Französischer Pavillon (Foto: Institut français)

Erinnerte die Handlungsaufforderung  an den Besucher, ‚aufzulesen‘ und  ‚mitzunehmen‘ unwiderruflich an Felix Gonzalez-Torres‘ Arbeiten aus den Neunziger Jahren, so erzeugte der museale Kontext des Palazzo Cini und die repetitive Qualität der Geste (eine Serie von 30 unterschiedlichen Plakaten verteilt auf drei Räume stand zur Auswahl) eine Aktualisierung der künstlerischen Aussage. Im Mittelpunkt stand hier – gleichsam als Metatext – das Nachdenken über den Gestus des Sammelns, Katalogisierens und Bewahrens, der sich über drei unterschiedliche Ebenen spannte: Eine historisch konstituierte (Privat-) Sammlung umschließt eine temporäre, künstlerische Intervention, die wiederum zur Konfektion einer persönlichen Sammlung aus den dargebotenen Elementen seitens des Besuchers anregt.

Die in der Menschheitsgeschichte langfristig belegbare Tätigkeitsabfolge ‚Auswählen- Sammeln - Besitzen‘ entspringt einem basalen Reflex, der sich die methodische Erschließung der sinnlich wahrnehmbaren Welt zum Vorsatz nimmt. Epochenspezifisch wird dabei nach spirituellen, rationalen oder technologischen Kriterien sortiert. „Enzyklopädisch“ ist gleichbedeutend mit „systematisch“ – die Erschließung der Welt erfolgt gemäß eines zuvor festgelegten Regelsystems, das sich der Mensch selbst vorschreibt, um es konsequent anzuwenden. Philosophische Voraussetzung für jegliche katalogisierende Tätigkeit  ist die ontologische Unterscheidung zwischen ‚Objekt‘ und ‚Subjekt‘, dem  ‚Selbst‘ des Sammlers und dem ‚Anderen‘, zu Sammelnden, egal ob es sich um lebendige Wesen handelt, um Dinge oder abstrakte, begriffliche Ordnungen. Mit seinem expliziten Bezug zur Gesamtthematik der Biennale erfüllt der angolanische Pavillon eine wichtige Aufgabe in der Untersuchung von Prozessen zur  Erfassung und Systematisierung von Wissen. Die Thematisierung der „Sammlung“ ausgehend von zwei sehr unterschiedlichen, konzeptionellen Gesichtspunkten stellt vor allem die Frage nach möglicher Korrespondenz zwischen chronologischen Systemen, wie sie in Museen vorherrschen, und rhizomatisch vernetzten, flexiblen Wissensstrukturen, wie sie vor allem in virtuellen Medien Raum finden.

Gefangen in der Monomanie des Sammlers

Gleich am Eingang des ersten Teils der Ausstellung „Il Palazzo Enciclopedico“ im Arsenale bekennt sich das kuratorische Konzept Massimiliano Gionis zu einem entgrenzten Kunstbegriff, der sich anhand der kolossalen Arbeit  „Der Turm von Babel“  des autodidaktisch schaffenden Auriti  eindrucksvoll erfahren lässt.

Deutscher Pavillon 2013 (Foto: Thorsten Arendt)

Sehr beiläufig vermischt Gioni die künstlerische Produktion unterschiedlicher Epochen (19., 20. Jahrhundert) mit zeitgleich auftretenden geistesgeschichtlichen Projekten. Dokumentarisches Material wie etwa Tafel-Diagramme Rudolf Steiners, angefertigt für seine Studenten, steht Seite an Seite mit Arbeiten autodidakter Außenseiter-Künstler. Umgekehrt erinnern von Künstlern angefertigte Serien wie „Plötzlich diese Übersicht“, ein Zyklus von Tonfiguren des Schweizer Duos Fischli und Weiss (gestorben 2012) ihrerseits an die Ästhetik von Art Brut. Was der diesjährige Kurator der Biennale, Gioni, durch die Auswahl vornehmlich serieller Arbeiten ausdrückt, ist nicht so sehr die formale Diversität künstlerischer Wissensproduktion, sondern eine weitgehend unbewusste Verführung zur Geste des Sammelns an sich. Visionslos und an manchen Stellen durchaus pedantisch anmutend, wird diese zum reinen Selbstzweck.

Viele eigens für diese Biennale – und mit offensichtlichem Aufwand – eigens produzierte Arbeiten wie zum Beispiel Pawel Althamers „Venetians“, lebensgroße, in PVC gegossene, physiognomische Studien venezianischer Stadtbürger,  lassen den Betrachter als passiven Empfänger und nicht als aktiven Träger von Information erscheinen.  Besonders das sehr zeitgenössische Medium Video (etwa bei Camille Henrot, Aurelien Froment) , das in Gionis Ausstellungsteil im Arsenale dominiert, überrascht hier großteils durch seine Unfähigkeit, den Betrachter mit einzuschließen.

Marlène Rigler

Die Autorin ist Kunsttheoretikerin und Kuratorin, derzeit künstlerische Leiterin des Haus für Gegenwartskunst von Montreuil, "Le 116", das im Oktober 2013 im Süden von Paris eröffnet wird. Von Oktober 2009 bis Dezember 2012 leitete sie in München die Platform3, die unter ihrer Führung ein international ausgerichtetes Pilotprojekt zwischen Kunst und Ausbildung war.

Veröffentlicht am: 14.07.2013

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