Odyssee durch die Neunziger

von kulturvollzug

Zum Heimfinden brauchen wir diesmal ein bisschen länger: Unter der Regie von Christiane Pohle spielen Schauspieler des dritten Studienjahres der Otto-Falckenberg-Schule im Werkraum der Kammerspiele „Jeff Koons“ von Rainald Goetz. Eine ziemlich verwirrende Odyssee durch die 90er Jahre.

Bumm, bumm, bumm, bumm, bumbumbumm: Technosound hämmert durch die Wände, klar und deutlich nur zu vernehmen, wenn sich die Stahltür kurz öffnet. Rausgehen ist einfacher als hineingehen, schließlich lauert der Türsteher. Und der braucht gar keinen echten Grund, um jemanden abzuweisen. Ein echter Souverän, anders als die anderen muss er keine Reden schwingen: Du bleibst draußen, weil du mir widerwärtig bist.

Wer bei Christiane Pohles Inszenierung von Rainald Goetz Stück „Jeff Koons“ im Werkraum Platz nimmt, bleibt draußen: vor der Tür und aus der Unterhaltung, am Rande der Tanzfläche, am Schlüsselloch eines Schlafzimmers, vor den Schaufenstern einer Galerie. Nur dabei statt mittendrin, weil man ja auch die Regeln nicht kennt und nicht die Codes, die einem Kunst- und Medienphänomen wie Jeff Koons den Aufstieg zum Superstar der Kunst ermöglicht haben.

Dabei geht es nur am Rande, ganz am Rande, um Jeff Koons. Vielmehr hat der Münchner Goetz, bekanntgeworden durch seine Rasiermesserselbstverstümmelung beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, eine Collage der 90er Jahre abgeliefert, einen Abgesang auf die inhaltsleeren und bedeutungsschwangeren Diskurse jener Zeit (wie auch folgender Zeiten), ihre Schwerelosigkeit, Orientierungslosigkeit und Unbestimmtheit, in ihrem aufgeschäumten Größenwahn, als so etwas wie Sex „irgendwie“ ganz schön war und ein letztes Mal verrucht.

Ja, der Sex, womit wir wieder bei Jeff Koons wären. Der Amerikaner reüssierte zunächst, indem er Kitsch und Comicfiguren zum Kunstobjekt adelte. Pink Panther in der Vitrine, irgendwie schon Kunst: Wer wollte, sah darin ein Ready-made in der Tradition von Marcel Duchamps.

„Made in Heaven“ betitelte Koons dagegen eine Serie, die ihn beim Sex zusammen mit der ihm frisch angetrauten Pornodarstellerin Ilona Staller alias Cicciolina zeigt – es war womöglich das letzte Mal, dass derlei in Kunstmetropolen für einen Skandal gesorgt hat. Im Werkraum tauscht sich die Party-Gemeinschaft aus: „Sie ficken, sie poppen, sie tun es, sie machen es, sie macht es sich...“ Ein Alter Ego des Künstlers nimmt die Worte auf, brüllt sie in Kasettenrekorder, die, in einer Reihe eingeschaltet, eine Kakophonie ertönen lassen, Persiflage auf Koons Geschäftsidee ebenso wie auf die Eigenarten der Elektro-Popmusik seit jener Zeit, mit Loops, remixed. Der nüchterne, blau ausgeleuchtete Raum, den Bert Neumann gestaltet hat, unterstützt die Zeitreise ganz gut, ist vielleicht – neben der Techno-Musik – das schlüssigste Mittel an diesem Abend. Den jungen Schauspielern der Falckenberg-Schule verlangt dieser Wort-Katarakt vieles ab, vor allem Spaß an der jeweiligen Situation – und der immerhin war zu spüren.

Es kommt nur auf den Klang an, nicht auf den Inhalt der Worte. Man sagt irgendwas und meint irgendwas, „oder doch umgekehrt. Schaun wir mal“, wie ein Schauspieler am Anfang sagt. Ist das ein Lebensgefühl? Wenn ja, dann ein verworrenes. Waren die Neunziger so schlimm? Hm, zu lang her. Man müsste vermutlich was eingeworfen haben, um dem zu folgen.

Ein Stück jedenfalls sieht man nicht, keine Handlung, nur manchmal so etwas wie eine Rollenzuordnung. Eine dieser Ausnahmen führt gegen Ende zu einem Highlight: Oliver Konietzny gibt den Galeristen mit einer inhaltsleeren und so ähnlich schon öfter gehörten Ansprache gekonnt: real und doch feine Satire, schönstes Phrasenballett. Auch Peter Faschings Künstler beim Vernisssagengespräch – hm, jaja, ja? - hat hohen Wiedererkennungswert.

Da steht allerdings schon der Reinigungsdienst auf der Matte und stopft die liegengebliebenen Kleidungsstücke in den Müllsack: „Abfall für alle“ steht drauf geschrieben. Auch das ein Wort von Rainald Goetz, vielmehr: der Titel eines kurz nach „Jeff Koons“ geschriebenen „Online-Tagebuchs“. Ob sich Goetz und zehn Jahre später Regisseurin Christiane Pohle einen Spaß mit den Theatergängern erlaubt haben? Sind ja schließlich auch nix anderes als die Besucher einer Vernissage. Es war an diesem Abend im Werkraum der Kammerspiele wie früher im Club: Rausgehen ist einfacher als Reinkommen.

Jan Stöpel

Veröffentlicht am: 25.01.2011

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