Impressionen vom Klangfest 2013 (I)

Geld für neue Schuhe und die Pamplemoussentorten-CD

von Katrin Kaiser

Mit Mista Wicked beginnt das Klangfest (Fotos: Salvan Joachim)

Das Wetter meinte es gut mit dem Klangfest am vergangenen Samstag. Es ist so sonnig und warm, dass man sich gerne draußen aufhält, bei der Open-Air-Bühne und dem Essensstand auf dem Gasteig-Vorplatz. Es sind aber auch noch keine Schwimmbadtemperaturen, die von einem Konzertbesuch in der Black Box oder im Carl-Orff-Saal abhalten würden. 32 Ensembles, bestehend aus insgesamt 168 Künstlern, präsentieren sich bei der publikumsorientierten Leistungsschau der Münchner Labels.

„Kommt's doch alle mal vor!“ ruft der Moderator auf der Open-Air-Bühne. Das erste Klangfest-Konzert soll nicht vor einem Publikum stattfinden, das meterweit entfernt steht. Ein Problem, das sich im Laufe des Nachmittags von selbst erledigen wird: Von Konzert zu Konzert wird es voller auf dem Gasteig-Vorplatz. Am Abend wird der Zugang zur Philharmonie sogar mit Absperrband abgetrennt – damit die Besucher, die zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks möchten, bequem ihren Weg durch die Menge finden. Bei den Indoor-Konzerten von Münchner Lokalgrößen wie Phil Vetter und Elektrik Kezy Mezy ist der Andrang später so groß, dass lange nicht mehr jeder, der gerne würde, in den Konzertsaal kommt.

Die erste Band des Tages stammt aus Rosenheim und macht bayrischen Reggae mit Bläser-Sektion: Mista Wicked & Riddim Disasta. Ein bisschen LaBrassBanda, ein bisschen Hans Söllner. Die Texte beschwören die urbayrische Eigenheit und ländlichen Tomatenüberfluss im Sommer. Der Sound ist solide. Spaß macht es zu hören, wie die breite Vokallastigkeit des Bairischen mit dem Reggae-Beat harmoniert: „A Baia bleibt a Baia und wead imma a Baia sai.“

Lange, lange Schlangen vor dem Kleinen Konzertsaal. 

Während sich draußen Familien mit Picknickdecke, Rasta-Jugendliche mit Feierwerk-Tasche und Jeanshemdenträger mit Bürstenhaarschnitt im Takt wiegen, wird drinnen eifrig über nordischen Jazz diskutiert: Das norwegische Trio In The Country, das beim Münchner Label ACT unter Vertrag ist und abends im Carl-Orff-Saal spielen wird, ist gerade bei Oliver Hochkeppel in der Medienlounge.

Im Gang und im Foyer der Konzertsäle präsentieren sich die Labels und einige Ensembles an Info- und Verkaufstischen. Irgendwo dazwischen bedient ein Klangfest-Mitarbeiter ein Mini-Mischpult. Später geht er mit einem kleinen MP3-Player durch die Warteschlange vor dem Kleinen Konzertsaal. „Haben Sie ein Geräusch, das Sie hier gerne beisteuern möchten?“ fragt er die Leute. Die meisten gucken erstaunt und schütteln den Kopf. Wenige werden klangmäßig kreativ, pfeifen, schnippen mit den Fingern, imitieren Käuzchenrufe. Die Geräusche werden aufgenommen und dann später in den Geräuschteppich im Foyer eingestreut. Ob man wohl fähig sein wird, das eigene Fingerschnippen wieder heraus zu hören aus der allgemeinen Geräuschkulisse? Wahrscheinlich nicht. Aber eine nette Idee ist dieses kleine Klang-Intermezzo zum Mitmachen trotzdem.

Draußen spielt inzwischen die Gruppe, die den Kulturvollzug-Bandwettbewerb gewonnen und sich damit den letzten freien Platz auf der Open-Air-Bühne gesichert hat: Cluefish aus Dachau. Von den acht Musikern sind heute nur sieben da, der achte spielt gerade beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“. Jung und begabt sind auch die sieben Jungs, die jetzt zusammen spielen. Teilweise sind sie Studenten, teilweise gehen sie noch zur Schule. Als wichtigen musikalischen Einfluss nennen sie auf ihrer Homepage The Cat Empire. Das hört man heraus bei ihrem Klangfest-Auftritt. Doch ist das, was Cluefish da abliefert, viel mehr als die Kopie einer etablierten Popband.

Diese jungen Musiker machen es, wie man das heute wohl so macht: Man schaut sich alles an und nimmt sich dann aus jeder Musikrichtung, jeder Lebensphilosophie und jedem Stil, das was einem am besten gefällt, fühlt sich mal als Rastafari, mal als Comedian Harmonist. Musikalisch gelingt Cluefish diese Gratwanderung erstaunlich gut – weil sie technisch gut sind und gleichzeitig sichtlich großen Spaß an dem haben, was sie tun. Ihr scherzhafter französischer Song über eine verschwundene „Tarte au Pamplemousse“ ist genauso eingängig wie das programmatische Stück „Roots Reggae“. Sechs Lieder hat die Band, die sich im vergangenen Jahr gegründet hat, bereits im Repertoire. Die wollen sie in den nächsten Monaten noch weiter einüben, sagen sie nach dem Konzert in der Medienlounge. Und wenn sie es so lange zusammen aushalten, soll dann auf jeden Fall auch ein Album folgen. Vielleicht ist ja heute schon ein Münchner Labelvertreter auf die Band aufmerksam geworden.

Im Grunde geht es beim Klangfest ja auch ums Geschäft. Mit der Frage, wie man es schafft, ohne finanziellen Ruin ein Album aufzunehmen, beschäftigte sich bereits mittags vor dem ersten Konzert eine Diskussionsveranstaltung zum Thema Crowdfunding.

Tim Ellis, der Frontman des englischen Americana-Folk-Trios Ghost Trains, das seit kurzem beim  Label Beste!Unterhaltung unter Vertrag ist, bringt das Geschäftliche nach seinem Konzert auf einen simplen Nenner: „Buy our CD, so I can buy new shoes.“ - und hält charismatisch lächelnd einen seiner Bikerstiefel mit abgelöster Sohle in die Luft.

Gerne nimmt man an diesem Tag die ein oder andere Neuentdeckung auf CD mit nach Hause. Lange hat man nicht alle interessanten Künstler auf der Bühne sehen und hören können, zu groß ist das Angebot und die Festival-typische Gleichzeitigkeit. Alles in allem aber ein Tag voll spannender Begegnungen zwischen Jazz, Reggae, Folk und Pop.

 

Veröffentlicht am: 19.05.2013

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Norbert Stammberger
21.05.2013 18:55 Uhr

Die Klangsammlung hat kein Klangfest-Mitarbeiter gemacht, sondern ein Mitarbeiter vom Label GNU Records (Stand 19, vor dem Kleinen Konzertsaal). Und das Konzert der Band dieses Labels "Mambo Varèse" sollte hier auch Erwähnung finden. Das war nämlich ziemlich aufregend und inspirierend!

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