Lenbachhaus - die Geschichte hinter dem aktuellen Besuchermagneten

Das Zauberschloss

von Karl Stankiewitz

Das Lenbachhaus erstrahlt in neuem Glanz und auch der Garten kann wieder genutzt werden (Foto: Achim Manthey)

Für 220 000 Mark hatte der aus Schrobenhausen zugezogene Maurermeistersohn Franz Lenbach 1886 das freie Gelände vor den Propyläen, direkt am Stadtrand, von der Künstlerfamilie Heß erworben, für eine bewohnbare, repräsentative Villa und ein großes Atelier. Den Platz vor dem Königsplatz wollte Ludwig I. als Entrée des neuen Museumsviertels gestalten. Sein Architekt Leo von Klenze entwarf deshalb zwei bogenförmige Grünanlagen beiderseits der Brienner Straße, und der König bestimmte, „dass auf denselben nie und zu keiner Zeit für alle Zukunft ein Gebäude aufgeführt werden dürfe“. Daran hat sich die Stadt trotz mancher Begehrlichkeit bis heute gehalten - sogar beim jetzt fertiggestellten Erweiterungsbau für das derzeit neu erstrahlende Lenbachhaus.

Lenbach musste seine Villa samt Atelier daher ein Stück zurücksetzen, ja geradezu verstecken. Und er musste sich für das Bauprojekt hoch verschulden. Obwohl er bereits, durch kongeniale Kopien alter Meister, groß im Geschäft war. „Woche für Woche“ hatte er nun, wie er buchhalterisch bemerkte, die „Mordshypothek“ abzutragen. Diese „Malefiz-Bauerei“ hat ihn, den ungekrönten Malerkönig, ein Vermögen gekostet.

Es waren seine auf Reisen gereiften Ideen, die sein Freund, der hochbezahlte Gabriel von Seidl, mit Hilfe hochspezialisierter Handwerker bis zum Sommer 1890 architektonisch umsetzte: Wohnhaus, Atelier und Sammlung in einem, geformt im Stil einer toskanischen Landvilla, verziert mit Loggien, Freitreppe, Säulen, Brüstungen, Belvedere-Türmchen, eingerichtet mit Kunst, Kitsch und Luxus (mit römischen Skulpturen, sakralen Plastiken, englischen Möbeln, flämischen Gobelins, orientalischen Teppichen), dekoriert mit Gold und Edelsteinen und roten Kardinalsmänteln, so kunstvoll inszeniert wie später die Schlösser des Märchenkönigs. München sprach vom „Zauberschloss“.

Am Wiedereröffnungstag am 8. Mai 2013 bildeten sich lange Besucherschlangen... (Foto: Lenbachhaus)

Ein Prunkstück von Park säumte die ockergelben Flügelbauten. Luise von Kobell, die das Leben der gehobenen Münchner Gesellschaft im 19. Jahrhundert höchst lebendig beschrieben hat, geriet hier ins Schwärmen bei dem Anblick, der sich noch heute darbietet – und den Besuchern auch künftig offen stehen soll: „Unter grünen Baumwipfeln schmale, sauber gehaltene Wege und ein mächtiger Springbrunnen, dessen sich aufbäumende Bronzerosse an das Schaffen einer klassischen Kunstepoche gemahnen. Seitwärts ragt der nördliche Teil der Propyläen mit seinen schmucken Marmorreliefs herüber.“

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Lenbach, seit 1862 geadelt und mit einer Gräfin verheiratet, der meistgefragte deutsche Porträtmaler. Der Kunsthistoriker Hermann Uhde-Bernays berichtet: „Er lief in einem hellen Malerkittel mit schlürfenden Schritten eines eigenartigen Ganges in seinen prunkvollen Räumen umher. Mit großer Schnelligkeit warf er in zwei Stunden mehrere Skizzen hin, plauderte, gab Aufträge, empfing Besuche, mit welchen er sich unterhielt, und schien nervös, hastig und schlecht gelaunt...“

Die Prominenten, die sich ihr Abbild in Öl wünschten, mussten sich schon zu ihm ins Atelier bequemen, das an der Brienner Straße lag. Industrielle, Geheimräte und Professoren baten um Sitzungen; sie mussten sich seiner Sehweise und seinen Launen fügen, viele wurden ab- oder an Kollegen verwiesen. Sogar Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck kam, ließ sich mehrmals malen, einmal mit silbernem Kürassierhelm; 1892 winkte er auf dem Balkon einer Menge zu und leerte zur allgemeinen Begeisterung eine ganze Maß Bier in einem Zug. Auch den Kaiser Wilhelm II. porträtierte der Oberbayer, obwohl er jenen für einen „verdammten Hanswursten“ hielt.

... und viele waren auch mit dem Radl gekommen, um den neuen Anbau nach Entwürfen der Architekten Foster + Partner anzusehen (Foto: Achim Manthey)

Acht- bis zehntausend Goldmark verlangte der Primus unter den Münchner Malerfürsten für einen Auftrag. Wenn er nicht wie besessen arbeitete, dann feierte er. Sein Palast war Mittelpunkt der Münchner Künstler, immerhin war Lenbach auch Präsident der relativ fortschrittlichen Künstlergenossenschaft „Allotria“, für die er das Künstlerhaus an dem Platz, der nach seinem Tod 1904 nach ihm benannt wurde, gegen den Widerstand sparsamer Lokalpolitikern erfocht.

Zwanzig Jahre später, 1924, verkaufte die Witwe Lolo von Lenbach das Anwesen an die Stadt, die darin ihren Plan einer Städtischen Gemäldegalerie in idealer Weise verwirklichen und 1929 eröffnen konnte. Wegen der vielen Ankäufe musste im Norden des Areals ein weiterer Flügel angebaut werden, so dass der herrliche Garten nun hufeisenförmig umschlossen ist.

Auch dieses Haus der Kunst hat eine historische Hypothek zu schultern. 1934 wurde der „Blutordensträger“ Franz Hofmann, der Kunstkritiken für Nazi-Zeitungen schrieb, von den neuen Machthabern zum Direktor ernannt. Er war es dann, der zusammen mit dem „Schamhaarmaler“ Adolf Ziegler im Auftrag von Propagandaminister Goebbels etwa 5000 Gemälde und 12.000 Grafiken aus deutschen Museen entfernen ließ. Sogar aus den Amtsräumen der Stadt München plünderte Hofmann 170 Bilder. Aus einem Teil des Raubguts entstand 1937 die Schandausstellung „Entartete Kunst“. Den Rest wollte Hofmann „auf dem Scheiterhaufen verbrennen“, was 1939 auf dem Hof der Berliner Feuerwache geschah.

Eine Art Wiedergutmachung war dann die erste Ausstellung, die im Frühjahr 1947 im unversehrten, 1927 von Hans Grässel angefügten Nordflügel des im übrigen zerbombten Ensembles stattfand. 1948 wollte die Stadt in wiederaufgebauten Räumen erstmals den Aufbruch des „Blauen Reiter“ dokumentieren. Doch fehlten nach der Währungsreform die Mittel, die Stadt konnte gerade noch einen Druckkostenbeitrag für den Katalog stellen. Großzügig stellte der Freistaat die fehlenden 12.000 Mark zur Verfügung. Die Ausstellung wurde ins Haus der Kunst verlegt, es kamen über 30.000 Besucher.

Der blaue Münchner Vorreiter der modernen Kunst konnte dann aber doch noch einziehen ins Lenbachhaus: 1975 schenkte Gabriele Münter dem Museum zu ihrem 80. Geburtstag einige hundert Werke von allerhöchstem Wert. Damit wurde das Palais, das sich heute mit dem Namen „Lenbachhaus“ bescheidet, definitiv zu einem der wichtigsten Kunstmuseen Europas. Jedenfalls zum beliebtesten in München. 1994 kam noch eine eigenartige, 120 Meter lange Halle für Wechselausstellungen hinzu: der Kunstbau in der U-Bahn-Station Königsplatz.

Veröffentlicht am: 24.05.2013

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