Chronist im Münchner Altpapier: Die Lebensgeschichte von "Spinnewipp" Egon Neuhaus

von kulturvollzug

Er beschönigte nichts: Egon Neuhaus, der 20 Jahre an seinem Buch arbeitete. Foto: Gerd Pfeiffer/Verbrecher Verlag

Er ist ein ungewöhnlicher Zeuge seiner Zeit: Geboren als Arbeitersohn in der Weimarer Republik, wächst Egon Neuhaus im Nationalsozialismus als Heimkind auf, wird erwachsen als Soldat im zweiten Weltkrieg, lebt in der Ära Adenauer vom Kaffeeschmuggel und als „Goldgräber“ auf den Müllkippen des Ruhrgebiets und findet schließlich in einer Münchner Altpapierhandlung seinen Traumjob.

Schon als Kind beginnt er, Zeitungsausschnitte, Annoncen und Flugblätter aufzuheben, die den Aufstieg des Nationalsozialismus und - wichtiger noch – dessen Verankerung in allen Gesellschaftsbereichen dokumentieren: Nach der Machtübernahme von Hitler und Konsorten sammelt der Zwölfjährige Anzeigen von Firmen, die mit ihren „arischen“ Besitzern oder deren politischer Überzeugung werben. Er findet sie vor allem auf Toiletten, wo das Zeitungs- als Klopapier benutzt wird. Das Nürnberger Kaufhaus Arendt etwa bewarb sich selbst als „größtes arisches Spezialhaus Bayerns“ und der Bekleidungshersteller Hugo Boss wirbt mit SA-, SS- und HJ-Uniformen aus eigener Herstellung. „Im Gleichschritt mit unserer Zeit“ lautete der Slogan der AEG für Rundfunkgeräte – Marschieren war in den Dreißigern ganz offensichtlich en vogue.

Wegen seiner schmächtigen Figur nennt man den Jungen „Spinnewipp“ - Spinnwebe. So lautet auch der Titel der Autobiografie, in der Egon Neuhaus nicht nur die Geschichte eines dürren, früh politisierten, rebellischen Jungen erzählt, sondern ganz beiläufig die einer Gesellschaftsschicht. Schmucklos und klar berichtet er, mit einer unverwechselbar rotzigen Art und mal leisem, mal derbem Humor. Als Kind wächst er mit politischen Debatten auf, entwickelte früh ein Bewusstsein als Proletarier: „In unserer Straße lebten mehr schlecht als recht Fabrikarbeiter. Die waren Republikaner und froh, dass sie den Uniformfetischisten Wilhelm Zwo nicht mehr über sich hatten. Sie wählten rot oder knallrot. Das färbte auch auf uns Kinder ab.“ 1933 überschlagen sich die Ereignisse in Deutschland, und für Neuhaus auch privat: Hitler wird Reichskanzler, Egons Großmutter stirbt, und der Junge, der bei ihr gelebt hatte, kommt in ein Waisenhaus. Er fühlt sich eingesperrt, bricht immer wieder aus, landet in einem Erziehungsheim. Mit dreizehn vermittelt ihn das Heim als Knecht an einen Bauern. Etwa zeitgleich besiegt der deutsche Boxer Max Schmeling den Amerikaner Joe Louis, Goebbels schickt ein Glückwunschtelegramm. Neuhaus schneidet Bilder aus seiner Geschichte gegen die großen gesellschaftlichen und politischen Ereignisse. „Ganz Deutschland verwandelt sich in eine Kaserne“, Neuhaus versucht mehrmals nach Holland zu fliehen, wird erwischt und statt der Freiheit folgen weitere Erziehungsanstalten, Arbeitseinsätze und 1941 die Einberufung Neuhaus beschönigt nichts, auch nicht seinen eigenen Beitrag als Funker im Russlandfeldzug. Kameraden berichten davon, wie sie Kriegsgefangene erschießen, Züge voller Zwangsarbeiter rollen an den Truppen vorbei, an den Alleebäumen hängen Deserteure und aus dem Volksempfänger trällert Norbert Schultze „Bomben, Bomben, Bomben auf Engeland“. Die Dokumente, die Neuhaus auch im Krieg weiterhin akribisch sammelt, gingen teilweise verloren. Nach der russischen Kriegsgefangenschaft schlägt er sich als Tagelöhner und Schrottsammler durch und hält dabei abermals Ausschau nach Material zur jüngsten Geschichte.

In seiner Autobiografie tritt er immer wieder einen Schritt aus dem aktuellen Geschehen zurück, schüttelt den so einnehmenden Zeitgeist ab und fragt sich: Was ist hier eigentlich los? Seine präzise Einordnung etwa der Wiederbewaffnung oder der Tatsache, dass NS-Funktionäre ihre Karrieren fast bruchlos fortsetzen konnten, ist sicher nicht allein den Gedanken des neugierigen Autodidakten, sondern späteren Nachforschungen zu verdanken. Das ist ein bekanntes Phänomen der Zeitzeugenliteratur. Dass sich der Autor in seiner Rolle als intellektueller Außenseiter etwas selbst stilisiert, schadet der Erzählung nicht. Neuhaus hat zwanzig Jahre lang immer wieder an diesem Buch gearbeitet. Er ist nach München gezogen, um in der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ weitere Quellen für sein Archiv zu suchen. Und er hat sie gefunden: In einer Altpapiergroßhandlung, in der er als Papiersortierer arbeitete. Von dort lieferte er Material für das Institut für Zeitgeschichte und diverse Münchner Museen. Seinen Nachlass hat er dem Münchner Stadtmuseum vermacht. Er konnte zu Lebzeiten selbst nur wenig publizieren. Egon Neuhaus verstarb 2008, kurz nachdem sicher war, dass sein Buch im Verbrecher Verlag erscheinen würde. Dass er es schafft, die eigene Neugier auf die Leser zu übertragen und sich beim Erzählen so wenig um Konventionen schert, macht „Spinnewipp“ gerade auch für jüngere Leser spannend. Es ist beste Geschichtsschreibung - von unten.

Cornelia Fiedler

Egon Neuhaus: „Spinnewipp“ (Verbrecher Verlag), 394 Seiten, 13 Euro

Veröffentlicht am: 23.01.2011

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