Das Thalia-Theater bei Radikal Jung

Dein Nächster, der Terrorist

von Michael Weiser

Die Protokolle von Toulouse. Foto: Krafft Angerer

Beim Festival der jungen Regisseure im Volkstheater rekonstruiert das Thalia-Theater Hamburg mit "Die Protokolle von Toulouse" ein tödliches Finale und liefert ein spannendes Stück Doku-Theater ab.

Schüsse fallen, direkt über unseren Köpfen, hinter den Wänden, es hallt durchs Treppenhaus des Volkstheaters, ein Drama hat angefangen, noch bevor der erste Zuschauer Platz genommen hat. So beginnt im Theater das Finale einer Mordserie, die in der Wirklichkeit im vergangenen Jahr Frankreich schockierte.

Mohammed Mehra, ein Moslem algerischer Abstammung, erschoss drei Soldaten, drei jüdische Kinder und einen jüdischen Lehrer und Familienvater vor der Schule. Schließlich kommen die Behörden auf seine Spur.

Das Drama setzt in den letzten Stunden seines Lebens ein. Vor der Polizei hat sich Mehra schwerbewaffnet in seine Wohnung zurückgezogen und verschanzt. Die Wände sind bald von Schüssen durchlöchert, Wasser sickert aus zerschossenen Leitungen, die Wohnung ist dunkel. Mehra spricht mit einem Polizisten. Die beiden kennen sich von einem früheren Verhör, es besteht so etwas wie ein Vertrauensverhältnis, nun versucht der Polizist mit dem Decknamen "Hassan" den Mörder zur Aufgabe zu bewegen.

In Wirklichkeit sprachen die beiden über Funkgeräte, zwischen ihnen lagen Wände und hunderte Meter. In der Inszenierung von Malte C. Lachmann sitzen Thomas Niehaus und Rafael Stachowiak wie im freundschaftlichen Gespräch von Moslem zu Moslem nebeneinander: Der Terrorist ist dein Nächster. Ohne jegliches Schnickschnack, lediglich mit zwei Scheinwerfern und einem mit Glühbirnen geschmückten Showpodest (Ausstattung Stefan Britze) führen die beiden eine Art rhetorischen Tanzes auf. Wie sie sich einander nähern, wie sich dann doch immer wieder Abgründe auftun - das ist sehr fesselnd zu beobachten. Immer wieder nimmt Lachmann das Tempo raus, Unterhaltungsmusik perlt durch den Raum, ja, auch damals waren wir alle irgendwie nur Zuschauer, bevor es weitergeht: im sachten Ton über unglaubliche Vorgänge.

Warum der eine Polizist geworden ist, der andere aber ein eiskalter Mörder, diese Frage kann auch das Stück nicht beantworten, natürlich nicht, aber es zeigt die Grenzen der Verständigung auf. Und dass auch jenseits dieser Grenzen ein Mensch ist, kein Monster. Ein intensiver, spannender Abend, trotz seines absehbaren Endes.

 

 

Veröffentlicht am: 24.04.2013

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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