Bergbilder im Schlossmuseum Murnau

Gipfelstürmer mit Zeichenstift, Pinsel und Palette

von Karl Stankiewitz

Carl Rottmann-Schule, Alpenglühen an einem Gebirgssee, 1. Hälfte 19. Jahrhundert, Öl auf Leinwand, Privatsammlung (c) Schlossmuseum Murnau

In der Ausstellung "Alpenglühen. Die Berglandschaft als Sehnsuchtsort" zeigt das Schlossmuseum Murnau Werke des Expressionismus. Und erklärt, was das Besondere der Berge ausmacht: rötliches Licht und blaues Land. Viele Bilder sind erstmals öffentlich zu sehen.

Die Berge hatten Künstler allemal angezogen. Dieser Erlebnisraum gehört seit dem 16. Jahrhundert, seit Leonardo und Tizian, zum Inventarium der Kunstgeschichte. Die ersten Landschaften, die in der deutschen Malerei auftauchten, waren Berge und Täler: die "Felslandschaft mit Schloss" von Albrecht Dürer und die "Flusslandschaft mit Felsen" von Albrecht Altdorfer. Ehe noch die eigentlichen, zunächst nur forschenden Bergsteiger die unwirtliche Wildnis der Alpen durchstreiften und beschrieben, waren die Künstler mit Zeichenstift, Pinsel und Palette im Gebirge unterwegs.

Heinrich Bürkel, Bauernhof vor Garmisch, Mitte 19. Jahrhundert, Öl auf Leinwand, Privatsammlung (c) Schlossmuseum Murnau

Eine Radierung von Johann Adam Klein aus dem Jahr 1819 zeigt vier solcher Künstlerfreunde "auf einer malerischen Reise von Salzburg nach Berchtesgaden"; ausgerüstet sind sie beim Betrachten und Abbilden des Bergkirchleins außer mit ihrem Berufswerkzeug auch mit Rucksack, Sonnenschirm und Wanderstock. Das informative Bild empfängt im Entree einer Ausstellung, mit der das Schlossmuseum Murnau die Berge als "Sehnsuchtsort" darstellen will.

Viel Dämonisches, Phantastisches, Symbolisches war noch bis ins 18.Jahrhundert in die Gebirgsschau eingeflossen. Drachen, furchterregende Wasserfälle und finstere Felskulissen wurden erst im 19. Jahrhundert durch realistischere Darstellungsweisen abgelöst. Dennoch blieb eine gewisse Magie, eine geheimnisvolle Anziehungskraft, der die Ausstellung mit dem zunächst kitschig klingenden Titel "Alpenglühen" nachspürt. Tatsächlich gibt es ein physikalisches Phänomen, das schon Goethe und Max Frisch beim Aufgehen und beim Untergehen der Sonne über den Berggipfeln als "Verschmelzen" beobachteten: Dichtere Luftschichten lassen, besonders im Winter, nur das langwellige rötliche Licht passieren, so dass die Berge zu glühen scheinen.

Diese Erscheinung korrespondiert gelegentlich mit einer zweiten: dem besonderen Licht der Voralpenlandschaft. Für den begeisterten Berggeher Franz Marc und seine Freunde war es ein klares Blau, das sie so sehr faszinierte; diese Farbe gab denn auch dem "Blauen Reiter" und dem "Blauen Land" rund um Murnau ihre Namen. Klar, dass die Ausstellung solch regionaltypische Werke präsentiert. Und da erlebt der Betrachter einige Überraschungen. Denn die Bilder stammen zum größten Teil aus Privatbesitz, viele waren noch nicht öffentlich zu sehen.

Alexej Jawlensky, Blaue Berge (Landschaft mit gelbem Schornstein), 1912, Öl auf Karton (c) Museum Wiesbaden

Der "Kochelsee" von Ludwig Sckell, Sohn des Münchner Hofgärtners, gehört ebenso zu diesen unbekannten Schätzen wie der "Vorfrühling am Walchensee" von Lovis Corinth, der "Rote Baum" von Marianne von Werefkin, die "Blauen Berge" von Alexej Jawlensy, der "Gebirgsweg" von August Macke und der (allerdings alpenferne) Desenberg von Adolf Erbslöh. Echte Entdeckungen sind die Lithographien von Alexander Kanoldt: scharf konturierte schwarze Wände des Werdenfelser Landes. In die Abteilung Hochgebirge gehören natürlich auch die Werke von Vater und Sohn Compton, denen als Beispiele zeitgenössisher Alpenmalerei noch einige Monotypien des Österreichers Herbert Brandl angefügt sind.

Bis zum 23. Juni 2013 im Schlossmuseum Murnau, Schlosshof 2-5, Do bis So 10-17 Uhr, Katalog.

Veröffentlicht am: 20.04.2013

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