Element of Crime im Freiheiz

Liebling, wir haben den Regener geschrumpft

von Michael Grill

Am Freitag (12.4.13) live im Stream: Element of Crime im Freiheiz - Informationen dazu am Ende der Kritik. Hier eine Aufnahme vom ersten Abend am Mittwoch. Foto: BR / Markus Konvalin

Außer bei einem exklusiven Studiokonzert beim Bayerischen Rundfunk vor gut zwei Jahren sind Element of Crime schon lange nicht mehr in einem so intimen Rahmen in München vor ihr Publikum getreten. Im Freiheiz an der Donnersbergerbrücke spielen sie dafür gleich an vier Abenden hintereinander. Beim Auftakt am Mittwoch (10.4.13) konnte man sehen und hören: Eine große deutsche Band, die im Kleinen nicht unbedingt größer, aber auch nicht kleiner wird.

 

 

Sänger und Band-Kopf Sven Regener, der ja seit neuestem nicht nur eine Karriere als Musiker und Autor ("Herr Lehmann"), sondern auch noch als heldenhafter Download-Beschimpfer hat, kündigt überraschend eine Vorband an, die ebenso ins - wenn man es so nennen will - Konzept der Neuen Kleinheit passt: Julie Mehlum und Phil Haussmann alias Apples In Space, ein sehr süßes, extrem junges Folkrock-Duo mit Schrammelsongs und Schmachtblicken. In dem ausverkauften Saal kann man angenehm locker stehen und ein (mutmaßlich echtes) Liebespärchen beim Singen beobachten, das problemlos auf die Hippie-Wiese von Woodstock gebeamt werden könnte.

 

Nach einer halben Stunde starten Element of Crime zunächst wortlos zum "Mittelpunkt der Welt": der Takt holpert, die Gitarre schleppt sich ins Wahwah-Solo, und Regener wirkt, als wolle er heute mal gern den Text vergessen. Trotzdem freundlicher Applaus aus dem Saal. Von da an steigt die Formkurve für den Rest des Abends stetig an, auch wenn die Zuständigen für Bühnen- und Hallensound (zu viel Bass, dagegen Gitarre und Gesang zu leise) sich Zeit lassen mit dem Nachbessern (Probleme auch im Detail: Einmal braucht es mehrere Takte, bis das Trompeten-Mikro endlich von normal auf Stopfen umgestellt wird). Da heißt es dann auch akustisch: Liebling, wir haben den Regener geschrumpft. Ansonsten funktioniert das Club-Konzept sehr gut: Mehr Nähe, mehr Aufmerksamkeit, mehr Menscheln.

 

Regener streift ganz, ganz sachte und für diesen Abend abschließend die Urheberrechtsdebatte ("Wir sind Musiker. Da ist auch der Grund, warum ich glaube, dass wir noch ein Lied spielen"). Der mittlerweile vollends zum kräftigen Tanzbärchen angewachsene Rock-Poet schickt nicht nur zu "Deborah Müller" seine ja oft etwas zu breitbeinige Trompete gegen die meist zu schluchzige Teilzeit-Violine ins Rennen. Doch das fällt unter die Rubrik "Was soll's?", denn das Scheppernde gehörte schon immer so sehr zu Element of Crime wie der alpine Charme zu München und seinen Veranstaltern. Auch insofern ist die Zurück-in-den-Club-Idee für Regener und die Seinen eine rundum stimmige Sache.

 

"Nur nicht die großen Hits am Anfang verballern", erklärt Regener, denn das sei "eine der Regeln im Rock'n'Roll", weshalb man also jetzt erst recht den größten aus dem eigenen Repertoire in der ersten Viertelstunde vortragen werde: "Delmenhorst". Und da sagte der Saal ganz schnell Bescheid, dass er ihn liebt.

 

Von Moll zu Moll: Element of Crime. Foto: Universal Music

Es folgt eine hochinteressante und überraschende Reihe von Covern und Interpretationen: "Akkordeon" von Serge Gainsbourg in einem - nennen wir es mal so - ruppigen Psycho-Sound, "I Started A Joke" von den Bee Gees, eine echte Perle, aber nicht ganz so lustig wie man sich das vorstellen mag, obwohl Regener den Text sehr überzeugend mit den Stimmbändern zersägt, "Surabaya Johnny" von Brecht/Weill, sowie "Zwei Gitarren" von Alexandra - die eine schnarrt eindringlich, die andere wird unabablässig gestreichelt von der rechten Schlaghand des Sängers, und damit ein bisschen auch wir selbst.

 

Mehrmals geht es auf eine hörenswerte Reise zurück in die englische Frühphase der Band, etwa bei "Almost Dead" zu dem auch ein schräg von unten angestrahlter Herr Regener etwas Diabolisches bekommt, "Nightmare", in Erinnerung an den verstorbenen Chef der damaligen Plattenfirma der Band, Polydor; sowie "No Home": Da muss der einsame Wolf einfach heulen. Dann kommt wieder das Bärchen und tanzt schwungvoll mit uns Walzer bei "Kaffee und Karin", so dass man mählich den "e-Moll-Block" verlassen kann.

Aber nur, um schließlich zu einem realen oder gefühlten a-Moll-Finale zu kommen, angeführt vom herrlichen: "Am Ende denk ich immer nur an Dich" und dem fast ebenso herrlichen "Seit der Himmel". Dann verballerte man mehrere größte Hits am Ende ("Weißes Papier", "Draußen hinterm Fenster", "Blaulicht und Zwielicht"), und der Saal tanzt dazu ein sehr angenehmes kleines Bisschen, und der Herr Regener, der auch.

 

Dass die Band es schafft, vier Zugaben zu geben und trotzdem bei grundsoliden 120 Minuten Gesamtspieldauer zu bleiben, zeigt das dramaturgische Geschick im Programmablauf. Und für die ewigen Motzer gegen das Romantische gibt es ganz zum Schluss noch ein zumindest ansagetechnisch ins Wirtschaftspolitische ("im keynesianischen Sinne") hochgedeutetes "Bring den Vorschlaghammer weg". "Der alte Schrott muss raus, und neuer Schrott muss rein." Auch so gesehen schreitet man feinherb lächelnd in die Nacht.

 

Der Bayerische Rundfunk überträgt das dritte Münchner Konzert von Element of Crime aus dem Münchner Freiheiz am Freitag (12. April 2013) von 20.15 Uhr an live über den Zündfunk im Radioprogramm sowie als Stream über die Homepage von B2. Infos dazu hier. Am 1. Mai gibt es im Zündfunk von 19.05 Uhr an dann noch einmal Ausschitte von dem Konzert zu hören.

Der Kulturvollzug berichtet zuletzt über Element of Crime im Sommer 2011.

Eine persönliche Erklärung des Autors Michael Grill:

"Bei diesem Konzert wurde mir vom örtlichen Veranstalter Target Concerts die Akkreditierung als Journalist verweigert. Zur  Begründung hieß es, der Agentur missfalle meine Berichterstattung über das Konzert der Ärzte in Augsburg im Kulturvollzug sowie eine Kritik über ein Konzert von Jon Spencer im Backstage, die im Jahre 1996 (!) in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. In beiden Texten habe ich als journalistischer Beobachter nicht nur das Geschehen auf der Bühne beschrieben, sondern auch die meiner Meinung nach zu kritisierenden Begleitumstände, unter denen sie abliefen. Beide damaligen Konzerte  waren von Target veranstaltet worden. Ein über mehrere Wochen gehender Versuch, der Leitung der Agentur Grundprinzipien journalistischen Arbeitens zu erläutern, führte zu keiner Änderung. Auch mein Angebot, bei dem zeitlich noch nicht so lange zurückliegenden und im Web für jeden nachlesbaren Augsburg-Text eine Gegenmeinung der Agentur im Anhang zu veröffentlichen, wurde nicht angenommen. Der Bayerische Journalisten Verband wandte sich schließlich auf mein Bitten hin an die Leitung der Agentur Target und wies darauf hin, dass hier eine "massive Behinderung der freien Berichterstattung" vorliege, die den Verdacht nahelege, die Agentur Target "wünsche sich und dulde ausschließlich wohlwollende Berichterstattung". Dies sei, so der Bayerische Journalisten Verband, "mit einem freien Pressewesen unvereinbar". Auch dieser Protest führte zu keiner Änderung der Haltung der Agentur.

Dass ich schließlich doch noch als Journalist das Konzert von Element of Crime im Freiheiz besuchen konnte, ist dem Management der Band zu verdanken. Nachdem ich mich an dieses gewandt hatte, wurde ich umstandslos akkreditiert.

Ich hoffe sehr, dass das meiner Meinung nach gesellschaftlich notwendige Wechselspiel von kulturellem Angebot und Kritik bald wieder mit allen Münchner Veranstaltern und Agenturen uneingeschränkt möglich ist. (gr.)"

Veröffentlicht am: 12.04.2013

Über den Autor

Michael Grill

Redakteur, Gründer

Michael Grill (1968) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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