Von der Subkultur zum Trachtenverein

von kulturvollzug

Wie aus der Zeit gefallen: Den Geist der 60er Jahre atmen die Mods noch heute. Bild: Bildergipfel/H.A. Friedrichs

Na, wenigstens dieser „Clash of Civilisations“ wäre ausgestanden: Einträchtig, wenn auch nicht direkt nebeneinander, sind Mods und Rocker derzeit in München zu sehen – in einer Ausstellung mit Fotos von Horst A. Friedrichs bei G 5 Immobilien am Gärtnerplatz.

 

Da sieht man mal, wohin Subkultur führen kann. Einerseits natürlich in den Bier- und Tabakdunst der Rocker, schwere Maschinen sowie Leder und Nieten anstelle von Schirm, Charme und Melone. Andererseits aber in die entgegengesetzte Richtung: Modernes Dandytum, schicke, eng geschnittene Anzüge, schmale Binder bei den Buben, kurze Röcke und Stiefel bei den Mädels. Mods nannte man diese blasierte Jugend, die, genau betrachtet, sogar die mutigere Absage an die herrschende Strömung taten. Wer trägt denn schon freiwillig so ordentliche Frisuren und setzt sich damit dem Verdacht aus, der Upper Class nachzueifern und womöglich schon einen Bausparvertrag unterzeichnet zu haben? Und geprügelt haben sie sich ja auch, diese entfernten modischen Nachfahren von Oscar Wilde – bevorzugt mit den Rockern. Vor allem in Brighton ging's ab zwischen den verfeindeten Subkulturen - der Film „Quadrophenia“ lässt grüßen.

Die einst verfeindeten Gruppe feiern derzeit fröhliche Umständ in den Fotos von Horst A. Friedrichs, wie sie großformatig am Gärtnerplatz zu bewundern sind. Sorgfältig inszeniert hat der Fotograf vor allem die Mods – wie aus der Zeit gefallen wirken diese Aufnahmen, als stammten sie aus der Zeit, da britischer Pop die Welt der Populärmusik umkrempelte. Dabei stammen sie ebenso wie die Rocker-Aufnahmen aus dem 21. Jahrhundert.

Die andere Seite... Bild: Bildergipfel/Horst A. Friedrichs

Die Ausstellung markiert zugleich den Start für „Bildergipfel.de“, einem von Barbara Hartmann, Frank Reger und Uwe Suthman gegründeten Unternehmen, das Kunst zum Mitnehmen präsentieren will: hochwertige Editionen, Gemäldereproduktionen, zeitgenössische Maler, Fotos. Zwei Jahre lang liefen die Vorbereitungen, erzählt Barbara Hartmann über das Projekt, geboren aus dem Interesse vieler Menschen an historischen oder einfach besonderen Fotos. „Wir haben uns in Archive vergraben und uns reinverliebt“, sagt sie. Demnächst sollen bei „Bildergipfel.de“ zum Beispiel auch historische und kolorierte Ansichten bayerischer Orte zu haben sein. Auch die Aufnahmen von Horst A. Friedrichs gibt es zum Mitnehmen. In zwei Bildbänden (I'm One - 21st Century Mods“ und „Or Glory - 21st Century Rockers“, erschienen bei Prestel) und in einer Auswahl von Pigmentdrucken, vom Künstler signiert, in einer handgefertigten Kassette.

Very british: Mods. Bild: Bildergipfel/Horst A. Friedrichs

Friedrichs hat die zeitgenössischen Szenen von Mods und Rockern – ja, die gibt es beide noch - ausgiebig erkundet. Auffällig ist, wie genau die Epigonen noch heute die Stilsprache ihrer Vorbilder kopieren oder – manches zerfurchtes Rocker-Antlitz spricht da Bände - nie von dieser Zeit gelassen haben. Von "Trachtenvereinen" sprach zutreffend ein Musikmagazin. Insgesamt ist zu verfolgen, wie einstige Subkultur im Laufe eines halben Jahrhunderts im großen Fluss einer allgemeingefälligen, gesellschaftsfähigen Ästhetik aufgeht. Verfeindet ist man ja längst nicht mehr. In erinnerungsgesättigtem Nebeneinander pflegt man seine längst eingeschliffenen Rituale.

 

Dem Betrachter schwant beim Betrachten der Fotos, woher – lässt man ihre musikalischen Klasse mal außen vor – die ungebrochene Faszination der Beatles herrührt: In der scheinbar zwanglosen Vereinigung der beiden Subkulturen in ihrer Musik, rauh und höchst sophisticated zugleich. So, wie es Ringo Starr auf die Frage nach seiner Zughörigkeit mal auf den Punkt brachte. Mod oder Rocker? Für den Schlagzeuger kein Problem. „I'm a Mocker“, sagte er.

Jan Stöpel

Bis 02. Februar, Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 14 Uhr

Veröffentlicht am: 21.01.2011

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