Stückl inszeniert am Volkstheater Ödön von Horvath - die Kritik

Im Wald, da sind die Bürger

von Michael Weiser

Nichts fürs Poesiealbum: Oskar (Pascal Fligg) lichtet seine schrecklichen Mitmenschen ab. Foto: Arno Declair

Diesmal wirkt's, als seien Horvath und Münchner Volkstheater füreinander gemacht: Intendant Christian Stückl bringt die "Geschichten aus dem Wiener Wald" als böses und sehr unterhaltsames Stück Anti-Volkstheater auf die Bühne.

Zeitgemäß - ein blödes Wort. Als könnte irgendjemand sagen, was der Gegenwart gemäß sei. Sagen wir's lieber so: Stückl hat die "Geschichten", 72 Jahre nach ihrer Uraufführung in Berlin, in München so auf die Bühne gebracht, dass er uns in jedem Moment etwas zu sagen vermag.

Die "Geschichten aus dem Wienerwald" heißt ein Walzer von Johann Strauß, der schon aufgrund des Ortsnamens ganz klar in der österreichischen Hauptstadt verortet ist. Horvath aber schrieb "Geschichten aus dem Wiener Wald": Wien ist lediglich ein Klischee und liefert Prototypen, die Horvath aufeinanderhetzt. Ebenso wichtig ist der Wald als Gegenidylle, als Ort des Triebhaften. Denn Horvath führt ein Pandämonium kleinbürgerlicher, gemeiner Gestalten vor, die er als repräsentativ für neun von zehn Menschen in Deutschland sah. Ein Stück subversives Volkstheater also, ungeschminkt, ja überzeichnet, eine treffliche Karikatur Wiens (und der bürgerlichen, deutschen Welt) am Ausgang der Weimarer Republik.

Stückl nimmt genau diese Karikatur sehr ernst. Stefan Hageneier hat ihm in bewährter Zusammenarbeit ein faszinierend tiefes Bühnenbild hingestellt, ein dämmriger Wald mit Weiher hinten, ein betont nüchterner, unnatürlicher Raum vorn. Stadt und Wald, Gefühl und Versuch der Ratio - auf dieser Bühne liegt das alles nah beinander. Es hat schon seinen Grund, dass in Stückls Inszenierung die Akteure nicht selten aus dem sumpfigen Schilfstreifen auftauchen - und damit aus dem Unbewussten, Triebhaften.

Stückl stellt einen Reigen bis zur Kenntlichkeit überzeichneter Gestalten auf die Bühne. In Hageneiers bonbonbunten Kostümen beharken sie einander aufs Gemeinste, kämpfen um Zuneigung und Achtung und können derlei doch selbst nicht geben. Stückl hat geschickt gekürzt und zusammengelegt, die Besetzung ist gut halbiert und reduziert auf die Protagonisten, Mutter und Großmutter etwa werden in kühler Bösartigkeit allein von Ilona Grandke verkörpert. Der Beichtvater wird zum Traumbild des heiligen Antonius von Padua, das der Marianne erscheint. Nicht nur da fühlt man sich an die barocke Bilderlust vom Stückelschen "Brandner" erinnert.

Die einzelnen Szenen sind komisch zugespitzt, mitunter nimmt die Inszenierung beinahe den Charakter einer Revue an, was auch an den Liedern liegt, die die Akteure immer mal wieder singen, von Michael Gumpinger am Klavier begleitet. Mit diesen Brüchen nimmt Stückl die Wiener Walzerseligkeit endgültig auf die Schippe. Die Heurigenszene nach der Pause ist mit wohlchoreografiertem Slapstick ein Höhepunkt des Abends.

Max Wagner, Lenja Schultze. Foto: Arno Declair

Man sieht - man ist ob der schwierigen Probenphase mit Unfällen und Krankheiten fast überrascht - insgesamt ein bestens aufgelegtes Volkstheater-Ensemble. Etwa Michael Tschernow, der für den erkrankten Thomas Kylau in die Bresche springt und den Rittmeister als k.u.k.-Relikt gibt. Max Wagner spielt den Alfred als hilflosen Hallodri und Schuft, Lenja Schultze die Marianne als Wiener Mädchen, dessen ärgstes Laster die Naivität ist. Es sind Volkstheater-Prototypen, die sich tatsächlich wie in einem Albtraum wiedererkennen lassen. Jean-Luc Bubert glänzt als zotenreißender, herzloser Zauberkönig, Johannes Meier bringt als wirrer Pfadfinder Erich eine Vorahnung von Hitler-Deutschland auf die Bühne. Ursula Burkhart wiederum hat als Trafikantin eine Paraderolle gefunden. Bei allem Klamauk stimmen auch Details. Wenn Pascal Fligg als larmoyanter Fleischermeister Oskar über die Ordnung im Himmel und hienieden schwadroniert, zeigt die eine Hand starr nach oben und die andere zum Boden. Für Momente wirkt Fligg wie eine S-Rune.

Anmerken könnte man die weitgehende Abwesenheit von Horvaths Theatersprache, auch der "Stille", die er in seiner "Gebrauchsanweisung" seinen Figuren immer wieder mal als Zeichen für den Kampf zwischen Bewusstem und Unbewusstem auferlegt. Dafür war an diesem Abend keine Zeit. Es störte auch nicht wirklich - für besagtes Ringen der Figuren bot diesmal die Bühne Raum genug. Man sieht diese "Geschichten" mit erschrockenem Vergnügen: Farbensattes, bildberauschendes Anti-Volkstheater am Volkstheater.

Veröffentlicht am: 26.03.2013

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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