Kultur-Interview mit SPD-OB-Kandidat Dieter Reiter (Folge II)

"Wir müssen hier einfach ein wenig offener gegenüber spektakuläreren Entwürfen sein"

von Michael Grill

OB-Kandidat Dieter Reiter im Gespräch mit dem Kulturvollzug in seinem derzeitigen Arbeitszimmer im Münchner Referat für Arbeit und Wirtschaft. Die Trachtenweste, betont er, gehört zu seinem Wiesn-Präsentations-Termin an jenem Tag. Foto: Michael Grill

Er ist der Spitzenkandidat der SPD bei der Kommunalwahl in einem Jahr: Der Verwaltungs-Fachmann Dieter Reiter will Nachfolger von Christian Ude als Münchner Oberbürgermeister werden. Im zweiten Teil des Interviews mit dem Kulturvollzug erklärt der 54 Jahre alte Referent für Arbeit und Wirtschaft, dass er dem Freistaat beim Bau eines neuen Konzertsaals keine Steine in den Weg legen würde, warum ihm das Zustandekommen neuer Architektur in München "in gewisser Weise ein Rätsel ist", und wie er mit der Krise der Printmedien in München umgeht.

Fortsetzung vom ersten Teil des Interviews mit Dieter Reiter.

 

Herr Reiter, ein Blick zur sogenannten Hochkultur: Die will einen neuen Konzertsaal für München. Sie haben sich ja bei dem Thema recht elegant positioniert, nach dem Motto: Es wäre schon schön, wenn man ihn hätte, aber erst mal müssen ihn die bezahlen, die da reingehen wollen, also die anderen.

 

Das ist nach wie vor meine Meinung: Die Stadt München könnte sicherlich einen zusätzlichen, architektonisch ansprechend gestalteten und akustisch optimalen Konzertsaal vertragen. Ich sehe aber die gesamte Aufgabenvielfalt der Stadt und die Finanzierungsnotwendigkeit für viele, viele städtischen Aufgaben: die Sicherung von bezahlbarem Wohnen, die Schaffung öffentlich geförderter Wohnungen oder die Umsetzung des vom Gesetzgeber beschlossenen Rechtsanspruches auf Kinderbetreuung oder auch das Thema Ganztagesbetreuung. Diese Themen sind sicher noch wichtiger, als kommunales Geld in einen zusätzlichen Konzertsaal zu investieren. Abgesehen von dem Problem, dass es in dieser Frage bislang keine wirklich konstruktive Zusammenarbeit mit dem Freistaat gibt. Eigentlich wollten wir ja dieses Thema zusammen angehen und überlegen, wie man die Orchester doch noch zusammenbringen könnte. Das ist zugegebenermaßen ein schwieriges Unterfangen...

 

Sie meinen jetzt: Die Orchester in einem Raum zusammenbringen...?

 

In einem Raum, ja! Natürlich zu verschiedenen Zeiten... In einer renovierten Philharmonie beispielsweise. Aber da gab es nie eine Rückmeldung des Freistaats, die soweit ging, dass wir konkret zu Gesprächen zusammengekommen wären. Meine Wahrnehmung ist, dass wir mit der aktuellen Philharmonie und kleinen Verbesserungen dort schon erste Erfolge erreichen könnten. Beispielsweise durch die Verschiebung des Podiums im Saal. Aber mir ist klar, dass dies keinesfalls die abschließende Lösung sein wird. Daher glaube ich auch, dass im Rahmen einer anstehenden Generalsanierung des Gasteigs, mit oder ohne den Freistaat, die Stadt auch das Thema Konzertsaal in der Philharmonie optimal wird lösen müssen.

 

Leonard Bernstein empfahl schon vor Jahrzehnten: Burn it!

 

Bernstein hat sicherlich kleinste akustische Unzulänglichkeiten tatsächlich gehört. Mir würde ich das nicht zutrauen, obwohl ich regelmäßig in der Philharmonie bin. Ich finde die Akustik für meine Ansprüche durchaus befriedigend. An Weihnachten habe ich dort Beethoven gehört, das war faszinierend. Aber ich bin sicher nicht derjenige, der dies abschließend beurteilen kann und will.

 

Selbst bei Pop- oder Rockkonzerten fällt doch auf, wie schlimm der Saal akustisch ist! Wenn man dort Yes, John Cale oder Robert Fripp hörte, dann tat das sogar richtig weh in den Ohren!

 

Immerhin bunt: Sammlung Brandhorst. Foto: Achim Manthey

Popkonzerte im Gasteig sind ein anderes Thema. Ich habe mal Ludwig Hirsch in der Philharmonie gehört, das war relativ gut. Aber ein echter Rock-Konzertsaal ist die Philharmonie eher nicht. Ich bin aber nicht sicher, ob auch bei einer kompletten Sanierung eine Kombination für beide Musikbereiche wirklich optimal lösbar wäre. Auch das gilt es natürlich gegebenenfalls bei einer Sanierung des Gasteigs mit zu untersuchen. Und in Richtung Staatsregierung sage ich: Wir legen dem Freistaat bei der Realisierung eines weiteren Konzertsaales keine Steine in den Weg, allerdings sehe ich weder Finanzierung noch Standort.

 

Standort ist ein gutes Stichwort für ein Thema, bei dem Sie sich besonders exponiert haben: Bauen in München. Als Sie neue Planungsinstrumente für die gesamte Region forderten, haben Sie sich weit vorgewagt. Ebenso als Sie das Münchner Umland aufforderten, in neuer Weise für Nachverdichtungen offen zu sein. Wie sehen Sie das Thema Bauen und Architektur generell?

 

Diese Strukturdebatte habe ich angestoßen, weil ich der Überzeugung bin, dass wir das Thema "bezahlbares Wohnen" in den engen Stadtgrenzen nicht werden lösen können. Wir müssen in konstruktiver Zusammenarbeit gemeinsam mit unseren Umlandgemeinden und Landkreisen räumlich abgestimmte Planungen initiieren. Diesen Trend können Sie in ganz Europa beobachten: Es wird in viel größeren Räumen geplant und auch gedacht. Das Zeitalter der Kirchturmpolitik hat sich überholt – wir müssen gesamträumliche Lösungen – auch zum Beispiel im Verkehrsbereich – planen, wenn wir die Herausforderung des Wachstums meistern wollen! Das Thema Architektur hingegen sehe ich aus einem ganz anderen Blickwinkel....

 

Da haben Sie ganz konkret für mehr Hochhäuser plädiert.

 

Ja, aber nicht im Sinne von Wohnhochhäusern, wie es zwischenzeitlich in den Zeitungen stand - die hatte ich nie gefordert! Ich weiß, dass Wohnhochhäuser ab einer gewissen Höhe völlig unwirtschaftlich sind: Alleine die Anforderungen des Brandschutzes würden solche Konzepte sehr teuer werden lassen. Das macht definitiv keinen Sinn – jedenfalls nicht wenn wir von Gebäuden mit über zehn bis zwölf Stockwerken sprechen.

Sind in paar architektonische Höhepunkte genug? - Hier die Synagoge in der Altstadt. Foto: Michael Grill

Aber was München durchaus bereichern könnte, wären ein paar architektonische Highlights. Und hier könnte ich mir schon auch Hochhäuser vorstellen... Natürlich haben wir die BMW-Welt, die Sammlung Brandhorst oder das Jüdische Zentrum. Aber ist das nicht ein bisschen wenig für eine Stadt wie München? Wenn man sich in anderen Städten ein wenig umsieht, stellt man fest, dass es dort ab und an einfach etwas mehr architektonischen Mut gibt. Ich finde, wir müssen hier einfach ein wenig offener gegenüber spektakuläreren Entwürfen sein, als dies bisher offenkundig der Fall ist.

 

Ist es nicht verblüffend: Jetzt sucht München seit bestimmt 20 Jahren schon den architektonischen Aufbruch, hatte in dieser Zeit einen OB, der sich immer wieder für gestalterischen Anspruch eingesetzt hat - und trotzdem ist die Stadt irgendwie nicht sehr weit gekommen.

 

Christian Ude hat sicherlich auch auf diesem Gebiet wirklich hohe Kompetenz. Und er hat auch den Mut, in den entscheidenden Gremien entsprechend selbstbewusst aufzutreten. Aber es bleibt die Frage: Warum schauen die Projekte trotz der vielen Architekten-Wettbewerbe und so weiter dann doch oft relativ langweilig aus? Warum tauchen unter den Siegern immer die gleichen drei, vier, fünf Büros auf, die ihren bekannten Stil haben und den dann auch umsetzen? Vielleicht sind die Vorgaben für diese Verfahren zu eng gefasst, vielleicht sollten wir uns da mehr öffnen, mehr Spielraum für mehr Mut und Kreativität zulassen. Einen Versuch wäre es sicherlich wert...

 

Ich verstehe nicht ganz, denn Sie beschreiben das Münchner System der 70er und 80er Jahre. Anschließend ist doch eine durchaus neue, junge Generation von Architekten sichtbar geworden und in die Wettbewerbe gekommen. Das Ergebnis schaut im Einzelfall oft nicht so schlecht aus, aber in der Gesamtschau bleibt München meistens fad.

 

Es ist in gewisser Weise schon ein Rätsel, was in München so alles entsteht. Hier eine Wohnbebauung auf der Theresienhöhe. Foto: Achim Manthey

Es ist in gewisser Weise schon ein Rätsel. Ich habe mich in den letzten Wochen und Monaten mehrfach mit dem Thema beschäftigt und Gespräche geführt. Und paradoxerweise habe ich diese Frage dabei auch von vielen Preisrichtern aus den Jurys zu hören bekommen.

 

War es nicht doch ein großer Fehler von Rot-Grün, die mittlerweile schon zum Mythos gewordenen Pläne für eine neue Werkbundsiedlung, die wegweisend hätten sein können, so schmählich abzuservieren und nicht zu bauen?

 

Die Werkbundsiedlung wäre aus meiner Sicht architektonisch sicher spannend gewesen. Aber ich will nicht zurück sondern nach vorn schauen: Ich glaube, wir müssen generell mehr Offenheit zeigen. Damit wir auch an alle künftigen Anbieter das Signal aussenden, dass wir für spannendere Entwürfe offen sind. Uns muss klar sein: Wenn wir permanent eine stringente Höhendebatte führen, wird uns kaum jemand Entwürfe für spannende Hochhausprojekte präsentieren wollen. Es geht also darum, nach innen und nach außen eine Neugier, eine Offenheit für Neues zu signalisieren, auch das ist eine Aufgabe für die Politik der Zukunft.

 

Sie sind ein Verwaltungsfachmann, Sie kennen die Tücken des Apparats...

 

Das können Sie mir glauben. Ich kenne aber auch Lösungsansätze...

 

Und Sie kennen auch das Beharrungsvermögen von Verwaltungen.

 

Absolut. Aber auch hier gilt es zu überzeugen, um Veränderungen zu ermöglichen...

 

Diese Feststellungen vor dem Hintergrund folgender Frage. Das von Ihnen selbst schon erwähnte Projekt Platform3 ist ein besonderes, nämlich vom Arbeitsmarkt her gedachtes Kulturprojekt, sozusagen ein Kind Ihres Referats. Doch kaum wollte man dort künstlerisch weiter nach oben kommen, sagte die Verwaltung: Nix da, zurück zur Münchner Stadtviertelkultur. Richtig?

 

Da war noch alles wunderbar: Dieter Reiter (ganz links) bei der Eröffnung einer Ausstellung der "Platform3" in den Räumen seines Referats gegen Ende des Jahres 2012. Foto: Michael Grill

Ich habe das Projekt Platform3 von Anfang an sehr positiv gesehen und mir dort viele persönliche Eindrücke geholt, mich aktiv eingebracht. Und ich wollte vor allem die Zukunft dieses Projektes sicherstellen. Die Platform3 befindet sich in einem angemieteten Objekt eines großen Münchner Unternehmens, mit einem sehr mäzenatischen und kulturinteressierten Eigentümer. Als der Mietvertrag auslief, habe ich mit ihm persönlich verhandelt, damit das Projekt fortgesetzt werden kann. Ich habe erreicht, dass wir dort zu sehr günstigen Konditionen weiter Künstler Räume zur Verfügung stellen können und dass das Projekt insgesamt auf sicheren Beinen steht. Dann kam mir zu Ohren, dass es Schwierigkeiten zwischen den Künstlern und der Projektleitung gibt.

 

Die dann prompt nicht weiter beschäftigt wurde. Und das bedeutet?

 

Nichts weiter außer dass wir eine neue Projektleitung suchen. Ich fand den Kontakt mit der bisherigen Leitung persönlich konstruktiv. Aber offenbar haben ein paar andere Dinge nicht mehr funktioniert. Dann trennt man sich im Interesse der Sache besser, das ist ein ganz normaler Vorgang, der gar nicht gegen die Zukunftsfähigkeit des Projekts spricht, im Gegenteil. Wir hoffen, bald neu besetzen zu können, und wir werden das Projekt etwas weiter öffnen für Themen wie beispielsweise Kunstschmiede oder auch an Modedesign.

 

Sollen wir es wirtschaftsnäher nennen?

 

Wirtschaftsnäher? Naja, sicherlich sind die genannten Kunstrichtungen auch für eine Vermarktung durchaus geeignet. Dies stand aber nicht im Vordergrund der Erwägungen.

 

Neulich haben Sie bei einem SPD-Hearing mit Kulturvertretern gesagt, wir hätten eine sehr deutliche Krise bei den Verlagen und den Printmedien. Sind denn Zeitungen ein Kulturgut und müssen unter Umständen bald gerettet werden?

 

Zeitungen sind mit Sicherheit ein Kulturgut und wesentlich für unsere Demokratie. Sie sind nicht umsonst die sogenannte vierte Macht im Staat. Der Erhalt der Meinungsvielfalt sollte uns wichtig sein, auch wenn es gerade für Politiker nicht immer nur angenehm ist, wenn beziehungsweise vielmehr was berichtet wird. Ich bin sehr froh, dass wir in München eine so breite Zeitungslandschaft haben.

 

Haben wir die denn noch?

 

Nun, es gibt immer noch fünf Zeitungen, die täglich erscheinen. Das ist ja immer noch recht einmalig in Deutschland. Darüber bin ich froh. Aber trotzdem muss man auch sehen, dass es eine veritable Krise gerade dieser Printmedien gibt. Das mag auch daran liegen, dass natürlich gerade die jüngere Generation vermehrt auf andere Nachrichtenkanäle zugreift und damit das Thema Zeitungslesen nicht mehr so im Fokus steht.

 

Die Leser sind aber großteils schon noch da, nur eben die Anzeigenkunden nicht mehr.

 

Nicht mehr so sehr im Fokus? Foto: Achim Manthey

Das ist wohl richtig. Es wird sich zeigen, ob die Medienlandschaft gegebenenfalls durch Fusionen reduziert wird. Dazu hat aber die Kartellbehörde auch immer eine ganz deutliche Haltung. Ich hoffe jedenfalls, dass die große Medienvielfalt in München zumindest im Kern bestehen bleibt und gehe davon aus, dass jedenfalls die großen Verlagshäuser dauerhaft Bestand haben werden. Und wenn es schlimmstenfalls aus wirtschaftlichen Gründen irgendwann nur noch vier Tageszeitungen in München geben sollte, ändert das nichts an der Notwendigkeit und der Sinnhaftigkeit einer transparenten Berichterstattung in einer Stadt wie München.

 

Ist denn die Kultur der Medien oder überhaupt die Kultur tendenziell immer noch links?

 

Es gibt im Regelfall diese klassische Einteilung der Medienlandschaft in ein „rechts“ oder „links“, wie dies vor 20 bis 30 Jahren vielleicht der Fall war, heute meines Erachtens nicht mehr. Es wird vielmehr nach meiner Wahrnehmung quer durch alle Kanäle sehr individuell und unabhängig berichtet, jedenfalls in der Regel. Früher glaubte man einschätzen zu können, wie sich bestimmte Medien zu bestimmten Themen positionieren würden – dies funktioniert heute nicht mehr.

 

Früher gab's aber auch keine OB-Kandidaten, die Highway To Hell gesungen haben.

 

Ja, da würde sich ein Schorsch Kronawitter sicher schwer tun.

 

Wenn Sie einen Wunsch freihätten für die Münchner Kultur, dann...?

 

Dann würde ich sagen: München muss auch weiter eine so erfolgreiche Wirtschafts- und Finanzpolitik betreiben, damit wir es uns leisten können, auch in Zukunft Kulturförderung nicht an monetär bewertbare Gegenleistungen knüpfen zu müssen. Die Kultur muss offen, frei und kreativ bleiben. Und wir müssen es uns leisten können, diese Szene auch weiterhin zu fördern - dann wäre ich schon sehr zufrieden.

 

Teil 1 des Interviews mit Dieter Reiter erschien am 15. März 2013.

Das Interview mit dem Josef Schmid von der CSU findet sich hier, das mit OB-Amtsinhaber Christian Ude (SPD) hier.

Veröffentlicht am: 19.03.2013

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