Kultur-Interview mit SPD-OB-Kandidat Dieter Reiter (Folge I)

"Irgendwann hat man so oft 'Highway To Hell' gebrüllt, dass man es gar nicht mehr zählen kann"

von Michael Grill

OB-Kandidat Dieter Reiter im Gespräch mit dem Kulturvollzug in seinem derzeitigen Arbeitszimmer im Münchner Referat für Arbeit und Wirtschaft. Die Trachtenweste, betont er, gehört zu seinem Wiesn-Präsentations-Termin an jenem Tag. Foto: Michael Grill

Er ist Verwaltungs-Fachmann und er ist Fan der großen alten Rockbands der 70er und 80er Jahre. Dieter Reiter führt das Referat für Arbeit und Wirtschaft der Landeshauptstadt München - und er soll als SPD-Spitzenkandidat bei der Kommunalwahl in einem Jahr Nachfolger von Christian Ude als Oberbürgermeister werden. Der 54 Jahre alte Reiter galt lange als relativ unbekannt, hat aber inzwischen gegenüber seinem Hauptkonkurrenten Josef Schmid von der CSU stark aufgeholt. Im Interview mit dem Kulturvollzug erklärt Reiter, was ein gutes Gitarrensolo ist, warum er erst jetzt an die Umwegrentabilität der Kultur glaubt und wie Theater und Wiesn sich gegenseitig befördern können.

Herr Reiter, wir sind hier im Referat für Arbeit und Wirtschaft, dessen Chef Sie sind. Man merkt hier auf Schritt und Tritt, dass überall an großen und wichtigen Themen gearbeitet wird, aber keines davon hat mit Kultur zu tun. Sollen wir also lieber über etwas anderes reden?

Dieter Reiter: Aber nein, gar nicht. Ich bin ein regelmäßiger Konsument von Kultur, und außerdem bin ich ja auch schon ein paar Jahre Mitglied der Stadtregierung. So konnte ich immer gut verfolgen, wie die Kulturthemen von OB Christian Ude oder vom jeweils zuständigen Referenten vertreten werden. Mit Hans-Georg Küppers haben wir derzeit einen sehr guten Referenten, und auch über die Besprechungsrunden mit ihm bekomme ich das eine oder andere Kulturthema mit. Und nicht zu vergessen, dass ich früher in der Kämmerei war, wo es auch immer wieder Berührungspunkte mit Fragen der Kulturpolitik gab. Ich war und bin über die Themen der Münchner Kultur immer ganz gut im Bilde.

Bevor wir grundsätzlich werden: Es hieß doch immer, Sie hätten hinterm Büro-Schreibtisch Ihre E-Gitarre stehen. Wo ist sie denn?

Derzeit ist sie nicht hier im Büro, denn wir proben bald wieder mit der Band. Die Gruppe, in der ich spiele, ist eine lose Formation aus allen politischen Lagern. Wir planen bald mal wieder einen Auftritt, eine Charity-Sache. Und wenn da fünf Musiker zusammen auftreten wollen, dann sollten sie vorher besser mal etwas geprobt haben. Unser Probenraum befindet sich im Komplex des Deutschen Museums, dort ist meine Gitarre gut aufgehoben. Zuhause habe ich aber noch zwei Gitarren, eine elektrische und eine akustische. Hier im Büro komme ich ohnehin nicht dazu, mal für eine halbe Stunde Pause die Gitarre in die Hand zu nehmen und ein wenig zu klimpern.

Wer Gitarre spielt, hat meist im Teeniealter damit begonnen. Was für Musik hatten Sie im Ohr, als Sie erstmals zu Gitarre griffen?

Das Schlimme ist ja bei solchen Fragen, dass man so direkt an sein Alter – ich bin 54 – erinnert wird.

Das ist doch nicht schlimm.

Danke, das beruhigt mich... Zu meiner Zeit ging es da um Bands wie The Sweet...

Gut, das ist schon ein bisschen schlimm.

Oder es gab Slade...

Das ist allerdings durchaus ein bisschen sehr schlimm.

Jedenfalls bewegten mich die Gassenhauer der damaligen Zeit, und vorneweg immerzu die Beatles. Und ich hörte mir vieles an, was wir dann auch mit der Schulband zum Besten geben konnten - also die Hitparade rauf und runter. In späteren Jahren, als ich mehr auf der akustischen Gitarre unterwegs war, ging die Tendenz mehr Richtung Leonard Cohen, Donavan, oder Country-Songs.

Gerade in der damaligen Zeit war die Gitarre ein - pathetisch gesagt - Instrument der Befreiung. Gar der Rebellion?

Doch, das kann ich unterschreiben! Und Gitarrespielen ist nicht nur in der Jugend befreiend, für mich ist es das bis zum heutigen Tag. Wenn ich daheim mal zwei Stunden Zeit habe und entspannen will, dann stöpsle ich meine E-Gitarre an und versuche, Mark Knopfler von den Dire Straits zu imitieren. Was zugegebenermaßen eine Herausforderung ist, denn er ist ein genialer Gitarrist. Damals in der Jugend hatte ich übrigens ganz lange Haare, das gehörte einfach dazu. Ebenso dass man möglichst laut spielen musste, AC/DC und solche Sachen, die gehörten ins Standardrepertoire. Rückblickend gesehen hat man dann irgendwann so oft "Highway To Hell" gebrüllt im Leben, dass man es gar nicht mehr zählen kann... Aber, ganz klar, das war schon auch ein revolutionärer Akt für uns damals, diese Musik.

Haben Sie die Straits live gesehen, also die Dire Straits ohne Mark Knopfler, die vor nicht allzulanger Zeit in der Muffathalle auftraten?

Nein, leider nicht.

Ich hatte es zuvor für unmöglich gehalten, aber es war sogar ohne Mark Knopfler großartig.

Ehrlich?!

Wer Dire-Straits-Fan ist, kann da bedenkenlos hingehen.

Künftig wohl mit einem Knopfler-Fan mehr im Publikum: Die Straits - hier bei ihrem Auftritt Anfang 2012 in der Muffathalle. Foto: Michael Grill

Nein, ist ja kaum zu glauben, dass die alte Band auch ohne Knopfler gut sein soll. Ein guter Tipp jedenfalls. Ich habe den Mann zuletzt auf dem Königsplatz live gesehen. Er ist ja inzwischen schon etwas gesettelt. Aber das Konzert war hervorragend.

Sie nennen Knopfler auch auf Ihrer Homepage als den Künstler, den Sie am meisten bewundern. Ein bisschen böse gefragt: Könnte es sein, dass Politiker an der Stelle immer einen Mark Knopfler nennen, und nie einen Angus Young oder einen Jimi Hendrix? Also immer Mainstream, niemals was richtig Lautes?

So ist das zumindest bei mir überhaupt nicht. Ganz sicher nicht! Für mich steht Mark Knopfler für den Gitarristen, der die Gitarre so spielt, wie ich sie mir am liebsten anhöre. Hendrix war sicher ein superguter Gitarrist, ich muss aber gestehen, dass mich seine Musik nur sehr kurz fasziniert hat. Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen "All Along The Watchtower" und solche Lieder laut und mit Begeisterung zu hören.

Der Dylan-Song "All Along The Watchtower" ist ja noch brav, nehmen Sie doch zum Beispiel "Purple Haze", das kracht wenigstens richtig.

Gegen die Lautstärke habe ich ja gar nichts. Es geht mir auch nicht darum, hier auf der Seite der Smarten zu stehen. Mir ist schon klar, dass Knopfler ein wenig derjenige ist, der vielen gefällt. Aber er ist eben auch vielseitiger als die anderen, er beherrscht die Melodien und die Riffs, er kann auch Fingerpicking perfekt. Deshalb steht er auf meiner Homepage und ich bekenne mich dazu.

Noch eine letzte Mucker-Frage. Was ist ein gutes Gitarrensolo?

Da fallen mir als Beispiele zwei ganz überragende Soli ein: Das von der Live-Version von "Sultans of Swing", da spielt Knopfler ein Wahnsinnssolo, finde ich.

Legendär!

Absolut, und minutenlang! Das hab ich mal versucht nachzuspielen, mit einem Lernvideo aus dem Internet, wo das Solo in 20 oder 30 Sequenzen unterteilt wird, und man kann es dann in ebenso vielen Lektionen lernen. Und ich kann Ihnen sagen: Das zu spielen ist elend schwierig. Aber der Knopfler macht das auswendig und mit einer Relaxtheit - phänomenal. Und das zweite Solo, das ich nennen möchte, ist das von den Eagles bei "Hotel California", auch ein unglaublich schönes Solo. Das finde ich faszinierend.

Der Song ist ja ganz schön abgründig.

Ja, der Text ist schon etwas abgefahren. Ich find's jedenfalls toll, eines meiner Lieblingslieder. Wenn wir nächstes Mal mit unserer Band auftreten, spielen wir den Song hoffentlich.

Sie haben drei Kinder. Also dürften Sie doch eigentlich ausreichend mit Jugendkultur versorgt sein, oder?

Das Crash ist heute an der Ainmillerstraße (Foto). Das Vorgängerlokal an der Lindwurmstraße hatte auch für spätere OB-Kandidaten einiges zu bieten. Foto: Achim Manthey

Da bekommt man schon so einiges hautnah mit! Zum Beispiel auch die Veränderungen im Ausgehverhalten, sage ich mal ganz offen. Das fand ich schon überraschend, wenn die Kinder gegen 11 Uhr nachts gesagt haben: "Wir gehen dann mal so langsam los". Zu meiner Zeit, also so vor rund 35 Jahren, da war das ja noch ein wenig anders - da begann der Discobetrieb mit Einbruch der Dunkelheit oder spätestens ab 20 Uhr. Aber jetzt geht man vor Mitternacht anscheinend gar nicht aus dem Haus. Mit den Kindern lernt man dann auch die Szene kennen. Was es alles gibt in München! Vor kurzem war ich auf einer Veranstaltung im "Strom", das ist an der Lindwurmstraße. Das kenne ich aus meiner Zeit noch als "Crash", damals war es noch richtig düster und schwülstig dort. Und dazu war die Luft geschwängert von nichtlegitimierten Gerüchen...

Wie schön, dass wir wirklich alle Aspekte von Kultur abarbeiten.

Das Crash war jedenfalls immer ein Ort, wo es Musik total laut gab. Ich habe diese Erlebnisse sehr genossen. Und wenn man später drei Kinder hat, lernt man das dann alles noch einmal kennen - in anderer Form.

Versuchen wir mal einen Schwenk hin zu härteren Kulturthemen zu machen. Derzeit beschäftigt sich die SPD mit der sogenannten Kreativwirtschaft. Ich zitiere aus einer Einladung zur Diskussion mit Bundes- und Landtagsfraktion: "Die Kreativwirtschaft ist ein schlafender Riese, dessen Potenziale zielstrebig entwickelt werden müssen." Ginge es vielleicht noch etwas konkreter, was man da jetzt machen will?

Meine Position ist die: Wir müssen bei der Kreativwirtschaft erkennen, das Künstler und Kreative nicht einfach nur Kostgänger der öffentlichen Hand sind. Da gibt es so gut wie immer einen "Return on Investment" an die Gesellschaft, also konkrete Werte, die nach einer Investition in die Kultur auch wieder zurückkommen. Deshalb müssen wir den Kreativen auch Räume zur Verfügung stellen - aber das ist in München natürlich eines der schwersten Probleme überhaupt. So setze ich darauf, dass wir unbedingt Kreativquartiere schaffen müssen. Ich habe hier bei mir im Haus, also im Referat für Arbeit und Wirtschaft, außerdem ein Projekt namens Platform3. Das war gleich eine meiner ersten Maßnahmen hier im Haus, als ich sah dass die Aula im Erdgeschoss ungenutzt ist, die noch dazu von außen gut einsehbar ist. Da habe ich zur Projektleiterin gesagt: Machen wir doch hier Ausstellungen mit jungen Künstlern! Dann haben wir einen Raum für die Kultur, holen dadurch ein breites Publikum ins Haus - das ist doch super! Das machen wir jetzt seit vier Jahren. Ich sehe so etwas auch als kleinen Nukleus, eine Keimzelle aus der sich etwas für die Kreativwirtschaft entwickeln kann.

Muss bei der Kunst immer "etwas zurückkommen"?

Ich denke schon, aber nicht immer direkt und monetär. Kunst gehört zu unserer Kultur, zu unserer Stadt. Kunst und Künstler beflügeln unsere Stadt und schon deshalb kommt, wie Sie es genannt haben, immer etwas zurück. Ich habe mir zu dem Thema auch einige Beispiele anderer Städte angesehen. Zusammen mit dem zuständigen Stadtratsausschuss war ich zum Beispiel in Amsterdam, bei den dortigen Kreativquartieren. Dort werden die Künstler nicht einfach "unterhalten", sondern es wird immer in irgendeiner Form eine "Gegenleistung" erwartet. Die Künstler dürfen dort nur eine gewisse Zeit in den günstigen Quartieren bleiben. Und nach dieser Frist hat man sich dann entweder am Markt behauptet – und kann sich nicht unterstützte Quartiere leisten – oder man hat sich nicht behauptet und muss dann wieder Platz für neue Talente machen. Eine interessante Variante für bestimmte Bereiche der Kunst finde ich.

Das geplante Münchner Kreativquartier an der Dachauer Straße wäre mit seinem für München neuen Konzept ein ganz eigenes Gesprächsthema...

Richtig! Ich freue mich, dass dieses von mir auch nachdrücklich unterstützte Projekt Formen annimmt. Ich bin sehr gespannt, was dort entstehen wird. Und noch einmal, weil es mir so wichtig ist: Die Politik muss begreifen oder besser anerkennen, dass durch Kreativwirtschaft auch ein echtes Wirtschaftsgut geschaffen wird. Hier stecken die Kommunen meines Erachtens bundesweit noch etwas in den Kinderschuhen. Erinnern Sie sich noch an den früheren Münchner Kulturreferenten Hummel?

Klar, Siegfried Hummel, der Kultur-Mann mit den Aktendeckeln in den frühen 90ern.

Der erzählte schon damals immer etwas von der Umwegrentabilität in der Kultur. Ich traf ihn damals gelegentlich als Vertreter der Kämmerei, und ich gestehe: Ich konnte damals oft seine Argumente nicht nachvollziehen, hielt sie eher für einen geschickten Werbespruch. Aber nun, einige Jahre später, kann auch ich sagen: Es geht um einen richtigen Wirtschaftszweig, der durchaus auf Augenhöhe ist mit vielen anderen, eine Branche, mit der man tatsächlich eine Stadt auch weiterentwickeln kann. Und weil ich das Image Münchens etwas neu justieren möchte, gehört die Kreativwirtschaft thematisch in jedem Fall zu unseren wichtigen Standortfaktoren.

Sie kommen ja praktischerweise gerade von einem Münchner Tourismus-Termin, den Sie als Chef der Tourismus- und Wiesn-Behörde wahrgenommen haben.

Ganz genau, ich war bei einer der Vor-Präsentationen zur Wiesn 2013, und da sind dann mindestens 20 Journalisten und mehrere Kamerateams - unglaublich, was das Thema für Aufmerksamkeit schafft. Warum sollten wir diese Aufmerksamkeit nicht auch mal nutzen, um die Münchner Kreativwirtschaft zu präsentieren?

Vielleicht weil man im Tourismusamt bislang, und nicht ganz unerfolgreich, eher auf Bier und FC Bayern gesetzt hat?

"Wir haben tolle Theater, das sind Faktoren, die wir mehr in den Fokus stellen müssen." Foto: Achim Manthey

Aber das kann man auch anders machen. Unsere Stadt hat eine bemerkenswerte Kulturgeschichte, wir haben die besten Voraussetzungen für Künstler und kreative Köpfe. Wir sind ein wichtiger Musikstandort, wir haben tolle Theater und große Verlage – alles Faktoren, die wir etwas mehr in den Fokus stellen müssen. Und auch hier spielt die Kreativwirtschaft eine nennenswerte Rolle.

Beißt sich das nicht doch mit dem ewigen Mantra der SPD-Kultur, nämlich dass Kultur zuallererst einmal von unten her zu definieren ist?

Das sind unterschiedliche Aspekte. Wenn Sie mich jetzt fragen, wo ich den Schwerpunkt setzen würde, dann sage ich, dass ich dezentrale Stadtteilkultur als wichtig einstufe. Ich sage auch, dass wir in diesem Bereich, zum Beispiel bei Kulturzentren aber auch bis hin zur Subkultur weiter etwas mehr fördern könnten als wir es bis jetzt tun. Ich bin überzeugt, dass solche Art der Förderung sehr wichtig ist, um eine dezentrale Stadtteilkultur zu pflegen und weiter auszubauen. Das widerspricht meiner Meinung nach nicht der Förderung der Kreativwirtschaft. Schließlich hätten ja auch viele, die in diesen Einrichtungen „Kultur schaffen“, durchaus nichts gegen eine bessere Vermarktung einzuwenden. Ich sage immer: Berlin und München unterscheiden sich dadurch, dass zwar einige Künstler nach Berlin gehen, aber der Markt nach wie vor in München ist. So kann man die beiden Aspekte auch gut auf einen Nenner bringen: Dezentrale Kultur in den Stadtvierteln, aber Chancen zur Vermarktung durch Kreativwirtschaft.

 

Teil 2 des Interviews mit Dieter Reiter folgt in den nächsten Tagen.

Das Interview mit dem Josef Schmid von der CSU findet sich hier, das mit OB-Amtsinhaber Christian Ude (SPD) hier.

 

Veröffentlicht am: 15.03.2013

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