Simons inszeniert King Lear an den Kammerspielen

Ein König in der Narrenhose

von Michael Weiser

Warum also bei Shakespeare kein Schwein auf die Bühne bringen? (Foto: Julian Röder)

Johan Simons lässt die Sau raus: Sein "King Lear" sucht die Nähe zum Elementaren - notfalls mit dem Mittel des Klimbims.

Das kann man schon so sehen: Das ein König nichts anderes sei als besonders hoher Adel, und dass der Adel in der Scholle wurzle: In Grund und Boden, seinen Reichtum zählend in Vieh und Seelen. Man könnte dann auch noch sagen, dass das Schwein an sich für die nackte Kreatur steht, für das Bäuerliche ohnehin.

Warum also nicht bei Shakespeares King Lear Schweine auf die Bühne bringen? So, wie es Johan Simons bei seiner Kammerspiele-Inszenierung jüngst getan hat? Warum nicht? Weil's nicht passt: Fünf Stück leibhaftiges Borstenvieh laufen über die Bühne, grunzen fröhlich, und sorgen doch nur für ein wenige Sekunden währendes Raunen beim Publikum, ohne weiteren Gewinn an Erkenntnis aus dem Bretterboden zu scharren. Allenfalls denkt man sich, welch schiefer Vergleich dem Hausschwein an sich im Sprachgebrauch zugemutet wird: Das wahre Schwein, das ist nicht nur bei Shakespeare der Mensch, mag er ein Bauer sein oder ein König.

Annette Paulmann, Lasse Myhr, Sylvana Krappatsch (v.l.), im Hintergrund Stefan Hunstein (Foto: Julian Röder)

Es ist ein Ding, festzustellen, wie nah das Tragische am Komischen wohnt. Ein anderes ist es, ein tragisches Geschehen als Clownsnummer auf die Bühne zu bringen. Zumindest liegt dieser Verdacht nahe, blickt man auf die Kostüme, in die Nina von Mechow die Schauspieler hüllt: Ein bisschen Mittelalter, ein bisschen Undefinierbares, Vokuhila-Perücken - es ist, als ob da eine Gothic-Parodie über die Bühne ginge.

Um es kurz zu machen: eine Lachnummer ist dieser King Lear natürlich trotzdem nicht. Bert Neumann hat in seinem Bühnenbild das Grundsätzliche auf den Punkt gebracht. Die hohen Herren hausen in Schlössern, die aus Lamettafäden gewoben sind. Einen goldenen Käfig kann man darin sehen, folgerichtig verheddern sich die Schauspieler auch immer wieder mit Perücken, Kronen und anderen Acessoires in dem Fadengewirr. Im Hintergrund ein Gebilde, das an Umkleidekabinen in einem Strandbad erinnert. Bald wird der Stoff fallen, ein Brettergerüst kommt zutage - so sieht's nun mal aus, wenn die Fassaden verschwinden. Die weiteren Intrigen, Kämpfe, Tode - sie spielen sich auf einer runden Fläche ab. Die Welt ist eine Scheibe, und der Rasen, der sie bedeckt, wird im Ringen um die Macht gründlich verwüstet werden. Es geht gar nicht mehr um die unwahrscheinlichen Wendungen, die Shakespeare einem zumutet, es geht um das Ganze, mit archaischer Wucht auf diese grobe Bühne gehämmert. Mit streckenweiser drastischer Brutalität.

André Jung, Peter Brombacher, Kristof Van Boven (Foto: Julan Röder)

Und dann hat Simons nur wenig gekürzt, und das behutsam. Shakespeare ist nicht nur wegen seiner Stoffe ein immerwährendes Ereignis, sondern auch wegen der Sprache. Und die spielen die Akteure der Kammerspiele in einer Klasse aus, wie sie vermutlich nur an wenigen deutschen Häusern zu erleben ist. Es ist auch der Abend zweier großer alter (älterer?) Männer: Peter Brombacher spielt den Gloucester berührend - großartig. Über André Jungs Qualitäten muss man kaum Worte verlieren: Wenn man den "Hiob" mit ihm gesehen hat, "die späten Nachbarn" - dann weiß man, mit wie viel Wirkung und Ausstrahlung er Männer im Herbst ihres Lebens spielen kann. Ein törichter, ein wirrer König, der sein Reich vor der Zeit aufgeteilt hat und Freund nicht von Feind unterscheiden kann: So wie ihn Jung verkörpert, schafft er ein Paradox. Man findet ihn nicht sympathisch und leidet doch mit ihm.

Ein Ereignis ist Thomas Schmausers Narr. Eine Paraderolle, aber sie will ausgefüllt werden. Wahrscheinlich so, wie sie Schmauser spielte, traumwandlerisch sicher, ein weiser Narr, über dessen Scherze das Lachen bitter wird. Er macht sich nackicht, diesmal mit gutem Grund: In seiner Narrenhose wird fortan der König seinem Ende entgegendämmern.

Wunderbar ist, wie die scheinbar kleinen Dinge hier funktionieren. Brombacher wirft unsichere Seitenblicke auf seinen verbannten Sohn Edgar (Kristof van Boven), den er nicht bewusst wiedererkennt, und fasst so eine tragische Situation in einen Moment. Sylvana Krappatsch verabschiedet sich als vergiftete Regan wie ein verwöhntes Gör, die sich wegen Unwohlseins von einer Cocktailparty verabschiedet - was ist da nun mit Upper Class? Wenn dieser "King Lear" im Gedächtnis bleiben sollte, dann auch wegen der Klasse seiner Darsteller. Langer, erschöpfter Beifall, wenige Buhs.

Kammerspiele, 13., 23., 31. März, 17.,21., 26. April 2013, 19 Uhr

 

 

Veröffentlicht am: 11.03.2013

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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