Alternative Gegenkultur der 1970er im Stadtmuseum

Wir wollen alles!

von Karl Stankiewitz

Plakat "Arbeitermacht statt Sozialpartnerschaft, 1. MAi, Arbeiter-Basis-Gruppen der APO", 1969 (c) Archiv der Münchner Arbeiterbewegung)

Die Ausstellung "Wem gehört die Stadt?" untersucht die sozialen Bewegungen im München der 1970er Jahre.

Es war ein Jahrzwölft der großen Unruhe, des Umbruchs und des Aufbruchs. Halb Europa wurde erfasst von zunächst schwer erklärbaren Strömungen, die nicht nur dem damaligen Münchner Polizeipräsidenten Manfred Schreiber als "vorrevolutionär" erschienen. Während sich diese neuen Bewegungen in Frankfurt am Main und Westberlin, den Brennpunkten im so genannten freien Teil Deutschlands, auf studentische und intellektuelle Kreise fokussierten, verbreiteten sie sich in München navch und nach in nahezu allen Gesellschaftsschichten.

Nur in Bayerns Hauptstadt, die 50 Jahre zuvor Geburtsort einer Räterepublik und unter den Nationalsozialisten "Hauptstadt der Bewegung war" hat sich ab dem legendären JAhr 1968 eine so "einzigartige Atmosphäre antiautoritärer und spontanistischer Aktionen" entwickeln können, wie der Historiker Gerhard Fürmetz vom Bayerischen Hauptstaatsarchiv aus hauseigenen Dokumenten gefolgert hat. Vielleicht lag die Besonderheit auch daran, dass die Münchner Geschehnisse eine spezifische Schwabinger Variante hatten, eine geradezu künstlerische Note - wie 1919.

Die Ereignisse von damals haben viele Spuren hinterlassen - und manche Fragen. Eine davon hieß - und sie ist angesichts gehäufter Luxussanierungen und Spekulationen wieder akut geworden: "Wem gehört die Stadt?" Dies ist denn auch der Titel einer Ausstellung im Münchner Stadtmuseum - der ersten ihrer Art überhaupt -, die mit rund 800 Leihgaben aus öffentlichen und privaten Archiven versucht, die sozialen Bewegungen der 1970er Jahre in München und darüber hinaus zu manifestieren. Besonders aufschlussreich sind Berichte und Filme der staatlichen Sicherheitsorgane; noch nicht ausgewertet hingegen so wichtige Quellen wie das vom Kunst-Kommunarden Heinz Koderer hinterlassene Archiv der Außerparlamentarischen Opposition (APO).

Häusernot-Demonstration in der Blumenstraße "Wir brauchen Wohnungen...", 1979 (c) Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

Wem die Stadt gehöre, war Anfang 1970 konkret in Frage gestellt worden. Als immer mehr Sozialwohnungen, auf die 13000 Münchner Familien warteten, in Eigentumswohnungen umgewandelt wurden, riefen Betroffene und sympathisierende "Spontis" - darunter der Schwabinger Jura-Juso und spätere "Mieteranwalt" Christian Ude - in der vorübergehend von einem CSU-OB (Erich Kiesl) regierten Stadt zum Widerstand gegen den "Hausbesitzerterrorismus", gegen "Profitopolis", zur "Mieterselbstverteidigung". Diese begann ziemlich konstruktiv - durch alternative Wohngemeinschaften (WGs), auch Kommunen genannt.

Bald wurden aber alte, abbruchbereite Häuser mehr oder weniger gewaltsam besetzt. Das erste Objekt war ein von den Amerikanern geräumter Wohnblock. Das Gasteig-Spital mussten dann schon 700 schwer bewaffnete Polizisten schützen, damit es Münchens künftiges Kulturzentrum werden konnte. Andernorts hatte der "Häuserkampf" mehr Erfolg. So in Alt-Schwabing, wo die schöne Seidl-Villa und das umliegende Ensemble gerettet werden konnten. In der evangelischen Matthäuskirche war sogar der Pfarrer dabei. Und ein 32-jähriger Dolmetscher namens Gerhard Polt schrieb 1975 ein Theaterstückl über einen Sanierungsfall in der Amalienstraße.

Blatt 167, Stadtzeitung für München, März 1980 (c) Münchner Stadtmuseum

Die kleine Welt war den Aktionisten gleich wichtig wie die große Welt. "Dahoam is dahoam", so dachte man noch lange nicht. "Solidarität" hieß die oberste der vielen Parolen, die auf meist blutroten Plakaten , auf HAndzetteln, Flugblättern, bei Sit-ins, Sternmärschen und Großdemos verkündet wurde. Mit allen "kämpfenden Völkern" der Welt wollte man sich ideell verbünden, speziell mit jenen in Vietnam, Chile und Griechenland. Solidarische Grüße gingen an Fidel Castro und an Amerikas Black Panther. Auch die Klassiker des Marxismus feierten fröhlich Urständ. In Betrieben und Stadtteilen bildeten sich Basis-, Projekt- und Selbsthilfegruppen ("Wir befreien uns selbst"), Frauengruppen ("Weg mit dem Patriarchat"), schwule Aktionsgruppen - zum Forum Homosexualität 1976 kamen 200 Gäste aus sechs Ländern in eine Münchner Teestube -, auch ein Antiolympischen Komitee mit dem tolldreiten Fritz Teufel im Trikot als Werbeträger.

ZAhlreiche neue Zeitungen und Zeitschriften schossen aus dem Untergrund: jedermann war ja jetzt in der Lage, zu drucken oder mindestens zu hektographieren. Die Blätter hießen etwas "Roter Aufmucker", "Die Zündung", "Funke" (wie das von Lenin in München redigierte Revolutionsblatt) oder einfach nur "links". Das in allen Kreisen gern gelesene "Blatt" hielt sich immerhin von 1973 bis 1984. Bücher mit Titeln wie "Der Westen wird rot" oder "Wir wollen alles" - manche waren Raubdrucke - wurden von Staatsanwälten fleißig indiziert. Verlage wie "Trikont"  und Buchläden wie die - erst kürzlich verblichene - "Basis" verbreiteten revolutionäre Literatur. Theatergruppen, die "Rote Rübe" und Fassbinders "antitheater" zum Beispiel, machten ebenso Furore; neuartige Jugendbühnen wollten Kindern "die Welt als veränderbar zeigen."

Plakat "Wir sind Frauen, wir sind viele, wir haben die Schnauze voll", 1970er Jahre (c) Sammlung kofra, München

Viele reihten sich ein in die Stadt-Guerrilla, die sich da und dort eher als Spaß-Guerilla gebärdete und auch selbst so verstand. Überall Parolen, Polemik, Provokation - nicht selten unter der Gürtellinie. Und nicht zuletzt gegen amtierende Politiker, wenngleich in Bonn eine sozial-liberale Regierung im Dezember 1969 eigentlich "mehr Demokratie wagen" wollte. In Bayern jedenfalls boten sich noch genügend Angriffsflächen. "Stoppt Strauß!" - so lautete ein vorrangiger Kampfruf. Die Kultusminister Huber und Maier hatte ebenso wenig zu lachen.

 

Natürlich drängte auch die Kunst mitten aufs politische Schlachtfeld. Eine Ausstellung im Kunstverein forderte "Verändert die Welt - Poesie muss von allen gemacht werden". Der Aktionsraum 1 schloss im Oktober 1970 nach 50 avangardistischen Aktionen mit dem Fazit "Wir werden keine Kubnst mehr machen." Die Akademie der Bildenden Künste wurde zur "roten Akademie" umfunktioniert, über und über beschmiert und vom Kultusministerium geschlossen. Die von 300 Teilnehmern beschickte "Kunstzone" auf dem Viktualienmarkt empfand die CSU als "Jahrmarkt der Sauereien". In den Kammerspielen traten einmal Schauspieler in den Streik, aus Solidarität.

Klar, dass sich die angegriffene Demokratie zum Abwehrkampf rüstete. Auch dazu bietet die Müchner Ausstellung interessante Dokumente. Nach der "Studentenrevolte" der Jahre 1967/68 nämlich verlangten oder erhofften die Autoritäten endlich ein "Jahrzehnt der Sicherheit" - was zunächst allerdings extrem ins Gegenteil umschlug. Jedenfalls erließ die Bundesregierung im Januar 1972 den so genannten Radikalenerlass und zwei Jahre später beschloss der Bundestag ein Anti-Terror-Paket.

Plakat "Kunstzone München 1971" (c) Münchner Stadtmuseum)

Viele Staatsbedienstete, die sich allzu weit vorgewagt hatten, verfielen einem Berufsverbot auf Grund eines Beschlusses der Ministerpräsidenten von 1972. Noch viel mehr Bürger, die von einer Utopie geträumt hatten - wenn nicht schon von einer Revolution -, wurden von gewissen Politikern und Presseorganen als "Rote" oder "Rabauken" gebrandmarkt. Oder einfach nur, wie es dem Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll widerfuhr, als Sympathisanten von Gewaltbereiten. Tatsächlich hat erst der Terrorismus der RAF dem Jahrzehnt des Umbruchs ein schauerliches Ende gemacht. Und tatsächlich wurde das Berufsverbot, einem Lehrer gegenüber, erst 2007 aufgehoben.

Bis zum 1. September 2013 im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, Di-So 10-18 Uhr.

Zum Thema auch die Bücher des Autors "München 68 - Traumstadt in Bewegung" und "Die befreite Muse. Münchner Kunstszene seit 1946", beide im Volk Verlag erschienen.

Veröffentlicht am: 05.03.2013

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Karl Stankiewitz

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