Jiri Kylians "Zugvögel" zurück am Staatsballett

Geisterreigen um die Größe des Alterns

von Isabel Winklbauer

Vogelgeister bevölkern den Keller des Nationaltheaters. (Bild: Day Kol)

Jiri Kylians "Zugvögel" kehren zurück ans Bayerische Staatsballett. Das Stück, das der Meister der Neoklassik für München schuf, hat nichts von seinem Charme verloren: Der Parcours durch die Unterwelt des Nationaltheaters ist immer noch erfrischend chaotisch, die Pas-de-deux auf der Bühne versetzen immer noch in Trance. Und gerade im halbfertigen Charakter des Werks liegt sein Appeal.

"Zugvögel" ist ein üppiges Werk. Die Installationen in der Unterbühne, die Vorhangkulissen, Flügel und Kopfkonstrukte aus Fallschirmseide für die Tänzer sowie eine riesige, bewegliche Filmleinwand, auf der in vier Episoden ein eigens produzierter, surrealistischer Film gezeigt wird, müssen Staatsballett-Budget für mehrere Jahre verschlungen haben. Kylian widmete das Stück 2009 einerseits der Münchner Kompanie, die damals zehnten Geburtstag feierte, andererseits seiner Gefährtin Sabine Kupferberg - die sich kurz vor der Premiere das Bein brach und nicht wie vorgesehen die Hauptrolle tanzen konnte. Sie fehlt dem Stück noch immer. Was für ein Effekt, wenn sie nicht nur in den Filmsequenzen, sondern auch auf der Bühne zu sehen wäre!

Caroline Geiger und Peter Jolesch (Bild: Wilfried Hösl)

Caroline Geiger und Peter Jolesch dagegen haben sich verändert. Die reifen Tänzer, die das Publikum durch hypnotische Paar- und Trio-Sequenzen, durch Gruppenstücke unter luftigen Seidenwogen und durch wilde Ravel-Walzer hindurch führen, ist besser denn je. Die zwei geben ihren Mantel-Pas-de-Deux, als wäre es das letzte Mal und behalten auch dann die Oberhand, wenn die jüngeren Zugvögel aus den Kulissen schießen, um vor Energie strotzende Variationen und Duette zu vollführen.

Oft sind Kylians "Zugvögel"-Choreografien aber auch langatmig und ermüdend, wie etwa bei den Schwarzen Seelen im vierten Satz. Wer vorsichtig heliumgefüllte Ballonrauten jonglieren muss, kann eben nicht richtig loslegen. Auch fehlen noch mehr große Corpsszenen. Geiger und Jolesch nehmen nach den ruhigen Miniaturen den Schwung wieder auf, bringen die Sache voran. Dass ihre Kunst zuletzt im dramatischen fünften Satz von der Technik verlassen wird, nämlich dann, wenn Ravels Walzer seinen Höhepunkt erreicht, eigentlich Flammen aus dem Theatermodell auf der Bühne schießen sollten und der Zuschauerraum blutrot flackern sollte - das kann nach ein paar Jahren Spielpause natürlich passieren, ist aber ein Wermutstropfen.

Maurice Ravels "La Valse" im Federkleid (Bild: Day Kol)

Schon auf dem Geisterparcours im Keller, den die Zuschauer vor der Vorstellung durchwandern, war einiges halbgar. Nicht die Staatsballetttänzer, sondern Mitglieder des Opernballetts figurierten diesmal als lebende Kunstwerke. Wunderschön und technisch einwandfrei, ja. Doch die Identifikation mit dem Konzept des Werks fehlte. Dieselbe Truppe, die 2009 mit Kylian arbeitete, spielte damals die Seelen, die seit je in den Gemäuern am Josephsplatz gewirkt, gelacht und gelitten haben, wesentlich eindringlicher. Auch hier sieht man: Outsourcing ist nicht die beste Lösung.

Dennoch berührt "Zugvögel". Jung sein, fliegen, alt werden und für immer fortziehen, mit dem Thema hat sich Jiri Kylian hingebungsvoll auseinandergesetzt. Es braucht nur die richtige Szenerie und eine Ballettkompanie, damit die Tabus unserer Zeit - kurz gesagt alt werden und sterben - eine aufregende, erhabene Seite bekommen. Die "Zugvögel" sind nach eigenem Bekunden sein letztes, großes Werk, vielleicht gerade deshalb absichtlich ein wenig unperfekt. Drei Vorstellungen für diese Wiederaufnahme-Serie sind jedenfalls zu wenig. Zumal die Fülle an Bildern, Figuren und Choreografien dazu einlädt, die Vorstellung noch ein zweites oder drittes Mal zu besuchen.

Veröffentlicht am: 18.02.2013

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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