Der Klon als Heilsversprechen

von kulturvollzug

Es gibt Wiederaufnahmen, die sind allemal eine neue Erwähnung wert. Und dazu gehört „Elementarteilchen“ nach dem Roman von Michel Houellebecq, inszeniert von Johan Simons an den Münchner Kammerspielen. Die Produktion, die 2005 Premiere feierte, ist jetzt wieder zu sehen. Ein Tipp.

„So ist das“, sagt Michel Houellebecq. „Leben ist Leiden.“ So pathetisch und so kurz bringt es der Schriftsteller im Interview die wichtigen Fragen auf einen Nenner. Und so lakonisch wie anrührend bringt Johan Simons den Stoff auf die Bühne der Kammerspiele.

Da ist Bruno, der Sex-Maniker (Andre Jung), der an seinen Obsessionen leidet und doch nicht von ihnen lassen kann. Lehrer ist er geworden und kann die Augen (und mehr) nicht von den jungen

Dingern lassen.

Und dann ist da das Gegenmodell: Michel, sein Bruder (Robert Hunger-Bühler), der zwischen Supermarkt und Labor sein nüchternes Leben führt. Ein Mann, dem schon als Schüler eine Differentialgleichung mehr Vergnügen (wenn auch nicht Befriedigung) bereitet als der Geschlechtsakt mit dem hübschesten Mädchen an seiner Schule. Er träumt später, als Forscher, von der Überwindung des alten Menschen durch die Mittel der Gentechnik. Sie wird neue Menschen schaffen, die Elementarteilchen gleich kein Altern mehr kennen und, geschlechtslos und gekont, in totaler Kompatibilität miteinander in Kontakt treten können: Überwindung des Todes,  Seligkeit auf Erden dank Überwindung dieser mörderischen individuellen Freiheit. Ein zweifelhafter Traum, dem die Wissenschaft durch die mittlerweile weit vorangeschrittene DNA-Analyse seit dem Erscheinen von "Elementarteilchen" vor über zehn Jahren noch einen Schritt näher gekommen ist.

Den Brüdern sind nur kurze Momente des Glücks bestimmt. Der Mensch altert, ringt mit Krankheiten zu kämpfen, scheitert. Dem Naturgesetz des Zellverfalls kann er nur in seinen Träumen entfliehen. Oder kann die Technik mehr leisten? Kann sie das Loch stopfen, das die Entgötterung der Welt gerissen hat?

Die allesamt überzeugenden Akteure auf der Bühne der Kammerspiele bewegen sich im zwingend reduzierten Bühnenbild (Jens Kilian) auf unsicherem Boden. Der aus schmalen Stämmen gebildete Holzboden lässt sie immer wieder abgleiten. Neben den selbstverständlichsten Handlungen lauern Abgründe.

Doch gibt es Momente der Innigkeit, der Liebe oder auch des Begehrens, die diese Abgründe überbrücken können. Wenn André Jung als Bruno und Sylvana Krappatsch ihre Beziehung rekapitulieren, entwickeln sich in bestem Dialog-Tennis wunderbar anrührende Szenen.

Nicht jeder wird mögen, wie explizit es an diesem Abend um Sex geht, ums Vögeln als Antrieb der Menschen ebenso wie als Beruhigungsmittel. Eine Zumutung? Keine entfernt so arge wie das Altern und der Tod.

Jan Stöpel

Nächste Aufführungen am 15. und 29. Januar, jeweils 20 Uhr.

Veröffentlicht am: 13.01.2011

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A Ldf
13.01.2011 15:58 Uhr

Mich würde die Umsetzung der literarischen Vorlage interessieren - bloße Nacherzählung Houellebecqs Buch (wie leider derzeit zu oft in den Kammerspielen mit dem Supergau an Langeweile und Zähigkeit, der sich in 4 Stunden ohne Pause in einer Wort-für-Wort-Aufführung des Buches "Kleiner Mann, was nun?" evozierte) oder auf den Punkt gebrachte Reduzierung auf die wesentlichen Schlüsselaussagen und Neuinterpretation für die Bühne? (Das Bühnenbild war es ja laut Artikel.)

Bin mir bei so manchem Besuch in den Kammerspielen manchmal nicht ganz sicher gewesen, ob ich im Live-Kino war oder vielleicht doch im Theater...

Welche Berechtigung haben überhaupt Romanadaptionen im Theater? Warum so wenig echte Dramen?!

Als wäre Houellebecq der einzige Autor, der "Sex und Vögeln als Antrieb der Menschen" beschreibt. Geht es darum nicht eigentlich immer von Goethe bis Pollesch....?

Tue mir ein wenig schwer - mit den Kammerspielen sowieso und werde durch die Rezension leider nicht schlauer, was man aus diesem Abend mitnimmt, was man nicht bereits aus Buch und Film bekommen hat.

Wollte nicht klugscheißen, vielleicht nur ein bisschen, aber

stänkern allemal. ;)

Jan Stöpel
17.01.2011 11:08 Uhr

Ja, das ist die alte Frage: Warum soll man einen Roman ins Drama wandeln, warum Kunst über Kunst malen? Weil man mit den spartanischen, konzentrierten Mitteln des Theaters manchen Strang aus einer Erzählung plastisch modellieren kann. Und weil man den Betrachter anders fesseln kann. Ein Buch kann man in Portionen lesen, auch nebenbei. Das geht mit einem Theaterstück nicht, es sei denn – man schliefe ein. Tut man aber nicht in dieser Inszenierung. Wenn Sylvana Krappatsch und André Jung miteinander agieren, reden – dann fühle ich mich angerührt, angesprochen, hineingezogen. Kann das ein Buch auch? Ja, aber da bin ich mein eigener Regisseur, und bevölkere auch noch alle Rollen mit Äußerungen meiner selbst. Das muss – und kann – ich im Theater nicht. Da stellt sich bei aller Berührtheit auch immer wieder eine Distanz ein, die weiterhelfen kann. Man kann Bücher auf die Bühne bringen, wenn ihr Stoff so mächtig wie das Leben zu sein beansprucht. Daher empfehlen sich nur gute Bücher für derlei Bühnenadaptionen, der Prozess zum Beispiel... Übrigens fand ich „Kleiner Mann, was nun?“ überhaupt nicht langweilig.

Ich denke aber ohnehin, dass ein guter Zweck des Theaters an sich darin besteht, sich zu unterhalten. Ein Erlebnis zu teilen, sich damit auseinanderzusetzen. Mit sich selbst, viel lieber aber noch mit Menschen mit Interesse. Mit Ihnen, beispielsweise.

Ps.: Klugscheißern und stänkern gehört unbedingt dazu. Davon leben wir ;-)

Michael Grill
18.01.2011 09:59 Uhr

Hallo Kollege Stöpel, ich wusste gar nicht, dass Sie diesen anderen Beitrag auch inhaltlich so sehr unterstützten :-)

https://kultur-vollzug.de/2011/01/07/sie-irren-lieber-ob-ein-offener-brief-als-antwort-auf-die-journalisten-kritik-von-christian-ude/

Beste Grüße + aufrichtige Bewunderung, Ihr gr.

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