Gehlers "Werther" am Volkstheater

Mechanik, sonst nichts mehr

von Michael Weiser

Pascal Riedel, Sogel Altan G., Mara Widmann (v.l., Foto: Arno Declair)

Witzig, flott - und erstaunlich steril: In seinem "Werther" am Volkstheater versagt sich Jan Gehlen jede Romantik. Und stellt uns  damit vor die Frage, was uns die Geschichte des jugendlichen Stürmers und Drängers heute überhaupt noch sagen soll.

Eine Treppe durchschneidet das Geviert des Bühnenbilds in der Diagonalen. Oben gelangt man zum Lebensentwurf von Zweisamkeit im trauten Heim, in der erfüllten, edlen (aber auch ein bisserl faden) Zweisamkeit, unten bleibt man dort, wo man halt so ist, so lange man ungebunden ist, aber auch nirgendwo aufgehoben: Party, Techno, Kumpels, philosophieren, Beziehungswirrwarr. Man kann es aber auch so sehen: Das Dreieick oberhalb der Diagonalen ist weiß, das Dreieck darunter ist schwarz, es wird so Schwarz oder Weiß daraus, es ist irgendwo auch das Weltbild des Werther: Ganz oder gar nicht. Man kann drittens auch einen halbgehobenen Vorhang darin vermuten, den letzten im Leben; ihn "aufzuheben und dahinter zu treten!", so glaubt Werther, "das ist alles!"

Witzig rieselt der Schnee vor der Mechanik (Foto: Arno Declair)

Tatsächlich sieht man den Bühnenraum des Volkstheaters unterhalb der Diagonalen ganz unverbaut die schwarze Wand, die Bühnenmechanik. Man hat von Anfang an diesen Einblick, hat insofern einen Informationsvorsprung vor Werther, der ja erst dahinter treten will, als er die Vergeblichkeit seines Werbens um Lotte einsieht und also aus der Welt scheiden will. Warum haben wir diesen Vorsprung auf den schließlich Lebensmüden?

Sabrina Rox hat die Bühne gebaut für diesen "Werther", den Jan Gehlen am Volkstheater nach Goethe inszeniert hat. Und mit dem er uns einigermaßen rätseln lässt. Es ist nicht so, dass der Abend langweilt, man sieht Schauspieler in guter Spiellaune und eine Reihe guter Einfälle. Es ist so, dass diese Romanadaption viel weniger ein Ganzes ergibt als der aus vielen Tagesausschnitten zusammengestellte Briefroman Goethes. Ist der Abend ein Exkurs über die Vergeblichkeit menschlichen Tuns und Strebens, ist er ein Plädoyer für die Freiheit, scheiden zu dürfen, wenn man der Tyrannei dieses Lebens entkommen will? All das ist der "Werther" auch bei Goethe, aber vor allem ist der "Werther" bei ihm eins: ein Monument des ganz großen Gefühls, der unbedingten Liebe, der Absolutheit des Individuums und seiner Freiheit.

Wenn die Liebe tödlich endet (Foto: Arno Declair

Dies aber mag man dem Volkstheater-"Werther" nur bedingt abnehmen. Was nicht so sehr an Pascal Riedel in der Titelrolle liegt und schon gar nicht an Mara Widmann, sondern viel mehr an den Brechungen, denen die Figur "Werther" ausgesetzt ist. Ja, die schönen Einfälle: Laub fällt, Schnee rieselt, aber stets so, dass man die Mechanik hinter der romantischen Kulisse sieht. Die fünf Akteure stellen sich zum Gruppenbild auf, Werther tritt heraus und kommentiert das Ganze. Man singt "Wicked Game" von Chris Isaak, aber so witzig, dass der A-Capella-Version garantiert jede Düsternis ausgetrieben wird. Romantik ist halt auch nur irgendso ein Ding, möglicherweise sogar nur ein Pop-Phänomen.

Man hat im Programmheft ein paar Worte von Thomas Mann vorausgeschickt. "Eine ganze Generation junger Menschen erkannte ihre Seelenfassung in der Werthers wieder", heißt es da. Und die heutige junge Generation? Glaubt, wenn man nach Gehler geht, vermutlich an nichts mehr, nicht an Gefühle, nicht an die Romantik, nicht an die Verbindlichkeit von Beziehungen, und erst recht nicht an die Rituale der Populärkultur. Da ist nichts mehr, und auch mit blauem Frack und gelber Weste wird aus diesem unseligen Werther heutzutage keine schöne Leich' mehr.

"Werther", nach dem Briefroman von Goethe; Regie: Jan Gehler, Bühne: Sabrina Rox, Kostüme Katja Strohschneider, Licht Günther E. Weiß, Dramaturgie Katja Friedrich. Mit: Pascal Riedel, Mara Widmann, Sohel Altan G., Lenja Schultze, Justin Mühlenhardt. Nächste Termine: 1., 6, 14., 15., 25. Februar, 1. März 2013

 

 

 

Veröffentlicht am: 30.01.2013

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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