Eine Kurzgeschichte von Herbert W. Franke

Mutation

von kulturvollzug

Dr. Carry schob die Mappe beiseite und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Sein Arbeitstisch stand direkt an der Wand aus violett getöntem Glas, durch das er weit ins Land blickte − links das Rechteckmuster aus Flachbauten, silbern, gelb und grau; rechts die Flecken aus Buschwerk, sandiger Erde, vertrocknetem Gras, hier und da ein Streifen glattgetretener Erde, vielleicht ein Weg, vielleicht ein Versammlungsplatz; dazwischen das Gitter, ein mattschimmernder Strich, der harmlos aussah, aber die Sperre reichte bis in den Dunst der Atmosphäre. Der Chefgenetiker seufzte.

Von Herbert W. Franke

Eine Jugendzeichnung von Franke aus dem Jahr 1946. Abb.: Archiv HWF

An diesem Bild wurde ihm seine Aufgabe immer wieder deutlich – analysieren, begutachten, urteilen, selektieren. Es war eine Aufgabe, die den Maschinen noch nicht übertragen werden konnte, und niemand wusste so gut wie Carry warum: weil die Methoden nicht ausreichten, weil es keinen Maßstab zur Bewertung gab, weil die Gesichtspunkte, nach denen ausgeschieden wurde oder auch sanktioniert, schwer formalisierbar waren. Was war normal, was entartet? Was war gesund, was war krank?

Ein Schnarren aus der Videoanlage. Kanal I, internes System. Carry ließ den Sessel nach vorn kippen und drückte noch während des Aufsetzens die Taste. Auf dem Schirm erschien das Gesicht Dr. Mankowskis, seines Assistenten und Mitarbeiters.

„Was gibt’s?“

„Die Zulassungsbescheide stehen aus. Die vom Labor werden allmählich ungeduldig. Der Termin ist lang überzogen.“

Dr. Carry angelte einen Ordner herbei und blätterte darin. Zulassung einer Mutation mit verstärkter Hautdurchblutung für die Antarktis. Zulassung einer Mutation mit einem Schallortungssystem für neuentdeckte Systeme von Riesenhöhlen... Sie hatten schon den Kiemen und Flossenmenschen, den gliedmaßenlosen Raumfahrer, das Organisations-Superhirn − war das nicht genug? Sie legten peinlichen Wert auf die Erbgesundheit, schieden jede Abweichung aus und ließen doch immer wieder neue Monstren zu...

„Ich werde es mir überlegen“, sagte er, und ohne auf das erstaunte Gesicht Mankowskis zu achten, schaltete er aus. Entschlossen schlug er seine Mappe wieder auf. Vor ihm lag eine Gen-Karte, und es gab keinen Zweifel − der neue Dekodierungsautomat arbeitete genauer als die alte Anlage. Seit sie mit der neuen Reihenuntersuchung begonnen hatten, und sie war längst noch nicht zu Ende, hatten sie 16 Fälle der Mutante GN 3 festgestellt, eine Veränderung im zweiundzwanzigsten Chromosom, ein winziger Fehler in der genetischen Schrift, nur schwer feststellbar und in seiner Konsequenz ungeklärt. Aber es war eine Abweichung von der Norm, daran war nichts zu rütteln.

Dr. Carry drückte einige Tasten und wartete. Dann spie das Rohrpostsystem eine Rolle aus. Er öffnete sie, eine Magnetkarte glitt heraus. Ein Schriftzug: Sandra Jeanjacou. Ein Bild: das schmale Gesicht eines Mädchens, große Augen, glattes braunes Haar. Carry nahm den Magnetgriffel und strich einige Male rasch über das Feld Lizenzen. Damit war alles gelöscht, was ein Bürger dieses Staates an Rechten besaß − die Versorgung, die gesundheitliche Betreuung, der Aufenthalt im klimatisierten Bereich. Er tippte eine Begründung ein, rollte die Karte zusammen, steckte sie in die Öffnung der Rohrpostanlage. Ein saugendes Geräusch, ein Schnappen... es war geschehen. Unwillkürlich hatte er die Hand gehoben, aber der Ablauf ließ sich nicht aufhalten. Die Anweisung würde in die Registratur gehen, an die Zulassungsstelle, an die „Abteilung für psychologische Betreuung“. Von dort wurde der blaue Brief verschickt; individuell abgefasst − höflich und bedauernd. Die Bildschirme würden angestellt sein − denn der Betroffene besaß keine Intimsphäre mehr − ein Arzt stand bereit... es würde zu keinen Kurzschlussreaktionen kommen.

Dr. Carry hatte ein flaues Gefühl im Magen. Dass es gerade Sandra sein musste! Wie er hatte sie sich freiwillig zum Einsatz gemeldet, und wer tat das schon, wenn man sein Leben hindurch faulenzen durfte. Zwei Jahre hatten sie unten in der Analyseabteilung gearbeitet, er hatte oft mit ihr zu tun gehabt. Sie sprachen nicht oft miteinander, denn sie verstanden sich ohne Worte. Er hatte in ihr eine Unruhe gespürt, die ihm selbst nicht fremd war. Es war eine Art Unzufriedenheit, das Gefühl, irgend etwas tun zu müssen, auszubrechen aus dem schläfrigen Trott der von Automaten betreuten Gemeinschaft, ein schicksalserfülltes Leben zu leben, sich Wind um die Ohren wehen zu lassen, Regen auf der Haut zu spüren...

Wieder unterbrach das Videophon seine Gedanken. Diesmal die externe Leitung. Automatisch schaltete er ein, dabei starrte er hinüber, in das Reservat. Ein unheimliches Stück Land, riesengroß, und undurchschaubar drohend und faszinierend zugleich. Keiner von ihnen hatte es betreten, und wer es betrat, kam nicht wieder zurück... Auf dem Bildschirm erschien KittyAnne, seine Frau, die ihm der Computer nach psychologischen und genetischen Gesichtspunkten zugewiesen hatte. „Hallo Liebling, ich bin mit den Kindern im Autodrom, Patty ist wieder schrecklich unartig... Du, ich habe vergessen, die Tipps der neuen Totoserie abzugeben. Könntest du es besorgen, Liebling? Aber vergiss bitte nicht...“

KittyAnne sah blendend aus, sie hatte die Iris türkis gefärbt, was gut zu ihrem gelben Anzug passte. Carry sagte es ihr und atmete erleichtert auf, als der Bildschirm wieder dunkel wurde. Er versuchte sich zu konzentrieren. Es gab heute noch viel zu tun.

Einige Minuten später schreckte ihn ein Geräusch an der Tür auf. Mankowski trat ein − was ungewöhnlich war. Peinlich berührt drehte sich Carry um. Sein Assistent schwenkte ein Stück Papier und knallte es vor Carry auf den Tisch. „Das ist eine Infamie!“

Carry blickte kurz darauf: Es war eine Ablichtung von Sandras Entlassungspapieren. „Sie wissen doch genau so gut wie wir alle, dass die Bedeutung der Abweichung GN 3 noch ungeklärt ist.“

Carry zog die Augenbrauen hoch. Er zwang sich zur Ruhe. „Das ist es ja eben. Wir müssen den Genpool reinhalten. Das gilt noch mehr, wenn wir nicht wissen, um welche Eigenschaft es sich handelt. Also was soll‘s?“

Mankowski trat noch näher an Carry heran. „Sie sind doch sonst nicht so penibel.“

Carry blickte erstaunt auf. „Was wollen Sie damit sagen?“

„Wollen Sie vielleicht behaupten. Sie kennen ihren eigenen Befund nicht?“

Carry saß einen Moment lang erstarrt, dann tastete er eine Speicheradresse ein. Unmittelbar darauf lief die Xerographie-Rolle aus dem Schlitz, und Carry riss den Streifen entlang der Abschlussperforation hastig ab.

Sein eigenes Genmuster, frisch aus der neuen Anlage. Links oben die Mikroaufnahme, rechts oben die längs einer Linie aufgefädelte Chromosomenreihe, links unten das Molekülschema, rechts unten die Code-Tabelle mit dem rot ausgedruckten Abschnitt. Darunter stand sein Name. Es gab keinen Zweifel − GN 3.

„Das wusste ich nicht“, flüsterte Carry.

„Die ganze Abteilung weiß es“, sagte Mankowski. „Und Sie wollen behaupten, Sie wussten es nicht? Ich spreche auch im Namen der andern: Wir fordern, dass Sie Sandras Ausweisung rückgängig machen.“

Carry schaute dem andern einige Sekunden starr ins Gesicht. Dann sagte er: „Gehen Sie bitte, ich bringe die Sache in Ordnung.“

Als sich die Tür hinter Mankowski geschlossen hatte, dachte Carry kurz nach. Er überlegte, was es unter diesen Umständen zu tun gab. Einige Anweisungen geben, die persönlichen Dinge zusammenpacken, KittyAnne anrufen? Er wischte all das beiseite und betätigte statt dessen die Ruftaste des internen Systems. Zuerst die Wache am Übergang − noch keine Eintragung. Dann der Arbeitsplatz, die Registratur, die Abmeldung... schon vermerkt. Blieb noch die Passage zwischen der Endkontrolle und dem Übergang...dort fand er sie. Der Bildschirm zeigte sie mager und verzerrt. Sie hatte einen kleinen Koffer in der Hand und ging nicht schnell, aber auch nicht besonders langsam voran. Rasch zog er das Mikrophon heran, tippte auf die Tasten F und J und rief: „Warten Sie, Sandra! Hier Carry! Warten Sie − ich komme mit!“

Er blickte sich in seinem Büro um, und plötzlich stellte er mit Erleichterung fest, dass es nichts gab, was er mitnehmen wollte. Er stand auf, wandte sich zur Tür und verließ den Raum − eilig, als gäbe es etwas zu versäumen.

 

Dieser Text ist in dem Band  "Einsteins Erben" enthalten und ist hier Teil einer kleinen Reihe mit diesem Autor. Das Buch kann als Neuauflage bei der Österreichischen Computergesellschaft (OCG) bezogen werden.

Einige Erläuterungen zu Autor und Anlass finden Sie bei der ersten Folge. Weitere Informationen zu Herbert W. Franke auf seiner eigenen Seite sowie bei Art Meets Science.

Veröffentlicht am: 18.01.2013

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