Eine Kurzgeschichte von Herbert W. Franke

Der Traum vom Meer

von kulturvollzug

Es war kaum vorstellbar: dass die graue Wüste der Hochhäuser irgendwo zu Ende sein könnte, dass hinter einem fensterlosen Abgrund aus Stahl und Kunststoff plötzlich ein Streifen alten Bodens zum Vorschein kommen würde, und dass dort die grüne Welt des Wassers beginnen sollte – mit ihrer unvorstellbaren Klarheit und Stille.

Von Herbert W. Franke

"Lichtkugel" Abb.: Archiv HWF

Jean Audedat hatte das Meer noch nie gesehen, er kannte niemand, der es gesehen hatte, und er wusste nicht, wo es sich befand. Und doch dachte er an nichts anderes. Früher einmal lag das Paradies oben in den Lüften, zwischen den Wolken, in den lichten Höhen, aber die Luft war längst nicht mehr klar, die Wolken waren einer undurchdringlichen Dunstglocke gewichen, und um lichte Höhen zu erreichen, hätte man Raketen gebraucht, die es längst nicht mehr gab. Nein, das Paradies lag heute unter Wasser. Alle hatten die Videobänder gesehen; sie stammten aus einer Zeit, als die See noch kein Schutzgebiet gewesen war. Damals hatten Menschen mit Schiffen und Unterseebooten eindringen dürfen, und sie waren wieder zurückgekehrt. Sie hatten berichtet, was sie gesehen hatten. Sie hatten Filme mitgebracht – Fischschwärme über Korallenriffen – und Tonbänder: der Gesang der Wale. Das Meer war ein Reservat vielfältigen Lebens. Wo gab es auf dem Festland noch Pflanzen oder Tiere? In Laboratorien und Museen. In Glashäusern und Käfigen, in Aquarien und Terrarien. Forschungsobjekte, Demonstrationsmaterial. Das war alles. Und darum war es richtig gewesen, den Ozean zu sperren – um ihn zu erhalten. Viel zu viele Teile waren längst verbaut – Erdöltürme, unterseeische Bergwerke, Gezeitenkraftwerke. Viel zu viele Teile waren für immer verloren: trockengelegt, abgedämmt, aufgefüllt, besiedelt... Dieser letzte Winkel aber – es war richtig, dass man seine Lage geheim hielt. Was hätte man in dieser Welt auch noch zu hoffen gehabt? Welchen Lohn hätte es geben können! An welches Paradies hätte man glauben sollen?

Jean Audedat war Kontrolleur des Ministeriums für Statistik und Demoskopie der Weltregierung. Ein Leben lang hatte er Daten überprüft, Zahlen gesammelt, Angaben ausgewertet. Die Organisation von Befragungen. Verifikation, Falsifikation, Validierung, Ausforschung von relevantem Material: Einschreibungen für Ausbildungskurse, Ausleihlisten von Bibliotheken, Kartenbestellungen, Reisen. Der Bildungsstand der Bevölkerung. Ihre Mobilität. Ihr Kommunikationsdruck. Die Selbstmordrate. Die soziale Struktur. Der Unruheindex. Die Bevölkerungsdichte. Die Lebenserwartung. Audedat hatte sich in allen Teilen der Welt aufgehalten, er kannte die Überwachungszentralen aller Distrikte, und er hatte erfahren, dass überall dieselben Probleme auftreten, überall dieselben Ärgernisse und Pannen...

Als er von der Schnelltreppe auf das Laufband hinunter trat, konnte er durch die Glaswand des Verbindungsgangs weit in den Abgrund der Straßen blicken: Hier oben herrschte trübe Dämmerung, und durch den Dunst, der über den Fahrbahnen lag, blinkten einzelne Lichter. Er zuckte die Schultern und ließ sich vom Laufband herabgleiten.

Der Büroraum, den er betrat, war an drei Seiten mit Mikrofilmordnern tapeziert. Die Sekretärin seines Chefs saß dazwischen wie in einem Nest. Sie hatte schon 60 Dienstjahre hinter sich – und trotzdem wenig Chance, das Punktelimit zu erreichen. Nur wenige erreichten es – eine Elite von untadeligen Beamten, von Unermüdlichen, von Pflichtbesessenen. Auch er hätte keine Aussicht gehabt, wenn er sich nicht schon zu Beginn seiner Dienstzeit freiwillig zur Feldarbeit gemeldet hätte. Das bedeutete: keine Familie, keine Freunde, keinen festen Wohnsitz. Aber seit jenen Tagen, als er während einer Geschichtsstunde im Unterrichtszentrum die Unterwasseraufnahmen aus dem Meer gesehen hatte, kannte er kein anderes Ziel.

»Sie müssen ein wenig warten«, sagte die dicke Frau im Stahlrohrsessel, » – eine Videokonferenz. «

»Ich habe Zeit«, antwortete Audedat.

In den Augen der Sekretärin regte sich ein Funken von Interesse. »Haben Sie es erreicht?«

»Es kommt auf die Bewertung an. Ich glaube schon. Mein letzter Auftrag in Brasilien... mein Konto müsste jetzt voll sein.«

»Sie sind zu beneiden«, murmelte die Frau und vertiefte sich wieder in die Akten.

Audedat setzte sich. Er träumte. Er sah silberne Luftblasen wirbeln, schlanke Wesen im Spiel mit den Wellen, verästeltes Grün über weißem Sand, Muscheln, Korallen und oben eine Fülle von Licht. Keine Spur von Schmutz oder Abfall. Keine Enge. Freiheit in drei Dimensionen. Schwerelosigkeit...

»Sie können reingehen!«

Audedat schreckte auf. Er sah das grüne Leuchtzeichen über der Tür, stand auf und öffnete sie.

»Ich habe Ihren Bericht hier. Sie haben gut gearbeitet.« Der Direktor winkte ihm zu, und Audedat ließ sich auf der Vorderkante des Besuchersessels nieder. Sein Blick hing an den Formularen, die er ausgefüllt hatte; zuweilen glitt er auf das Gesicht des Chefs, der die Stirn runzelte. Plötzlich spürte Audedat einen Moment lang, wie ihn eine Art Übelkeit überschwemmte – die Angst, es könnte wieder nicht reichen... Doch dann klappte der Chef die Mappe zu und erhob sich. Er kam hinter dem Schreibtisch hervor und lächelte.

»Sie waren einer meiner besten Mitarbeiter«, sagte er. Zum ersten Mal zeigte sich so etwas wie ein Anflug persönlicher Anteilnahme.

»Heißt das, dass ich... Habe ich genügend Punkte beisammen?«

»Ja«, antwortete der Chef. Er stand vor Audedat und blickte auf ihn herab – fast väterlich, obwohl er jünger war. »Und Sie sind fest entschlossen?«

Audedat nickte.

»Wann?« fragte der Chef. »Haben Sie noch etwas zu ordnen? Haben Sie Verwandte oder Bekannte? Was soll mit Ihrem Besitz geschehen?«

»Nichts«, antwortete Audedat. »Ich habe nichts. Auch keine Verwandten. Ich würde... ich möchte keine Zeit verlieren.«

Der Chef legte ihm die Hand auf die Schulter. »Dann kommen Sie!«

Gemeinsam gingen sie zum Lift. Die Umwandlungsstation lag in den tiefen Etagen – weit unterhalb der Laufbahnen und Beförderungsbänder. Hier gab es keine Fenster – nur Kunststoffwände, mit einem Hauch von Kondenswasser überzogen. Die Luft war feucht. Sie kamen an vielfältigen Geräten vorbei: Enzephalographen, Fokalisatoren, Festkörperspeicher, Datensichtstationen. Dazwischen Chromatographen, Hygrometer, Lösungstanks, Anästhesieanlagen. Da und dort standen Menschen an Messgeräten, doch sie blickten nicht auf.

Audedat fühlte eine überraschende Unruhe, die seine Erwartungsfreude nur noch drängender machte. »Welches Spezimen werde ich bekommen?« fragte er. »Einen Delphin? Oder einen Blauwal?«

Früher hätte er dem Direktor nie eine persönliche Frage zu stellen gewagt. Aber jetzt war alles anders.

»Ich weiß es nicht«, antwortete der Jüngere. »Aber es läuft wohl aufs selbe hinaus.«

»Und wie steht es mit den Erinnerungen?«

»Kommt es Ihnen darauf an?« fragte der Chef. »Welche Erinnerungen wollen Sie mitnehmen? Glauben Sie mir: Sie werden nichts vermissen. Das ist ja gerade der Lohn – keine Belastung, keine Furcht – kein Gestern, kein Morgen. «

»Und wie lange...«

»Machen Sie sich keine Gedanken: Dort gibt es keine Termine. Sie werden vergessen, was Zeit ist.«

Sie blieben vor einer Barriere stehen. Der Direktor reichte einer medizinischen Assistentin ein Bündel Papiere hinüber. Sie steckte eine Magnetkarte in einen Schlitz und wartete. Dann schrieb der Drucker eine Liste von verschlüsselten Daten aus.

»Noch eine Frage«, sagte Audedat. Er sprach rasch, als hätte er es plötzlich eilig: »Wo ist es – das Meer? Jetzt darf ich es doch sicher erfahren? «

Der Direktor lächelte beruhigend. »Es ist doch gleichgültig? Oder nicht? Gerade jetzt ist es doch völlig gleichgültig.«

Audedat zögerte. Er dachte kurz nach. »Ich hätte es gern gewusst. Mein ganzes Leben habe ich darüber nachgedacht... Aber sicher... Sie haben recht! Es ist nicht mehr wichtig.«

Damit war alles gesagt, was zu sagen war. Plötzlich war die Beziehung zwischen ihnen abgebrochen. Der Direktor hätte gehen können, aber er blieb stehen – fast verlegen – und wartete.

Die Assistentin stand auf. »In Ordnung«, sagte sie und winkte.

Der Chef zögerte einen Moment, dann reichte er Audedat die Hand. »Viel Glück«, sagte er.

Jean Audedat ging durch eine Pforte in der Barriere. Er zog sich aus und trat in die Anpassungskammer. Er legte sich auf den Tisch und wartete auf den feinen Stich des Injektionsautomaten. Ein Fokalisator senkte sich über seine Stirn. Es wurde leer und dunkel um ihn herum, und dann begann sich seine alte Existenz aufzulösen. Das letzte, was er empfand, war der sanfte Druck ihn überschwemmender Feuchtigkeit...

Als die medizinische Assistentin zurückkam, stand der Direktor noch immer an der Barriere. Das Mädchen blickte ihn erstaunt an.

»Wo ist er?« fragte er. »Ich möchte sehen, wo er ist.«

»Das ist ungewöhnlich«, antwortete die Assistentin unangenehm berührt, und sie fügte hinzu: »...und sinnlos.«

»Das haben Sie nicht zu beurteilen«, sagte der Direktor scharf. »Ich bin Beamter erster Klasse.« Er warf eine Ausweiskarte auf den Tisch. »Ich möchte sehen, wohin sie gebracht werden.«

»Na schön«, sagte die Assistentin. Sie ging voran, und er folgte ihr. Sie betraten eine riesige Halle. In Aluminiumregalen verankert, in zehn Lagen übereinander, standen hier unzählige Glasbehälter. In jedem lagen einige Brocken Tuffstein, einige Muschelschalen aus Kunststoff, ein wenig Gras und Sand. In jedem mündete ein Röhrchen, aus dem Luftblasen quollen; einen Moment hingen sie in der Mündung, dann lösten sie sich, stiegen nach oben, zerplatzten. Über jedem brannte eine grüngefärbte Lampe. In jedem schwammen einige Büschel Wasserampfer, ein paar schwammige Blätter, ein Klumpen Algen. Und in jedem glitt ein Schwarm winziger durchsichtiger Fischchen unermüdlich dahin, ein Stück geradeaus, eine blitzschnelle Wendung – zurück, hin und her...

Der Direktor beobachtete sie eine Weile wortlos, dann drehte er sich um und verließ ohne zurückzublicken den Raum.

 

Dieser Text stammt ursprünglich aus dem vergriffenen Taschenbuch-Band "Der grüne Komet" von Herbert W. Franke und ist hier Teil einer kleinen Reihe mit diesem Autor. Das Buch ist zum Teil noch antiquarisch erhältlich, zum Beispiel hier. Die Geschichte ist auch in dem Band "Die Zukunftsmaschine" enthalten und kann als Neuauflage bei der mediacomeurope GmbH (mce) über Art Meets Science bezogen werden.

Einige Erläuterungen zu Autor und Anlass finden Sie bei der ersten Folge. Weitere Informationen zu Herbert W. Franke auf seiner eigenen Seite sowie bei Art Meets Science.

Veröffentlicht am: 12.01.2013

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