Ohne Reiter, dafür mit hochkarätigen Gästen: Das Lenbachhaus startet ins "Blaue Jahr"

von Michael Weiser

Wassily Kandinsky, Titelholzschnitt für den Umschlag des Almanach "Der Blaue Reiter", 1911. (Städtische Galerie im Lenbachhaus, München)

Ein Jubiläum, und der Gastgeber ist verreist: Weitgehend ohne Werke des Blauen Reiter feiert München das „Blaue Jahr“ zum Hundertjährigen der legendären Künstlervereinigung. Die Abwesenheit der Münchner Stars macht im Kunstbau am Lenbachhaus jedoch Platz für aller Erwartung nach äußerst sehens- und hörenswerte Gastauftritte – die Musikpioniere von Kraftwerk inklusive.

Unwohlsein schwang mit in der Vorstellung des Jahresprogramms: Die Kunstwelt feiert das Jubiläum des Blauen Reiter, und der Jubilar weilt auf Reisen. Gezwungenermaßen, weil seine Wohnung bis auf weiteres renoviert wird. Am Lenbachhaus wird eifrig gebaut, wohl erst im Frühjahr 2013 wird die Künstlervilla samt modernem Anbau wieder geöffnet. Ein bisserl schlechtes Gewissen gab nach der Präsentation auch der erkältete und darob tatsächlich verschnupfte Direktor Helmut Friedl zu. Vor zehn Jahren sei die Sanierung des Lenbachhauses als immer drängender auf dem Radarschirm aufgetaucht. Dass aber die Sanierung sich so lange hinziehen würde...

Franz Marc und Wassily Kandinsky mit dem Titelholzschnitt auf dem Balkon der Ainmillerstraße 36, München, 1911/12. (Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung)

Sei's drum. An würdigem Ort, im angestammten Lenbachhaus, kann man Münchens ureigenste Aushängeschilder in Sachen Moderne derzeit nicht zeigen. Und da man vor über zehn Jahren den Blauen Reiter im großen Rahmen präsentiert, zwischendurch bestens besuchte Retrospektiven von Franz Marc und Wassili Kandinsky ausgerichtet, im vergangenen Jahr auch noch Zeichnungen, Aquarelle und Radierungen der Künstlervereinigung in einer wunderbaren Ausstellung gezeigt hatte, entschied man sich für den gewinnbringenden Urlaub vom Jubiläum. Die Papierarbeiten ziehen derzeit in der Albertina das Publikum an, die Gemälde begeistern in Tokio. So präsentiere sich das Lenbachhaus als Institution von internationalem Rang, sagte Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers.

Und derlei ist ja nicht nur gut fürs Renommee, sondern auch konkret für anstehende Projekte. Nur wer gibt, bekommt auch. Und so dürfen sich die Bayern 2011 auf einige große Ausstellungen und fürderhin auf großzügige Leihgaben der großen Museen weltweit freuen. Aus der Not erwächst publikumswirksame Tugend, und nur die häufige Wiederholung der vielen Vorteile der Reiter-Reise stieß die Beobachter immer wieder auf die an sich betrübliche Abwesenheit der Vielgeliebten. Das Programm im Jubiläumsjahr hat es jedenfalls in sich. Piet Mondrian und seine Kollegen von De Stijl werden von Mitte April bis Mitte August im Kunstbau am Königsplatz gezeigt. In dieser Form habe noch kein deutsches Museum diesen Miterfinder der Sprache der Abstraktion präsentiert, sagte Kurator Matthias Mühling.

Egon Schiele, Selbstbildnis in oranger Jacke, 1913. (Albertina, Wien)

Dann kommt einer, der gerne zum Blauen Reiter gehört hätte, jetzt aber zumindest einen wirklich attraktiven Stellvertreter spielen darf: Egon Schieles Bilder reisen von Wien nach München. In der bayerischen Landeshauptstadt werde er ab Dezember als Künstler präsentiert, der in seinen oft als pathologisch abqualifizierten Selbstbildnissen doch vor allem alternative Identitäten in einer Zeit des Umbruchs ausprobiert habe. Schieles Selbstverständnis als Künstler und seine Reflexionen über Wahrnehmungsprozesse stünden in München im Mittelpunkt, sagte Kuratorin Helena Perena. Ein echtes Experiment wollen die Macher vom Lenbachhaus im Herbst starten: Kraftwerk beziehen mit ihren elektronischen Klangbildern im Kunstbau Domizil, mitsamt 3-D-Videokunst und einer 25-Minuten-Version von „Autobahn“.

Theo van Doesburg, Komposition XVII, 1919, Öl auf Leinwand, 50 x 50 cm. (Gemeentemuseum Den Haag)

Der Blaue Reiter ist auch noch mit von der Partie. Am 24. Oktober, exakt zum hundertjährigen Jubiläum der Redaktionssitzung zum Almanach des Blauen Reiter im „Russenhaus“ in Murnau, werden Schauspieler aus Briefen und Erinnerungen der Maler lesen. Man pflege schließlich guten Kontakt zum Staatsschauspiel und zu den Kammerspielen, sagte Helmut Friedel. Ein bisserl Glück ist nach all dem Unwohlsein auch dabei: Die Lesung stört den Publikumsverkehr nicht, da der 24. Oktober heuer auf den museumsfreien Montag fällt.

Ins Jahr der Stars im Kunstbau darf Gabriel von Max übrigens noch ein bisschen länger führen. Aufgrund des großen Interesses für den fast schon vergessenen Meister wird die sehenswerte Ausstellung bis 13. Februar verlängert.

Veröffentlicht am: 12.01.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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