Auf der Suche nach der verprobten Zeit

von Michael Weiser

Probenarbeit als Bühnenereignis: Pedro Dias, David Russo und Rita Soares plaudern bei "@ time" tanzend aus dem Nähkästchen eines Bühnendarstellers und meditieren nebenbei fesselnd über das Problem der Zeit.

Wann's anfängt? Schwer zu sagen. Ins Gemurmel der Zuschauer mischen sich bald Stimmen vom Band, irgendwelche Menschen, die irgendetwas diskutieren. Das Licht erlischt nicht, Bühne und Zuschauerplätze bleiben vorerst von den Neonröhren fahl beleuchtet, dieweil zwei Männer und eine Frau auf der Bühne des i-camp  den Raum mit ihren Schritten durchmessen. Eine große Sanduhr, ein Stundenglas, zeigt an, um was es geht: Die Zeit, ohne Anfang, ohne Ende, unberührt vom Tun und Lassen der Menschen, dem sie, nach all den Versuchen, sie totzuschlagen, irgendwann davonläuft. Konkret stehen die Arbeit von Bühnenprofis im Mittelpunkt und ihre Versuche, die Zeit durch die Kunst zu bannen.

„@ time“ heißt das Projekt von Pedro Dias, David Russo und Rita Soares. Im September vergangenen Jahres haben die drei ihre Stellen als Solotänzer am Staatstheater am Gärtnerplatz aufgegeben, um fortan eigene Wege zu gehen, in der freien Tanzszene, mit eigenen Programmen. In dieser Produktion erzählen die drei davon,  wie viel Zeit Künstler aufs Proben verwenden. Der allergrößte Anteil entfällt aufs Konzipieren, Diskutieren, Probieren, aufs Einstudieren von Bewegungsschritten, immer und immer wieder. Der Auftritt selber kommt einem in seiner Kürze wie ein Glanzpunkt vor, der schnell verglimmt. Von den ersten Schritten über tastende Versuchen und das Repetieren bis hin zum Auftritt führen die Akteure die Zuschauer. Harte Arbeit für die Tanzprofis: Wie teile ich den Raum auf, wie mache ich im Tanz etwa Liebe, Trost, Gewalt erlebbar? Tanz setzt hier abstrakte Begriffe in Chiffren der Bewegung um, nicht Klänge und Töne. Erst später tröpfelt Musik knapp bemessen in den Raum – sie gibt der Zeit dann und wann einen Takt.

Das Motiv des Künstler als unentwegt Suchender und Arbeitender klingt ja zunächst nach Insiderthema, nach Vergangenheitsbewältigung dreier Probengestresster. Was hat's den Zuschauer zu interessieren? Zu einem spannenden Erlebnis wird die Stunde im i-camp vor allem wegen der Klasse der drei ehemaligen Gärtnerplatzsolisten. Ihre Präzision, Spannung, Eleganz und Dynamik schaffen sinnliches Tanztheater, das den Zuschauer seinerseits aus der Zeit fallen lässt und bannt. Das Trio hat offenkundig das Potenzial, der mitunter ziemlich abgeschlossenen Tanzszene mit seinem Mix von modernen dramaturgischen und klassischen tänzerischen Elementen neue Zuschauer zuzuführen.

Am Ende starren Pedro Dias und David Russo gebannt auf das Glas, das wie ein Gral schimmert. Rita Soares tanzt weiter. Der Sand rinnt aus, Soares dreht das Stundenglas um - weiterproben! Dann erst erlischt das Licht. Die Performance ist zu Ende. Vorerst. Wann's für den Künstler jemals aufhört? Schwer zu sagen.

„@ time“ ist noch am heutigen Sonntag abend, 20.30 Uhr, im i camp zu erleben. Karten unter 089/65 00 00.

Veröffentlicht am: 09.01.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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