pianopossibile im i-camp

Schwammklänge und Maiträume

von Alexander Strauch

Gestern, am Mittwoch, gab es ein weiteres Konzert der Silberstreifenreihe, diesmal mysteriös „silver-nauts“ genannt, des Münchner Ensembles „pianopossibile“ im Umfeld des Komponisten Klaus Schedl im Untergiesinger i-camp.

Musik mit Elektronik. Instrumente mit Zuspielung. Gesang mit Liveelektronik. Was passiert, wenn das dicht komprimiert, übergangslos auf den Zuhörer einwirkt? Wenn Tonhöhen- und  instrumentale Spielgestaltung der Klangwirkung untergeordnet sind, fängt man neu zu hören an. „Transcode“ für E-Gitarre und Zuspielung des Italieners Massimiliano Viel spielte mit Hallräumen, auferlegte dem Interpreten Johannes Öllinger genaueste Ein- und Umstellungen an seinem Instrument. Gesehenes und Gehörtes fielen auseinander, so dass man nur noch lauschen wollte. Dazu trug auch „Alle Verbindungen gelten nur jetzt“ der Komponistin Eva Reiter bei. Mit Zuspielung und der Komponistin selbst an der menschenhohen säulenartigen Kontrabassblockflöte, verschwanden sie und die Musiker hinter E-Gitarre, Violoncello und Schlagzeug. Sie zogen vielfältige, sich gegenseitig auflösende Verknüpfungen zwischen Instrument und Tonband. Das war kompakt und wurde dann leider von konventionellen Vibrafonklängen zerrissen. Sehr sichtbar wurde „shopping 4“ für drei Musiker von Michael Maierhof performt. Mit Mikrofonen akustisch verstärkte Luftballons wurden mit halben Holzwäscheklammern und Topfreinigungsschwämmen traktiert. So spannend das Zusehen war, erwischte man sich dann doch dabei, von Schwammfugati und Nadelstichen zu träumen.

Dieter Dolezels „Wildes Fleisch II“ wurde von Philipp Kolb auf der Basstrompete und Zuspielung gespielt. Das Tonband klang zuerst nach kratzender Schallplatte und dezenten elektronischen Fehlergeräuschen. Allerdings war das Stück schon vorüber, wo sich eine vielversprechende Verselbständigung der Trompete ankündigte. Benjamin de la Fuente, komponierte mit „Bip und Sirene“ für Ensemble und Sampler genau die Erfüllung der offenen Wünsche, die die vorigen Stücke hinterlassen hatten. Mit integriertem improvisierenden E-Violinen-Part (Markus Münch) begann es in hohen Tönen tastend, gab den gewohnten Klang der Instrumente noch nicht preis. Als dies allerdings dann passierte, wirkte dies nach den elektronischen Hörerfahrungen seltsam antik. Dafür entschädigte voll und ganz der komponierte Bogen, der sogar eine lyrisch-expressive Steigerung gewohnter Machart einschloss. Eine kompositorische Hand scheint auch heute im rechten Moment ihre Bedeutung zu behalten. Dies selbstverständlich machend und doch noch extremer in den elektronischen Klangmöglichkeiten und Spieltechniken arbeitend war Alexander Schuberts „Your fox's is a dirty gold“ für Singstimme. Mafalda de Lemos hatte zudem eine E-Gitarre zu bespielen, ihre Sprechstimme für liveelektronische Echtzeitaufnahmen einzusetzen sowie magische, musikauslösende optisch gesteuerte Bewegungssensoren mit ihren Armen zu bedienen. Die Gesamtheit von Performance, Gesang, musikalischer Dramaturgie und Klangmagie verzauberte nachhaltig: man kam sich wie ein Maikäfer auf geglückter Brautschau vor.

Veröffentlicht am: 13.12.2012

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