Oberklasse sticht Untergiesing

von Michael Grill

Proletarische Herzlichkeit, Altmünchner Derbheit – hier die Hans-Mielich-Straße. Bleibt das Viertel, wie es ist? Alle Fotos: Achim Manthey

Erst kamen ein paar Kreative, dann machte die Burg Pilgersheim dicht. Jetzt müssen die alten Bewohner schauen, wo sie bleiben – eine Reportage aus Münchens umkämpftestem Stadtviertel.

Es muss im Frühsommer letzten Jahres gewesen sein, als einer von ganz oben aus dem Fenster sprang. Der arme Tropf schlug direkt neben den Tischen auf der Freifläche eines kleinen Cafés auf, als wäre man mitten in München in einem schlechten Horrorfilm. Als die Polizei am Jakob-Gelb-Platz eintraf, konnte sie auch gleich noch einen Kehrmaschinenfahrer festnehmen, der mit 2,6 Promille Alkohol im Blut reihenweise Autos auf der Pilgersheimer Straße ramponierte. Drunten in der U-Bahn-Station Candidplatz begann es derweil eigenartig zu riechen. Da saß ein offenkundig sehr kranker Mensch auf der Bank in der regenbogenbunten Höhle des öffentlichen Nahverkehrs und zündelte mit dem Feuerzeug an seiner Hand herum, bis die Haut zu schmoren begann. Nur oben auf der anderen Straßenseite, im Biergarten der Wirtschaft Burg Pilgersheim, blieben die Gäste noch gelassen, während um sie herum die Welt aus den Fugen geriet. Sie beobachteten das An- und Abfahren der Rettungsfahrzeuge, berichteten den Passanten auf dem Bürgersteig durch den Zaun hindurch, was sie da gerade gesehen hatten, bestellten noch ein Bier und beschlossen, das Café von gegenüber von nun an Café Springer zu nennen.

„Seit die Burg weg ist, bin ich da nie mehr hingegangen. Der Laden ist tot“, sagt ein Alteingesessener.

Es geht nicht immer so makaber und traurig zu in Untergiesing, aber manchmal geschehen dort eben Dinge, die in keinem anderen Münchner Stadtviertel möglich wären. Die Mischung aus proletarischer Herzlichkeit, altmünchner Derbheit und angeschmuddeltem Multikulturalismus umfängt die Menschen wie ein warmer Mantel in ihrer ansonsten meist eher frostig-prekären Gesamtlage. In Untergiesing fühlt man sich schneller daheim als anderswo. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht im Geviert zwischen dem Mittleren Ring im Süden und der Schienentrasse im Norden, also sozusagen zwischen Autobahn und Eisenbahn. Bislang waren dem Rest der Welt die speziellen Untergiesinger Qualitäten herzlich egal.Inzwischen ist das nicht mehr so: Kreative Unternehmer und Künstler vermuten hier das künftige In-Viertel der Landeshauptstadt und ziehen in die Ladengeschäfte und Wohnungen, Investoren erkennen den Trend und beginnen mit Immobiliengeschäften, wie sie in solchen Fällen üblich sind: Kaufen, sanieren, teurer verkaufen – mit allen Folgen.

Neulich gab's mal wieder Tote in Untergiesing. Am Hans-Mielich-Platz hatte man, es war schon gegen Abend und dunkel, rote Scheinwerfer aufgebaut, um die Szenerie auszuleuchten. In einem Laden namens „Café Lü“, der tagsüber seit einiger Zeit Kreativenfutter wie Reis-Ingwer-Kreationen und kreolischen Garnelen-Salat feilbietet, drängten sich Studentinnen, die allesamt aussahen, als würden sie als Berufsziel „irgendwas mit Medien“ angeben. Die Party lief auf vollen Touren, schließlich ereignete sich hier gerade „Mord in Giesing - Münchens aufregendstes Stadtabenteuer“, eine Art Schnitzeljagd-Event für Erwachsene. An dieser Stelle seines Viertels ist der Untergiesinger meist auf dem Weg durch die Kühbachstraße von oder zum Aldi. Angesichts rot ausgeleuchteter Event-Morde schüttelt er aber den Kopf und geht weiter.

Neulich gab's hier Tote, und das war ein großer Spaß: Am Hans-Mielich-Platz.

„Insgesamt ist's schon schad“, sagt Richard May von „R+C Getränke“, wenn man ihn in seinem kleinen Laden an der Krumpterstraße auf die vielen Veränderungen in Untergiesing anspricht. „Ich hab' ja nix gegen Architekten, aber da drüben war halt vorher eine Drogerie drin“, deutet er auf ein Planungsbüro an der Kreuzung zur Hans-Mielich-Straße. Seit 18 Jahren führt er das Geschäft, seine Mutter hilft an der Kasse, wenn zum Wochenende hin viel los ist. „Und jetzt gibt’s auch noch dieses neue Lokal“, redet er weiter und meint das Charlie am Schyrenbad, das seit einigen Monaten als „In-Lokal“ gefeiert wird. „Brauchen wir denn sowas in Untergiesing? Aber gut, fairerweise muss man dazusagen, dass der Laden vor dem Charlie jahrelang leergestanden hat.“ Anschließend kommt das Gespräch geradezu zwangsläufig auf das Thema, über das in Untergiesing immerzu alle reden, wenn es um Veränderungen im Viertel geht: das Ende der Burg Pilgersheim.

Das übliche Geschäft: An der Pilgersheimer Straße wird umgebaut.

Die schrullige Wirtschaft an der Pilgersheimer Straße mit Independent-Musik und den besten Schnitzeln rechts der Isar war sozusagen das zweite Wohnzimmer aller Untergiesinger, vom Arbeiter bis zum Studenten, vom 60er-Fan bis zum Handwerksmeister. Vor gut einem Jahr begann die Luxussanierung – und der neue Hausbesitzer schleifte die Burg trotz aller Proteste und Unterschriftenlisten. Eine brummende und stets volle Bierkneipe war nicht mehr erwünscht. Es sollte etwas Ruhiges, Gediegenes her. „Pancho“ heißt seitdem das neue Lokal, ein Mexikaner. „Seit die Burg weg ist, bin ich da nie mehr hingegangen. Der Laden ist tot“, sagt Getränkehändler May, und wahrlich nicht nur er.

Jurate Lanzhammer etwa, die in einem der grauen Blocks an der dröhnenden Hochtrasse der Candidbrücke steht: „Untergiesing ist ein Viertel, wo die Leute noch ein Gefühl für Gerechtigkeit haben. Und dann gehen sie eben nicht mehr hin in so ein Lokal.“ Die Handwerkerfrau betreibt ihren „Schuhsterladen“ - aber nur noch wenige Wochen. Zum Jahresende muss sie raus aus der Anlage mit insgesamt 240 Wohnungen und kleinen Geschäften, die noch vor kurzem einer Tochter der Bayerischen Landesbank gehörte. Der neue Besitzer trägt den schönen Namen Rock Capital und hat seinen Sitz in Grünwald. Die schrundigen Nachkriegsblocks benannte er als erstes in „Hans-Mielich-Carree“ um, dann gab es eine flächendeckende Mieterhöhung von 20 Prozent für die privaten Mieter und noch mehr für die gewerblichen. „Mich zermalmt es hier“, sagt Lanzhammer. „Als ich dem Verwalter gesagt habe, dass ich die neuen Preise nicht verkraften kann, gab es nicht einmal ein Wort des Bedauerns. Es hieß einfach nur: ,Wir schicken gleich mal einen Makler vorbei.'“

Alle mögen die flinke Freundlichkeit im Postcafé.

Zermalmt hat es bereits den Bäcker Petermeier ein paar Häuser weiter. Auch sein Name ist inzwischen zum Synonym geworden in Viertel, gleich nach „Charlie“, „Burg“ und „Rock Capital“. Der Petermeier war der letzte Bäcker im Viertel, der sein Brot noch selbst buk. Lange wehrte er sich gegen die Kündigung, als der neue Eigentümer seines Hauses mit einer Sanierung begann und die lästige Brotproduktion loswerden wollte. Vergeblich - der Familienbetrieb wurde aufgelöst. Anstelle des alten Petermeier gibt es nun den schicken Backshop eines Filialisten.

So gärt und brodelt es an allen Ecken und Enden des einstigen Glasscherbenviertels. Es stehen Gerüste vor den Fassaden, werden Dachgeschosse ausgebaut und Treppenhäuser mit Liftanlagen nachgerüstet. Die neuen Mitbürger auf den Sonnendecks haben Designermöbel auf den Balkonen und Halogenstrahler hinter den Schreiben, das sehen die alten von unten. Und manchmal fahren die neuen Untergiesinger Autos wie jenen schwarzen Audi A8 mit Anwohnerparklizenz und Hamburger Kennzeichen, der wegen seiner panzerartigen Geräuschemissionen bei den Anwohnern um den Agilolfinger Platz herum berüchtigt ist. Am vorderen Teil der Konradinstraße gab es bislang schon ein kleines Kreativquartier mit Tonstudio und Agenturen in einer ehemaligen Fabrik – jetzt tauchen auch weiter hinten im ehemals reinen Wohngebiet auf den Klingelschildern Namen wir „Glockner Casting“ und „K+K Studios“ auf. Der andere Schuster im Viertel, ein älterer, hünenhafter Mann mit langem grauen Bart und einer winzigen Werkstatt neben dem „Pancho“ an der Pilgersheimer Straße, sagte noch im Sommer, er denke nicht, dass ihn die Haussanierung betreffen werde. Und dann war er plötzlich doch verschwunden, der Laden ausgeräumt und an der Tür ein Zettel mit einer Handynummer mit dem Zusatz „Zu vermieten“. Inzwischen ist auch der Zettel verschwunden, die Sanierung läuft.

In der Winterstraße. Entsteht hier das neue In-Viertel?

Es kam der Tag, an dem die Situation am „Pancho“ eskalierte. Eines Morgens im September stand es in pinkfarbenen Versalien auf der frisch renovierten Hauswand, genau gegenüber dem Abgang zur U-Bahn: „HAU AB!“ hatte jemand in der Nacht an die Wand gesprayt, dazu zweimal das Logo der alten Burg Pilgersheim. Die Schmiererei war schnell wieder übermalt, aber seitdem ist klar, dass sich in Untergiesing auch mehr zusammenbrauen könnte als als nur der stille Unmut von ein paar Stadtviertel-Romantikern. Wer heute in das mexikanische Lokal geht und mit den Betreibern über ihre Situation sprechen will, hat ein zutiefst verunsichertes Pärchen vor sich sitzen, das seine Namen nicht nennen möchte und nur stockend Auskunft gibt: Ja, sie haben das Lokal vom Hausbesitzer angeboten bekommen. Nein, sie wissen nicht, was vor ihnen hier gewesen ist. Und Probleme? - Die gibt es lediglich wegen der Baustelle im Haus, die immer noch den Wirtsgarten blockiert.

„Ich hoffe, dass das hier kein zweites Pullach wird“, lächelt Bilal Ünsal, der 33 Jahre alte Chef vom Postcafé gegenüber der Kirche St. Franziskus. Sein Geschäft mit Bäckerei und Post-Filiale gehört zu den beliebtesten Treffpunkten im Viertel, alle mögen die flinke Freundlichkeit, mit der er und seine türkischen Kumpels die Kundschaft bedienen. „Pullach“ steht bei Ünsal symbolisch für einen Ort mit geldigen, unfreundlichen Menschen. In Pullach hatte Ünsal mal versucht, eine Filiale aufzumachen, doch das hat nicht funktioniert, es war nicht seine Welt. „Hier in Untergiesing grüßt man sich auf der Straße, und man hilft sich, wenn jemand etwas braucht.“ An den Mietpreisen seien die Veränderungen schon mehr als spürbar. Ünsal zeigt auf die Eisdiele ein paar Häuser weiter: „Über dem Geschäft hab' ich mir mal eine Wohnung angesehen, 120 Quadratmeter, nicht saniert. Die sollten 1400 Euro kalt kosten, das kann sich doch ein normaler Mensch nicht mehr leisten!“

Zwischen Autobahn (im Bild die Querung des Mittleren Rings über die Pilgersheimer Straße) und Eisenbahn lebt es sich gemütlicher als es aussieht.

Und überall sind nun Architekten. „Hier im Umfeld unseres Büros haben in letzter Zeit drei Kollegen ihre Büros aufgemacht“, sagt Marcus Firmhofer von Firmhofer + Günther Architekten an der Konradinstraße, „dazu kommen noch die Büros der Grafikdesigner“. Er selbst ist unverdächtig, auf einen schnellen Stadtvierteltrend aufspringen zu wollen, da er schon nahezu ein Jahrzehnt in Untergiesing arbeitet. Am Anfang hätte er auf den Straßen noch eine starke Alkohol- und Drogenszene beobachteten können, „das war fast schon eine Problemzone“. Inzwischen sei das fast ganz verschwunden. Das Leben sei aber auch deshalb so angenehm im Schatten von St. Franziskus, da die Ladenstruktur hier noch komplett vorhanden sei: „Momentan ist die Mischung perfekt“, so Firmhofer. Sofern er recht hat, heißt das aber auch, dass es ab sofort bei jeder weiteren Veränderung im Viertel nur noch schlechter werden kann. Der Architekt: „Die Frage ist, wann der Wendepunkt erreicht wird. Wenn hier noch 20 Designbüros aufmachen wie in der Baldestraße im Glockenbachviertel, dann ist es auf jeden Fall zu viel.“ Doch er bleibt vorsichtig optimistisch: „Es wird in Untergiesing nicht so schlimm werden wie im Glockenbach. Um richtig überrannt zu werden, müsste es näher an der Innenstadt liegen und es müsste viel mehr verwertbare Altbausubstanz geben.“

Frisch saniert und energiegedämmt: Nachkriegsblocks in der Nähe des Auer Mühlsbachs.

Für Max Heisler hingegen geht die sogenannte Gentrifizierung, also die soziale Umstrukturierung eines Stadtteils zugunsten einer zahlungskräftigeren Klientel, in Untergiesing schon viel zu weit. Der 22-jährige Ethnologie-Student bastelt gerade in einem Wohnblock an der Konradinstraße mit seiner Freundin an Laternen für einen Protestumzug durchs Viertel. Er möchte „Lokalpatriotismus im Sinne von Stadtviertelbewusstsein wecken“. Heisler: „Die meisten Leute sind so mit sich selbst beschäftigt, dass sie all die Veränderungen in ihrem Umfeld erst gar nicht mitbekommen. Für mich war das Maß voll als die Burg Pilgersheim verschwand und dann auch noch mit der neuen Parklizenz überall Parkautomaten aufgestellt wurden. Da hat sich so ein Groll angesammelt.“ Mit ein paar Freunden rückte er in einer Sommernacht zur Protestaktion aus, sie stülpten Plastiktüten über alle Parkautomaten – so entstand die „Aktionsgruppe Untergiesing“. Seitdem hat diese eine Ausstellung organisiert und 1250 Unterschriften an Bürgermeister Monatzeder übergeben, sie soll eine feste Anlaufstelle werden für alle, die in Untergiesing nicht mehr nur stumm den Kopf schütteln wollen. Warum macht er das alles? - „Ich weiß, dass das vielleicht letztendlich nichts bringt. Aber wenn ich eines Tages vielleicht selbst zum Wegziehen gezwungen werden sollte, dann kann ich mir zumindest sagen: Du hast alles versucht...“ Dann sagt Heisler einen Satz, der einem wieder klar macht, dass die Unruhe in Untergiesing mehr sein könnte als ein harmloses Unbehagen: „Außerdem möchte ich es nicht erleben, dass hier doch mal das erste Auto brennt, zum Beispiel dieser schwarze A8, den hier alle kennen.“

Am Hans-Mielich-Platz donnern die Züge über den Bahndamm wie eh und je. Im Ohr klingt noch die leise Stimme der gekündigten Schuhmacherfrau Lanzhammer: „Ich hänge so an dem Viertel. Hier schaut man auf das, was du kannst, nicht auf deine Fehler. Ich würde nirgends woanders arbeiten wollen.“ Tote gibt es gerade keine zu vermelden aus Untergiesing, nur das übliche Geschäft: Die Dönerbude an der Kühbachstraße ist zu einem Kebab-Haus geworden, nebenan entsteht ein Pils-Pub in Pink mit dem Namen „narr – Café, Lounge, Bar“. An der Ecke zur Jamnitzerstraße wird über dem „Pancho“ immer noch um- und ausgebaut, jetzt ist das Dachgeschoss dran. Im Internet bietet die Firma, die die Burg Pilgersheim auslöschte, 115 Quadratmeter Untergiesing für 583000 Euro an - „in kinderfreundlicher und nachbarschaftlicher Umgebung“. Der schwarze Audi ist auch schon wieder da. Die Parkautomaten funktionieren reibungslos. Es ist friedlich in Untergiesing.

Diese Reportage erschien erstmals Ende 2010 in leicht gekürzter Fassung in der Süddeutschen Zeitung. Da die Debatte über Gentrifizierung und Umwandlung insbesondere in Giesing weitergeht, und immer wieder Leser nach dem Text fragten, veröffentlicht der Kulturvollzug den Text nun in voller Länge.

Veröffentlicht am: 09.01.2011

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Werner
13.01.2011 16:43 Uhr

tja, die Burg ist weg, frage mich nur, wie das Poncho bei diesem schlechten Geschäft überleben kann ... ob das mit rechten Dingen zu geht.

Ich selbst bin Untergiesinger/Harlachinger aus der Schönstrasse.

Und jetzt gibt es einen Punkt, worum ich die "Pilgersheimer" beneide, das ist die Parklizenz.

Denn seitdem diese existiert, gibt es massenhaft Parkplätze v.a. beim Schyrenbad.

Und das nur, weil nun alle Wohnmobile, Anhänger, Gelegenheitsfahrzeuge bei uns in der Schönstrasse parken - eine absurde Situation, dass man zentrumsnäher leichter einen Parkplatz findet als jenseits des mitlleren Rings.

Luedicke
13.04.2011 19:26 Uhr

Was soll denn diese Stänkerei gegen Veränderungen und Neuerungen?

Erstens ist es mutig von jedem, der hier in Untergiesing einen Laden / Büro / Unternehmen gründet oder betreibt, denn das unternehmerische Risiko heisst hier z.B. mangelnde Akzeptanz der "Ureinwohner", die man sich erst über lange Zeit erarbeiten muß.

Zweitens ist jede Art von Nutzung von Gewerbeflächen allemal besser für die Stadtkultur als jahrelanger Leerstand. Die Art der Nutzung bestimmt der Markt, schon vergessen? Also: Was nicht akzeptiert wird, wird sich eh nicht halten.

Wem einzelne Nutzungen nicht passen, der versuche es doch einfach mit der "richtigen" Nutzung einmal selbst.

Mir jedenfalls sind 20 Designbüros, "Panchos" und "Café LÜs" im Viertel lieber als 20 Bierstübchen "bei Rosi"oder ähnlich, in denen früh um 8 die Insassen schon vor dem 3. Weißbier sitzen. Oder ist dies die erhaltenswürdige, stadtteiltypische und gewünschte Situation rund um die Pilgersheimer Straße?

Und wenn hier der schwarze A8 tatsächlich mal brennen sollte, dann sind genau solche Berichte daran schuld!

Derart schlecht beobachtete und falsch analysierten Berichte dürften den Weg in die SZ eigentlich nicht finden.

Michael Grill
16.04.2011 00:31 Uhr

Sehr geehrte/r Herr/Frau Luedicke,

Ihre Meinung sei Ihnen unbenommen. Ihr Ton, die Art, wie Sie über "Ureinwohner" (immerhin in Anführungszeichen) herziehen, wie Sie dem "Markt" huldigen, wie Sie sehr unverblümt mit Geld dafür sorgen wollen, dass ein Stadtviertel Ihren Vorstellungen von Lebensqualität entspricht, finde ich erschreckend und entlarvend. Als Journalist habe ich Dinge beschrieben, die ich beobachtet, analysiert und bewerte habe - mehr nicht. Meine Vermutung wäre eigentlich, dass manche der "Veränderer" gar nicht so unsensibel gegenüber dem Thema Gentrifizierung sind, wenn sie mal in Ruhe drüber nachdenken (auch wenn ich bei Recherchen meistens gegenteilige Erfahrungen machen musste). Ihre Äußerungen bestätigen leider meine Befürchtung, dass man hier kaum Hoffnung haben sollte.

Ihren Gruß erwidernd, Michael Grill

Luedicke
16.04.2011 11:54 Uhr

"Was nicht akzeptiert wird, wird sich eh nicht halten" habe ich geschrieben. Das ist keineswegs ein Plädoyer für die Macht des Geldes, sondern unternehmerisches Basiswissen. Jeder, der was auch immer hier in Untergiesing eröffnet, müht sich um diese Akzeptanz auf dem Markt. Erhält er sie nicht, wird er scheitern.

Dass immer mehr finanzstarke Ketten mit Filialen auch hier in Untergiesing einsteigen, finde ich ebenso unerfreulich wie Sie. Der Schuster und der kleine Käse- oder Brotladen wird es in Zukunft - leider - überall sehr schwer haben, wenn Discounter, Supermärkte und Mister Minit auch hier in Untergiesing in der Nähe und seit Jahrzehnten akzeptiert sind. Mit Sozialromantik und der Hoffnung, dass die Hausbesitzer hier - wie überall in München - nicht das Maximum herausholen wollen, kommen wir auch nicht weiter. Alle beklagen eigentlich die gleiche Situation - einen Lösungsansatz lese ich bei Ihnen allerdings auch nicht heraus.

Michael Grill
17.04.2011 22:22 Uhr

Sehr geehrte/r Herr / Frau Luedicke,

Sie beklagen einen Prozess, den Sie selbst beschleunigen, Sie behaupten, kein Plädoyer für die Macht des Geldes zu halten und tun genau dies umso mehr.

Als Journalist habe ich hier zunächst meinen Text zu verteidigen, aber nicht eine bestimmte politische Position zu beziehen.

Deshalb möchte ich jetzt nicht mehr schreiben als dieses: Ich finde Ihre Äußerungen wirklich sehr schrecklich.

mfg, Michael Grill

Luedicke
19.04.2011 11:59 Uhr

Sehr geehrter Herr Grill,

auch für mich ist dies nun mein letzter Kommentar, da Sie sich ausschließlich hinter Ihrem Artikel verschanzen wollen.

Wenn Sie mich als Vertreter eines Plädoyers für die Macht des Geldes oder gar als Beschleuniger dieses beschriebenen Prozesses bezeichnen, sollten Sie meine Kommentare vielleicht noch einmal mit etwas weniger Erregung, dafür aber genauer lesen.

Aber vermutlich sprechen wir gar nicht die gleiche Sprache…

Was ich wiederum besonders schrecklich finde?

Wenn man mit betroffenheitsheuchelndem und sozialromantischem Wehgeklage eine Situation beschreibt, wie es sie bedauerlicherweise schon seit Jahrzehnten in deutschen Großstädten gibt, ohne aber Möglichkeiten Ihrer Veränderung aufzuzeigen.

Wofür denn dann ein solcher Artikel?

Natürlich wird es ab hier politisch. Und genau das sollte ein solcher Artikel auch wagen, wenn er nicht in feuilletonistischer Belanglosigkeit stranden will.

Doch das verbietet wohl die geforderte political correctness.

Aber vielleicht sollte das alles ja doch mehr dem Amusement der SZ-Leser-(Ober-) Schicht dienen, wie es die netten Anekdoten zu Mord und Selbstmord vermuten lassen.

Michael Grill
19.04.2011 23:57 Uhr

Sehr geehrte/r Herr/Frau Luedicke,

Ihre Äußerungen auch in diesem "letzten Kommentar" sprechen für sich selbst und bedürfen keiner weiteren Kommentierung meinerseits.

Interessant fände ich, ob Sie vielleicht sagen könnten, welche Rolle Sie im Stadtviertel einnehmen, damit das auch von den Lesern besser eingeordnet werden kann?

mfg, gr.

Chris Feilitz
20.04.2011 01:06 Uhr

Hallo Herr/Frau Luedicke,

offensichtlich scheint dieser Artikel Ihr Gemüt sehr erhitzt zu haben, anders kann ich mir diese Anfeindungen an den Autor nicht erklären.

Mir scheint es gerade so, als wären Sie sich der Rolle die Sie in diesem Prozess einnehmen sehr bewußt, wollen sie allerdings nicht wahrhaben.

Vielleicht erklärt dieses Bewußtsein auch die arrogante Art mit der Sie über die "Ureinwohner" schreiben, die es doch einmal mit der "richtigen" Nutzung" probieren sollen.

Sie wollen offensichtlich nicht einsehen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner Giesings die richtige Nutzung schon längst gefunden haben und ihr Bier gerne "bei Rosis" trinken. Ihre Liebe zu Designerbüros zu mexikanischen Restaurants können Sie in Schwabing oder Haidhausen ausleben, rechtfertigen Sie damit aber bitte nicht die Zerstörung der Kultur in Giesing.

Sollten Sie sich tatsächlich nach Lösungsansätzen suchen dann sei das Stichwort Dekommodifizierung gegeben, denn Wohnraum sollte keine Ware sondern ein Grundrecht sein.

Hoffentlich dürfen wir Sie bald auf unserer Seite begrüßen, wir freuen uns drauf: www.unserviertel.blogsport.de

Grüße aus Giesing

Hornblower
20.04.2011 20:04 Uhr

Lüdicke versteht Journalismus nicht. Lösungsansätze? Kritik und Aufdeckung (Investigation) sind die Aufgaben der vierten Säule der Demokratie (4. die Presse). Macht nix: Lüdicke ist Blogger, Michael Grill Journalist. Und Lüdicke tut so als hätte er den Längeren, das Geld.Da sind wir in der Zivilgesellschaft schon längst weiter: wer zahlt, schafft an, ist ein Argument aus dem Steinzeit-Kaptalismus.

Troublemaker
22.04.2011 18:05 Uhr

Liebe/r Luedicke,

ich stimme Ihnen voll zu. Aber wir kennen doch alle das Sprichwort, "was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht." Nun, "Ureinwohner" sind nun mal nicht sehr flexibel und auch selten aufgeschlossen für Neurerungen. Vielleicht ist es einfach bei einigen noch nicht angekommen, dass sich im Laufe der Zeit eben auch ein Stadtviertel ändert. Ich kenne zwar keinen der Leute, die hier schreiben, aber mein Eindruck ist, dass einige vielleicht mal aus ihrem Schneckenhaus heraus schauen sollten und überlegen, ob sie vielleicht selbst zu festgefahren sind. Tja, manche Leute sterben eben schon mit 40, nur beederdigen wir sie nicht bevor sie 90 sind...

Aktionsgruppe Untergiesing
22.04.2011 20:40 Uhr

Lieber Herr Luedicke,

es geht nicht um den Erhalt eines Staus Quo im Viertel, und Architekturbüro oder Boazn soll Geschmacksfrage bleiben. Ein Stadtviertel muss und wird sich im Laufe seiner Geschichte verändern. Wenn jedoch bestimmte sich häufende Veränderungen in das Schema der Gentrifizierung passen, ist Vorsicht geboten. Denn 20 Architekturbüros in Untergiesing bedeuten: Niedrige Mieten. Entdeckt dies eine private Vermögensverwaltung wie Rock Capital, bedeutet das endlich 20% Mietsteigerung; folglich hohe Mieten (sehr einfache Darstellung). Und wenn die ersten kleinen Geschäfte Filialen einer Kette weichen müssen, sind das deutliche Zeichen. Und wenn eines Tages an Stelle des Café LÜs ein Starbucks aufmacht, ist der Prozess abgeschlossen. Es soll keine Panik entstehen, aber ein offenes Auge und ein Viertelbewusstsein sind für den Erhalt des Untergiesinger-Charms, den nun mal eben die Anwohner ausmachen, sehr wichtig. Ein viertelverträglicher Wandel, mit bezahlbaren Mieten für Bürger und Geschäfte, ohne Austausch der bestehenden Sozialstruktur soll das Ziel sein!

Zu uns:

Die Aktionsgruppe Untergiesing ist ein parteiloser Zusammenschluss von Untergiesinger Bürgerinnen und Bürgern, die den Wandel ihres Viertel über ihre Köpfe hinweg nicht tatenlos hinnehmen wollen. Hauptsächlich geht es der Aktionsgruppe um Aufklärung und Sensibilisierung. Ihr Ziel ist es, den Lokalpatriotismus im Sinne von Stadtviertelbewusstsein zu wecken. Ihr liegt nichts an der strikten Erhaltung eines Status Quo, sondern um viertelverträgliche Veränderungen.

Mehr Infos unter:

aktionsgruppe.untergiesing@googlemail.com

aktionsgruppe-untergiesing.jimdo.com

Aktuelle INFO: Unser Straßenfest mit anschließender Demo findet am 29.05.11 am Hans-Mielich-Platz statt!

Liebe Grüße und bis bald!

Aktionsgruppe Untergiesing

Chris Feilitz
09.05.2011 16:04 Uhr

Hallo Troublemaker, Hallo Herr Luedicke,

schade, dass Sie sich nicht weiter zum Thema äußern, trotzdem möchte ich Ihr Kommentar nicht umkommentiert stehen lassen.

Dass es Widerstand gegen diese Neuerungen gibt zeigt offensichtlich, dass die Bewohnerinnen und Bewohner Giesings, anders als Sie, die Gentrifizierung begriffen haben. Dieser Prozess geht grundsätzlich mit der Verdrängung der weniger zahlungskräftigen Mieterschaft einher.

Ein anderer Grund ist eben, dass es eben nicht nur wenige, kleine Projekte sind die in Giesing geschaffen werden - sondern die Immobilienwirtschaft ganz offensichtlich das gesamte Viertel in seiner Struktur angreift und verändern will. Schauen Sie dazu doch mal auf diese Karte die ziemlich viele Projekte im Viertel abbildet:

http://maps.google.de/maps/ms?ie=UTF8&hl=de&msa=0&msid=214380248817631465077.0004a272913e8c7fcf7b7&ll=48.114537%2C11.581349&spn=0.019684%2C0.038581&t=h&z=15

Offensichtlich scheint es Investoren zu geben die entscheiden wollen wie das Münchner Stadtbild auszusehen hat. Unliebsame, nicht sehr solvente Mieterinnen und Mieter sollen jedenfalls nicht dazu gehören. Dieser Investoren scheinen hierbei eben nicht nur Giesing im Blick zu haben, vielmehr wollen sie alle Stadtteile im Sinne ihres Profitstrebens verändern.

In meinen Augen ist es wirklich schade, dass die Münchner Kultur und das Alltagsleben bald nicht mehr von Berlin oder Hamburg zu unterscheiden ist.

Grüße aus Giesing!

DoktorSachlich
19.05.2011 09:33 Uhr

@Chris Feilitz

Ist ja toll!

Die Bierstuben-Hartzler sind also Giesings Leitkultur und für alles andere kann man nach Schwabing und Haidhausen gehen...

So definiert man Toleranz.

Chris Feilitz
19.05.2011 10:14 Uhr

Lieber Herr Sachlich,

definieren Sie Toleranz indem Sie sich abwertend über Hartz IV BezieherInnen äußern?

Man kann von uns Bewohnerinnen und Bewohnern keine Toleranz erwarten, wenn man sie uns selbst nicht entgegen bringt. Es kommen Investoren in unser Viertel die unsere Kultur zerstören (und ja, für die meisten gehören die Bierstuben dazu). Es sind die selben Investoren die unsere Mieten erhöhen um uns aus den Wohnungen zu bekommen. Wenn Sie sich ein wenig mit dem Thema befassen dann werden Sie sehen, dass manche Investoren vor physischer Gewalt nicht zurückschrecken.

Es wird hier offensiv versucht eine Kultur und eine Szene zu installieren die mit Giesing nichts zu tun hat und die sich von Schwabing, Berlin-Prenzlauer Berg oder Hamburg Blanknese nicht unterscheiden. Leute wie wir, die ein geringes Einkommen haben, werden überhaupt nicht nach Toleranz gefragt sondern gnadenlos verdrängt damit man an jeder Ecke seinen Latte-Machiatto schlürfen kann.

Bitte nehmen Sie sich das zu Herzen bevor Sie versuchen uns fehlende Toleranz vorzuwerfen.

Grüße aus Giesing!

Andrea
27.01.2014 14:00 Uhr

Als gebürtige Münchnerin blutet mir das Herz wenn ich sehen muss, wie alte Menschen nach 60 Jahren aus der Wohnung auf die Strasse gesetzt werden (nach vorherigen Drohungen, dauernden

Mieterhöhungrn und der Gewissheit sich bei minimaler Rente keinen Anwalt leisten zu können). Auch mein Stadtviertel wird verschachert an Leute die in die hippe Metropole wollen, weil es in der eigenen wohl nicht klappt. Es ist einfach nur armselig. Geld regiert die Welt- koste es was es wolle.

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