Kultur-Interview mit OB Christian Ude (Folge II)

"Diese ergebnislose, frustrierende und im Grunde quälende Konzertsaal-Debatte!"

von Michael Grill

OB Christian Ude beim Interview mit dem Kulturvollzug in seinem Büro. Foto: Michael Grill

Seit fast 20 Jahren regiert er München, nun will er bayerischer Ministerpräsident werden. Bei der Landtagswahl 2013 tritt SPD-Politiker Christian Ude gegen Horst Seehofer von der CSU an. Hier ist Teil 2 des Kultur-Gesprächs mit dem Münchner Oberbürgermeister über Geschichtsarbeit an der Brienner Straße, die erstaunlichen Parallelen zwischen einem Stadion und einem Konzertsaal, sowie die Frage, ob das Volkstheater mittlerweile die besseren Kammerspiele macht.

Herr Ude, der amtierende Ministerpräsident, also Horst Seehofer, hat mit Blick auf den nächsten Doppelhaushalt der Kultur in Bayern eine zusätzliche Gabe von mehr als 50 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Das wurde in der Öffentlichkeit überwiegend als Wahlkampfmanöver gewertet. Hat der CSU-regierte Freistaat bei der Kultur nicht generell eine offene Flanke, die der Spitzenkandidat der SPD-Opposition, also Christian Ude, viel mehr angreifen müsste?

Christian Ude: Ich weise mal darauf hin, dass der Wahlkampf noch gar nicht begonnen hat. Und Sie werden feststellen, dass von meinen Beratern und Mitstreitern sehr viele aus dem kulturellen Leben kommen, und dass sie mit mir zusammen kulturelle Themen ansprechen werden. Den Sanierungsstau auf Seiten des Freistaats habe ich schon erwähnt, da gibt es ja wirklich Fälle, die an baulichen Verfall heranreichen. So etwas ist natürlich das erste, was man verhindern muss. Kulturell bedeutsame Bauten und Institutionen dürfen nicht in Zweifel gezogen werden. Kulturpolitik darf natürlich nie museal sein, aber sie muss zuerst die Pflicht erledigen, alles zu erhalten was erhaltenswert ist. Anschließend muss sie neue Möglichkeiten ausloten. Der Staat muss hier nicht unbedingt immer in der Pionierrolle sein, weil es ja auch die kommunale Zuständigkeit am Ort gibt. Im Glücksfall ergibt sich ein Zusammenwirken, wie ich es beispielhaft beim Bau des NS-Dokumentationszentrum in München erlebe. Und im schlechtesten Fall ist es so wie gegenwärtig beim Amerikahaus. Beide Fälle spielen erstaunlicherweise an derselben Münchner Straße. (Anm. d. Red.: Hier gibt es eine neue Entwicklung. Am 4. 12.12 wurde bekannt, dass Ministerpräsident Seehofer die Technik-Akademie Acatech womöglich doch nicht in das Amerikahaus, sondern in die Lotterieverwaltung gegenüber einziehen lassen will. Ob damit das Amerikahaus langfristig "gerettet" ist, bleibt aber weiter offen.)

Beim NS-Dokumentationszentrum gibt es nun mit Professor Winfried Nerdinger den zweiten Versuch, eine Gründungsdirektion zu installieren. Der erste ging schief, von Nerdingers Vorgängerin hat sich die Stadt getrennt, offiziell "einvernehmlich". Stimmt es aber, dass Sie sich mit Nerdinger gar nicht so gut verstehen?

Spät? Zu spät? Die Baustelle des NS-Dokumentationszentrums in München, hier eine Archivaufnahme aus dem Sommer. Foto: Archiv ama

Wo das herkommt, kann ich mir nicht erklären, gerade erst gestern Nachmittag habe ich wieder...

Entschuldigen Sie, hier ist ein Erklärungsversuch: Winfried Nerdinger hatte immer wieder kritisiert, dass München jahrzehntelang, und dabei bezog er teilweise ihre Amtsjahre mit ein, die Aufarbeitung der NS-Geschichte gescheut habe. Und das, so heißt es, nehme ihm der Oberbürgermeister sehr übel.

Es ist richtig, dass ich bei der Behauptung, dass München bei diesem Thema besonders stark angeklagt gehöre, den Hinweis vermisse, dass die gesamte bundesdeutsche Gesellschaft die Aufarbeitung der Nazizeit sozusagen ewig und drei Tage versäumt und vernachlässigt hat. Es geht hier nicht um ein Münchner Spezifikum. Man denke nur beispielsweise daran, dass ein Kommentator der NS-Rassegesetze nach dem Krieg Staatssekretär im Kanzleramt werden konnte, dass Nazigrößen des Volksgerichtshofs niemals strafrechtlich zur Verantwortung gezogen worden sind, dass unglaublich viele Täter nach dem Krieg in hohen Funkionen bleiben konnten. Das ist ein bundesweites Phänomen, ich kann nicht erkennen, dass es nur in München so gewesen wäre...

Die Gegenposition besagt, dass es in Deutschland besondere Orte mit einer besonderen Verantwortung für die NS-Zeit gibt, etwa Nürnberg, den Obersalzberg oder eben auch München. Und München wollte davon besonders lange besonders wenig wissen.

Aber bei den genannten Orten geschah die Aufarbeitung auch nicht in den 50er, 60er oder 70er Jahren, auch nicht in den 80ern! Sondern erst mit sicherem Abstand von vielen Jahrzehnten, in denen man den Tod vieler Altnazis in Ruhe abgewartet hat. Ich kann beim Blick auf die Geschichte einfach nicht entdecken, dass die Doku-Zentren Obersalzberg oder auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg blitzschnell nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches gegründet worden wären. In meiner Amtszeit ist die Erinnerungskultur vom ersten Tag an ein Schwerpunkt gewesen. Leider hat sich aber 1990 noch kaum jemand für den 9. November und dessen Geschichte interessiert. Ich habe zu dem Datum jedes Jahr gesprochen, aber anfangs immer nur vor ein- oder zweihundert Leuten. Jetzt ist es eine zivilgesellschaftliche Normalität, dass man an diesem Gedenken teilnimmt oder es mit eigenen Aktionen begleitet. Das habe ich in den frühen 90er Jahren leider noch nicht erleben dürfen. Das erste Denkmal für Sinti und Roma, die den Nazis zum Opfer fielen, ist gleich zu Beginn meiner Amtszeit in Angriff genommen worden. Auch die ersten Gedenkstätten, die an die Deportation von Juden erinnern, oder an den Beginn der Reichspogromnacht im Alten Rathaussaal - das waren alles Aktivitäten meiner Amtszeit. Deswegen habe ich diese Zuspitzung auf München nie verstanden. Und in meiner Werteordnung war das Jüdische Zentrum am Jakobsplatz, für das ich ein Jahrzehnt lang gearbeitet habe, wirklich vorrangig. Das war übrigens auch eine Erwartung der Juden in München, dass nicht vor allem die Täterorte Orte für Investitionen werden, sondern dass zunächst für das Judentum endlich eine Heimat und eine Zukunft geschaffen wird.

Zu einem historisch weniger kontaminierten Thema, das aber inzwischen ein elender Dauerbrenner ist: Der Ruf nach einem neuen Konzertsaal für München. Ist es nicht verblüffend, wie groß die Parallelen zur Münchner Stadiondebatte vor 15 Jahren sind? Damals wehrte sich die Stadt mit Händen und Füßen gegen den Ruf nach einer neuen Fußballarena.

Das Ergebnis des Vorläufers der Konzertsaal-Debatte: Eine Sinfonie in Weiß in Fröttmaning. Foto: Dorrit & Eichhorn

Die Parallelen sind in der Tat verblüffend: Es kommt plötzlich eine bestimmte Szene und schraubt Ansprüche in die Höhe. Und zwar sehr sprunghaft und gewaltig, und das zu einem Zeitpunkt, wo das vorhandene Bauwerk noch nicht einmal abbezahlt ist. Ich finde es hier schon sehr kurios, wie vor allem die "Süddeutsche Zeitung" sich müht, den Eindruck zu erwecken, wir hätten längst einen neuen Konzertsaal, wenn nur der Oberbürgermeister das absolute Gehör hätte. Davon kann meines Erachtens nicht die Rede sein, sondern Tatsache ist: Die Stadt München hat einen real existierenden Konzertsaal, nämlich die Philharmonie im Gasteig, in dem großartige Dirigenten wie Lorin Maazel großartige Konzerte dirigiert haben und dirigieren, weshalb sie diesen Konzertsaal auch sehr schätzen und positiv beschreiben. Und es gibt einen Freistaat Bayern, der mir seit einem Jahrzehnt erzählt, er wolle einen neuen Konzertsaal schaffen. Das ist ja sein gutes Recht, aber ich stelle nur mal fest: Er hat noch nicht einmal einen Standort.

Wie damals der FC Bayern beim Stadion...

Eben, wie der FC Bayern jahrelang beim Stadion: Er forderte einen Neubau, konnte aber nicht einmal sagen, wo der entstehen soll. Und beim Konzertsaal gibt es noch nicht einmal eine Idee, wie das Bauwerk aussehen soll, ob es der Umbau eines vorhandenen Bauwerks sein soll oder ein Neubau auf der grünen Wiese. Es gibt nicht die Spur einer Idee, wer der Betreiber eines solchen Konzertsaals sein soll: Der Rundfunk darf nicht und der Freistaat will nicht. Und einen Dritten gibt es nicht. Es gibt auch noch keinen Cent im bayerischen Staatshaushalt, mit dem dieser Konzertsaal finanziert werden könnte. Aber die Konzertsaal-Liebhaber sind begeistert und ihnen geht das Herz auf, wenn man nach zehn Jahren diesen Saal immer weiter nur vage verspricht. Wogegen offenbar jemand, der nach zehn Jahren dieser ergebnislosen, frustrierenden und im Grunde quälenden Debatte sagt, dass noch keine einzige Voraussetzung für einen Neubau geschaffen werden konnte, als Übeltäter gilt.

Das war in der Stadiondebatte so um 1999/2000 genauso, oder?

Ja!

Da wir inzwischen eine neue Fußball-Arena haben, spricht dann ja alles dafür, dass wir in ein paar weiteren Jahren auch den neuen Konzertsaal bauen.

Aber dann sollen die Befürworter doch mal einen realisierbaren Platz nennen! Der FC Bayern hat damals...

... einen Platz gefunden, nachdem das Planungsbüro Speer und Partner in einer Machbarkeitsstudie die Stadt danach abgesucht hatte.

Noch nicht einmal abbezahlt: der Gasteig samt Philharmonie. Foto: Archiv ama

Das war aber nicht durch die Stadt geschehen, sondern nachdem der FC Bayern mit seinem Vizepräsidenten Bernd Rauch endlich - endlich! - eine realistische Studie in Auftrag gegeben hatte, in der er dann zunächst mal selbst all die Standorte verwerfen musste, über die wir uns zuvor wie die Kesselflicker gestritten hatten. Und nachdem der FC Bayern jahrelang keine Argumente gegen Stadion-Standorte gelten lassen wollte, hat er schließlich einen - einen! - Vorschlag machen können, der sich tatsächlich als realistisch erwiesen hat. Und selbst bei dem muss man daran erinnern, dass er die Absiedelung von Betrieben erforderlich machte und den Verzicht auf Baurecht - er war also immer noch für die Stadt mit großen Verrenkungen verbunden! Aber er war immerhin realisierbar. Und jetzt kommt der Punkt: Einen solchen Standortvorschlag für den Konzertsaal haben wir nach einem Jahrzehnt der Konzertsaal-Debatte immer noch nicht.

Ein Schwenk zu einer längst realen Baustelle, die aber jüngst gewaltig erschüttert wurde: der Umbau des Deutschen Theaters. Die Geschäftsführer der Bühne machten kürzlich in sehr ungewöhnlicher Weise in einem Interview Vertreter der Stadt für den nicht enden wollenden Sanierungsmarathon an der Schwanthalerstraße verantwortlich. Darüber war die Stadtspitze alles andere als begeistert. Hat dieser aufsehenerregende Aufschrei der Sache aber vielleicht sogar gutgetan? - Weil nun endlich alle wachgerüttelt sind?

Der Frust und Ärger der Geschäftsführer ist voll zu verstehen. Die Art und Weise, mit der hier der eigene Arbeitgeber attackiert wurde, wäre allerdings in keinem Unternehmen der Welt akzeptiert worden.

Und hat die Stadt das akzeptiert? Ist eine weitere Zusammenarbeit möglich?

Es gibt mit Sicherheit eine arbeitsrechtliche Konsequenz, wie es sie in jedem Unternehmen geben würde, wenn plötzlich ein leitender Angestellter den Eigentümer des Betriebs öffentlich geradezu brandmarkt. Noch dazu mit Vorwürfen, die an die falsche Adresse gerichtet werden. Wir wissen ja noch gar nicht mal, an wen genau unter allen am Bau Beteiligten die Vorwürfe zu richten sind. Aber die Geschäftsführer haben schlichtweg dem Stadtrat einschließlich der Oppositions-Stadträte jeden Verstand abgesprochen. Das ist sicherlich kein akzeptabler Umgang. Aber ich verstehe die Ungeduld, quasi fast jeder teilt sie. Der Stadtrat am allermeisten, weil der gerne endlich wieder ein Theater vorweisen würde. Und nicht eine Baustelle, bei der wenig vorangeht. Ich hoffe, dass der Zeitplan, der in der letzten Aufsichtsratssitzung angekündigt wurde, jetzt auch tatsächlich eingehalten wird.

Zu einer anderen Bühne, die gut in Schuss ist: Macht das Volkstheater unter Christian Stückl mittlerweile die besseren Kammerspiele?

Das würde er ja selber nie für sich in Anspruch nehmen wollen. Wir freuen uns, dass Christian Stückl hervorragende Arbeit leistet. Er macht anspruchsvolle Theaterexperimente und kann junge Leute sowohl auf der Bühne wie auch im Publikum begeistern. Und außerdem hat er, was ja bei experimentierenden Theaterleuten gar nicht so häufig ist, ein Gespür dafür, wie man ein breites Publikum ansprechen kann. Da ist er wirklich eine Mehrfachbegabung, ein Glücksfall für die Stadt. Bei den Kammerspielen sehe ich aber auch unglaublich positive Entwicklungen. Durch neue Schauspieler-Persönlichkeiten, die hier schon nach wenigen Jahren ihre Gemeinde haben. Durch eine Ästhetik, die bundesweit ernstgenommen wird. Und die Kammerspiele sind ausgebucht, haben also ihr Publikum gefunden, das nicht identisch sein muss mit dem von vor 20 Jahren.

Folge 1 des Interviews mit OB Christian Ude ist hier und die letzte Folge 3 hier.

Veröffentlicht am: 06.12.2012

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