Wohltemperiert, und dann auch dizzy: Die Unterbiberger Hofmusik im Fraunhofer

von kulturvollzug

Familie Himpsl im Fraunhofer Foto: Michael Wüst

20 Jahre Volksmusik werden heuer gefeiert im Theater Fraunhofer. Damals, zu Beginn der 90er Jahre, hatte mit Macht schon ein erster Schub der Rehabilitierung von Volksmusik jenseits der Musikantenstadl-Formate stattgefunden.

Ganze Berge bebten, das Epizentrum des Neuen war alpin. Von dort kamen sie damals, Alpenrock und Alpenpunk - und Hubert von Goisern und die Alpinkatzen.

Zu den Gipfeljodlern des Hubert gesellten sich schnell großartige österreichische Gruppen aus dem Wiener Flachland, beispielsweise die „Steirischen“ und das Knopfakkordeon. Bis hinein ins Grazer Land und weiter nach Panonien, den Kosovo und den ganzen Balkan zog sich die Entwicklung. Broadlahn und die Wiener Tschuschenkapelle brachten uns die Tänze und Hochzeitslieder des Ostens. Dann wurde es ruhig. Alles lauschte in Lounges und Chill-Out-Areas dem Platzen der 2000er Blase. Heute aber sind Folklore, Volks- und Volxmusik wieder lebendiger denn je.

Den besten Beweis lieferte die Unterbiberger Hofmusik im Theater Fraunhofer am Vorabend der Heiligen Drei Könige mit dem musikalischen Familienunternehmen von Franz und Irene Himpsl.

Seit 16 Jahren musizieren Franz Joseph Himpsl (Trompete), Irene Himpsl (Akkordeon), Ludwig Himpsl (Schlagzeug) und Xaver Himpsl (Trompete) mit Musikern verschiedenster Herkunft. Franz Himpsl, in Fachkreisen auch bekannt als „Himpself“ ist den Münchnern auch bekannt durch seine Zeit bei „Zauberberg“, der Münchner Version von „Chicago“, und der Funkformation „Funkability“.

Im ausverkauften Theater Fraunhofer zeigen die Unterbiberger eindringlich, warum und wie die bayerische Volksmusik Grundlage und Heimat verschiedenster musikalischer Ausflüge bleiben kann. Das ist nicht schwer, wenn es gut gespielt ist, und das ist es. Man muss Landlern, Polkas und Walzern keine Crossover-Gewalt antun, um in Jazz, Blues, Mardigras – nein, nicht auszubrechen – sondern hinein zu finden. Das führen die Unterbiberger meisterlich vor. Der Kern der Gruppe erweist sich in einem sehr wohltemperierten, kultivierten Blech. Drei Trompeten, Flügelhorn, F-Tuba, Waldhorn, Posaune und Sousaphon setzen hymnisch ruhige Akkorde, harmonisch gestützt von Martina Holler an der Harfe und Irene Himpsl am Akkordeon.

So beginnt ein Lied, dass sich einmal der verstorbene Grünenpolitiker Sepp Daxenberger gewünscht hatte, mit geradezu heilig stimmendem Akkorden in der Art von „Kanon und Fuge“ des Barockkomponisten Pachelbel. Das trägt und es trägt auch den Tod in sich, in seltsamer Herrlichkeit. Zu diesem Stück hatte Franz Himpsl den Allgäuer Mathias Schriefl auf die Bühne gerufen. Der als Jazzmusiker Angekündigte steckt seinen Kopf durch den Seitenaufgang herein, es scheint, als wisse er nicht wie er auf die zugebaute Bühne kommen soll. Äußerlich gekennzeichnet durch einen graublauen, etwas schrägen Anzug und mit windschiefer Frisur nimmt der Allgäuer linkisch Platz im Rund der Trachtler. Nach einigen angetesteten Tönen, etwa nach der Methode: mit Tonart G, alteriert wird´s schon gehen, findet er in Rekordtempo in ein Solo über dem durchgespielten Thema der Daxenberger-Hymne. Strahlend hoch, wild aufsteigend, kompromisslos, dizzy. Konrad Sepp an der F-Tuba hält die Jazzgefährdung durch diesen Trompeten-Puck eines kalten Winternachttraums brillant in Schach und man kommt heim in weicher Moll-Dur-Folge. Es folgen weitere Exkurse, nächtliche Schlittenfahrten weit hinaus in die südliche Hemisphäre. „Für Ludwig“ von Franz Himpsl führt uns mit einer „Maxixe“ aus dem kalten Bayern nach Brasilien. Im Mardigras-Feeling freut man sich schon auf wärmere Zeiten. Zu hören ist auch „Trifacher“, mitgebracht aus Kasachstan mit schweren Sieben-Viertel-Spannungen.

Ein bayrisch-bunter Abend, ein Narr, wer an Multi-Kulti denken möchte -zu lebendig war das für solche Kategorien.

Michael Wüst

Veröffentlicht am: 06.01.2011

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