"Babylon", aktuelle Sensation an der Staatsoper

Tatort Nationaltheater - Geklaute Kokosnüsse und nackte Trompeter

von Alexander Strauch

Der Chor unter der Leitung von Kent Nagano: Urgewalt und purer Kitsch. Foto: Wilfried Hösl

Im 19. Jahrhundert delektierte sich das Münchener Hofopernpublikum an exotischen Stoffen wie von Poißls "Die Prinzessin von Provence" oder von Perfalls "Sakuntala". Beide Komponisten wurden später sogar Intendanten. Aktuell ist "Babylon" des Komponisten und Klarinettisten Jörg Widmann Favorit. Wie Poißl und Perfall wird er wohl nicht den amtierenden Intendanten beerben. Wie diese längst vergessenen Komponisten mit Exotik reüssierten, sollte dies letzten Samstag dem Autorenduo Widmann-Sloterdijk mit ihren Ausflug in die mythische Antike widerfahren.

In unzähligen Interviews taten sie kund, unbedingt eine "Tatort"-Oper vermeiden zu wollen. Mehr oder minder stellten sie sich in die Tradition der Zauberflöte der Kollegen Mozart-Schikaneder, was unfreiwillig gelingt, wenn der schale Ton der klassischen Referenz in kurzen Sprechtexten angerissen wurde.

Immerhin ist der Plot ähnlich bizarr wie der der Mozartoper: Auf den Ruinen des vorsintflutlichen Babels krabbelt ein Skorpion, eine Seele und die Göttin Inanna streiten um die Liebe des exilierten Israeliten und Königsfreundes Tammu, den die bauch- und beinfreie Göttin für sich entscheidet. Sie lässt den bezirzten Prinzen von der Sintflut träumen, wobei Frau Euphrat höchstselbst auftrumpft und die harten Götter beschimpft. Wieder erwacht wird er Zeuge eines rauschenden Opferfests und wird selbst als das Liebste des Königs geopfert, das dieser zur Besänftigung des Himmels hingeben muss. Seele und Inanna überwältigen mit ihren Reizen den Totengott ihren Tammu wiederauferstehen zu lassen. In Babylon zurück besteigen Prinz und Göttin ein Ufo und entschweben. Statt Opferzyklen wird als neues Ordnungsprinzip die Siebentagewoche eingeführt. Man zerstreut sich, der Turm zu Babel kracht in sich zusammen, der Skorpion krabbelt wieder, sticht sich selbst, als würde er diesen Plot nicht glauben und klont sich zu unzähligen Artgenossen.

Gabriele Schnaut als Frau Euphrat: posaunentief und flötenflirrend. Foto: Wilfried Hösl

Die mesopotamische Großstadt sei ihnen ein urzeitliches Beispiel für Multikulturalität in Bezug auf das jüdische Exil im Zeitalter Nebukadnezars II., so Widmann und Sloterdijk. Bis auf einen Verbalaustausch der Versionen des Schöpfungsmythos blieb der Clash of Civilizations zur Premiere aus: In Vorbereitung des Opfers feiern die Babylonier Karneval. Unterbrochen wird das durch bibelschreibende Juden, die das babylonische Menschenopfer per Zensur in ihrer Schrift zu Tieropfern machen. Parallel dazu schreit ein Affenseptett nach der berüchtigten Kokosnuss. Man könnte fast ein latent israelkritisches Zerrbild des Librettisten Sloterdijk vermuten, wäre da nicht der Versuch Widmanns dazu eine bayerisch-babylonische Biermarschmusik mit Swingcouplets und möglichst trockenen Bibelexegeseklängen zu setzen. Leider wird dies nicht konsequent existentiell zugespitzt, nur überdreht hinweggewischt.

Weltklassegesang der Inanna Anna Prohaska. Foto: Wilfried Hösl

Die Musik trägt immer dicken Rausch auf, wenn es langweilig oder interessant werden könnte. Letztes gleich zu Beginn: Der Skorpion singt ein Lamento, das von nackten Trompetern in ihre Instrumente hauchend imitiert wird und sich in zu einem urwilden Schofarblasen steigert. Was für ein Hörabenteuer! In unmittelbarer Folge aber purzeln dann nur antiquierte Quintfallsequenzen durch alle tonalen Momente der Oper. Dieser Urgewalt folgt ein fast hundertfach geteilter "Babylon" skandierender Chor- und Orchestersound, der wie ein extrem gedehntes wagnersches Götterdämmerungszitat klingt, wenn sich Brünnhilde und Siegfried anfangs unter "Heil"-Rufen ihre Liebe gestehen. Die dem Barock entlehnte Quintfallsequenzierungspracht Wagners wird bei Widmann zu purem Kitsch. Selbst die zuerst zarte Version von Inannas und Tammus Liebesduett verheddert sich in jenem Muster.

Am ehesten gelingt Widmann der Auftritt von Frau Euphrat in posaunentiefer und flötenflirrender Manier. Nach der Pause beeindrucken ein Orchesterzwischenspiel und die Höllenfahrt von Seele und Inanna, die irgendwie der Frau ohne Schatten entlehnt wirken, jener ambivalente Zauberflöten Adaptionsversuch von Strauss-Hoffmannsthal. Frau Euphrat wie die liebenden Damen werden in jenen Szenen auf Bühnenobjekten herumgefahren. Allgemein ist die Personenregie reines Stehtheater oder Rampenliegen. Die Kostüme sind todschick, werden Feuer- und Wasserproben geboten, riesige Tastenhieroglyphen aufgetürmt. Wirkt dies klarer als die Turandot des La Fura dels Baus-Teams, erhellt es trotzdem nicht die Frage, was uns dieses Stück zu sagen hat, ausser dass es auch in Babylon diverse Sprachen wie bei uns in der U-Bahn, Bier auf öffentlichen Plätzen und Sex dort wie an anderen Orten gab.

Das Publikum fühlte sich zwar wie in einer modernen Oper, die allerdings nur wie ein Film mit Überlänge nervt und man sich gedankenfrei dem Stimmkonsum hingeben kann. So zielen auch im Nachhinein gezogene Vergleiche zu den Meisterwerken Wozzeck von Alban Berg oder Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann total daneben. Letztlich hielt die kompetente Hand Kent Naganos den Abend virtuos zusammen und hielt der Weltklassegesang der Inanna Anna Prohaskas, der Auftritt der altehrwürdigen Gabriele Schnaut als Frau Euphrat, der Prinzenztenor Jussi Myllys, der Skorpioncounter Kai Wessels, der weiteren vielen Solisten, des exzellenten Chores und des besonders in den Holzbläsern durch den komponierenden Klarinettisten Widmann gut bedienten Orchesters die Show am Laufen. Ein Triumph für alle die unsichtbaren Opernmitarbeiter, eine Aufforderung zu besseren Leistungen an Komponist und Texter.

Noch am 31.10.2012 und 3.11.2012 im Nationaltheater. Beide Vorstellungen sind ausverkauft. Die Aufführung am 3.11.2012 wird live im Internet übertragen: http://www.bayerische.staatsoper.de//tv

 

Veröffentlicht am: 31.10.2012

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