Die Ärzte in Augsburg

Beste Band der Welt findet schlechteste Halle

von Michael Grill

Ein Licht leuchtet durch die sehr dunkle Nacht. Augsburg, kurz bevor dort etwas stattfindet. Foto: gr.

Kein halbes Jahr nach der großen Tour noch eine kleine Tour anhängen, das ganze als "Comeback" deklarieren - fertig ist ein besonders schönes Beispiel entweder für Spielfreude oder für Ticketkaufkraftabschöpfung. Die Ärzte kamen so jedenfalls mal nach Augsburg. Deutschlands berühmteste und lustigste Punkrocker hatten ihr Frühsommer-Programm sehr ordentlich umgearbeitet, neu sortiert und ein bisschen Richtung "große Hits" getrimmt. Der Ort der Aufführung, die sagenhaft hässliche Schwabenhalle, erwies sich leider auch funktional als Zumutung.

Das sich immer noch und natürlich völlig zu Recht als "beste Band der Welt" selbstdeklarierende Trio versteht es zum Glück,  auch mit kritischen Konzertsituationen umzugehen. "Was ist los, warum steht ihr nur so herum?" wurde schon bald nach Konzertbeginn von ihnen gefragt und anschließend mit besonderem Einsatz in Sachen Publikumsbespaßung reagiert. Die Ärzte sind Profis in jeder Hinsicht, eine Eigenschaft, die im Punkrockbereich gerne mal unterschätzt wird, aber in den Schwabenhallen dieser Welt viel wert ist.

Hier also nochmal kurz zusammengefasst, was da so abseits der Bühne los war, beziehungsweise eben gerade nicht los war: Obwohl die Schwabenhalle ja auf dem direkt an die Stadtautobahn angeschlossenen Messegelände steht und somit über eine entsprechende Infrastruktur verfügen sollte, brach in der Stunde vor dem Konzert auf den Straßen und Parkplätzen im weiten Umfeld ein Chaos aus, als wenn die Veranstalter nicht wirklich damit gerechnet hätten, dass die schon im Vorfeld fast ausverkaufte Veranstaltung auch tatsächlich von Besuchern besucht werden würde. Der Organisations-Dilettantismus setzte sich vor der Halle fort: Zu wenig Eingänge und ein Kontrollsystem, das offenbar erst angesichts der sich aufstauenden Menschenmassen über sein Nicht-Funktionieren nachzudenken begann.

Die Schwabenhalle ist eine riesige, sehr breite Kiste, die allein schon durch ihre Grundform eine schlechte Sicht für den übergroßen Teil aller Konzertbesucher garantiert. Weil das offenbar aber nicht genügt, stehen auch noch zwei gewaltige Betonpfeiler rechts und links vor der Bühne, hinter denen Garantie für gar keine Sicht gegeben werden kann. (Die Ärzte schickten mitleidige Grüße an die "Säulenpeople".)

Wenn dann unter diesen Verhältnissen auch noch mehr als 7500 (siehe Anmerkung 1) Menschen, so groß ist die Halle nämlich, auf einer einzigen ebenen Fläche vor einer dafür viel zu niedrigen Bühne stehen, dann fragt man sich irgendwann schon, womit in Augsburg eigentlich Eintrittspreise ab einer gewissen Höhe gerechtfertigt werden. (Die Ärzte sind mit einem Grundpreis von 38 Euro ja sogar noch recht günstig.)

In Augsburg wurde übrigens mal ein Eishockeystadion so umgebaut, dass ein Teil der Zuschauer danach das Spielfeld nicht mehr sehen konnte. Das nur mal so nebenbei.

Doch wir haben ja noch gar nichts gehört, sofern man das hier auch so nennen will. Die Akustik in dieser messearchitektonischen Scheußlichkeit ist dumpf und hallend. Den Rest erledigt die Raumgeometrie: Da kann auch eine noch so feine Höhen-PA (also eine unter Decke aufgehängte Beschallungsanlage) wie bei den Ärzten nicht gegen an, wenn die Menschen in einer Art 180-Grad-Panorama vor ihr stehen müssen. Unrockbar? Unbeschallbar zumindest.  (Der Klang wurde bei den Ärzten im Laufe des Abends tatsächlich etwas besser, was aber nur eine Entwicklung von sehr, sehr schlecht zu schlecht bedeutete.)

Ein Comeback, kein halbes Jahr nach dem Verschwinden: Ironie ist hier alles, wenn nicht gar die beste Ironie der Welt. Foto: gr.

Die, wie schon erwähnt, wirklich ansprechende Setlist des Konzerts gibt es hier.

Erwähnenswert ist außerdem, dass das sehenswerte Verstärker-Ungetüm von Bassist Rod in Form einer umstürzenden Mauer genau umgekehrt zur Frühsommer-Tour bewegt wurde: Damals wuchs es während des Konzerts zur vollen Größe - nun schrumpfte es im Laufe des Abends wieder zurück auf Normalmaß.

Generell interessant war auch das optische  Bühnenkonzept, auf den (wie auf der Tour im Frühsommer) erst sehr spät zugeschalteten Groß-Screens ausschließlich Grafisches oder Liveaufnahmen vom Publikum zu zeigen, aber niemals die Band. Es ist nur halt dann nicht optimal, wenn es in einer Halle stattfindet, in der mutmaßlich 85 Prozent der Anwesenden gerne mal wenigstens einen näheren Blick auf die Band geworfen hätten.

Noch was? - Mehrere zeigefreudige Mädels in den ersten Reihen, die auch dann noch zeigefreudig blieben, als die Kameras auf sie hielten. Und: Eine sensationell rotzige Version von "Außerirdische" beim Schlussspurt vor den Zugaben.

Die beste Band der Welt sprach zu uns: "Ihr seid so unaufgeregt" (Farin).  "Es ist schön still hier" (Bela). Dass sie es unter diesen Umständen trotzdem auf drei Zugabenblöcke und insgesamt knapp drei Stunden Spieldauer brachten, war sehr beachtlich.

Wenn also die Ärzte weiterhin die "beste Band der Welt" sind, haben sie auf dieser Tour durch die abseits gelegenen Spielstätten der Republik die schlechteste Halle der Welt gefunden. Irgendwie ist das kein Superlativ, auf den man gewartet hat.

Weitere Berichte über die Ärzte im Kulturvollzug handeln vom jüngsten Album, von ihrem Geheimkonzert in Fürstenfeldbruck sowie von der sehr speziellen Vorgeschichte des Bassisten Rod.

Anmerkung 1 (27.10.12, 15.50 Uhr): Hier stand zunächst die vom Autor geschätzte Besucherzahl 8000. Nach einem Hinweis des Veranstalters wurde sie auf 7500 korrigiert. Er betont außerdem, dass das Konzert damit nicht ausverkauft war.

Veröffentlicht am: 25.10.2012

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Aefan
25.10.2012 21:58 Uhr

Auch die Rollstuhlfahrer waren von dieser \"tollen\" Location nicht sicher: Die viel zu kleine Rollstuhltribüne - für die hälfte der anwesenden Rollis - befand sich am hinteren linken Eck der Halle (gefühlte 200m von der Bühne weg), wodurch man so schön ab vom Schuss war und das Konzert durch die eh schon schlechte Akustik, eher mäßig und buchstäblich \"am Rande\" vernahm. Zudem versperrte durch die \"gut\" gewählte Position der Tribüne auch noch der linke Betonpfeiler die sicht auf die Bühne, wodurch man Farin allerhöchstens beim Seitenwechsel sehen konnte! Toll gemacht! -_-

Thomas Bohnet
30.10.2012 16:24 Uhr

Lieber Aefan,

wir hätten als Veranstalter die Rolli-Tribüne auch lieber an einer anderen Stelle (und größer) platziert. Leider wurden uns Größe und Position vom Ordnungsamt der Stadt Augsburg genau so vorgeschrieben.

Rolli-Tribünen sind im Übrigen leider keine Selbstverständlichkeit in den Hallen sondern werden vom Veranstalter freiwillig und kostenpflichtig aufgestellt (oder auch nicht). Schöne Grüße

Für den Veranstalter: Target Concerts, Thomas Bohnet, Pressesprecher.

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