Interview mit der neuen "Dance"-Chefin Nina Hümpel

"Erst Opulenz für die Sinne, später dann das Risiko"

von Michael Grill

„Puz/zle“ von Sidi Larbi Cherkaoui - die Empfehlung der Festival-Chefin für alle Einsteiger. Foto: Koen Broos

Sie hat mehr als genug zu tun in diesen Tagen. Als das Interview am späten Nachmittag beginnt, ist sie schon seit 14 Stunden auf den Beinen: Nina Hümpel, zum ersten Mal "Dance"-Chefin, tanzt gerade etwas sehr schnell durchs Leben: Doch der Starttermin für ihr Festival (am heutigen Donnerstag, 25.10.12) rückt immer näher. Das Schlimmste wäre, sich jetzt noch eine Erkältung einzufangen, meint sie.

Die Tanzhistorikerin und Theaterwissenschaftlerin gründete 1996 gemeinsam mit ihrem Mann Florian Borchert das Portal tanznetz.de und unterrichtet an der Iwanson Schule. 2010 wurde sie von der Stadt München gemeinsam mit Dieter Buroch zur künstlerischen Leiterin des biennalen "Dance"-Festivals ernannt.

Nina Hümpel. Foto: Bettina Stöß

Frau Hümpel, das 13. Festival für zeitgenössischen Tanz steht unter dem Motto "Zeigen was wichtig ist". Wie zeigt München der Welt, dass Tanz wichtig ist?

Indem wir ein Festival machen, auf dem Künstler zeigen können, was für sie wichtig ist. Indem wir uns selbst klarmachen, dass wichtige Produktionen im zeitgenössischen Tanz nicht an der Stadt vorbeigehen dürfen. Indem wir die Entwicklung dieses Festivals aufzeigen: dass es seit seiner Entstehung Raum bot für Entdeckungen, dass es europäische Tanzkünstler hervorgebracht hat, die noch heute relevant sind.

Sehen Sie "Dance" als Schaufenster für die großen Trends oder als Wunderkiste für Spezialitäten?

Beides! Außerdem komme ich ja von der Initiative "Access to Dance", bei der es darum geht, Zugänge zum zeitgenössischen Tanz zu schaffen. Er gilt ja meist als Nischenkunst, und muss sich unterordnen der Oper, dem Schauspiel, oft auch noch dem Ballett. Hier muss man Türöffner bieten - das sind oft renommierte Produktionen. Und dann kann man mit kleineren, spezielleren Produktionen die Zugänge vertiefen und die Neugierde verstärken.

"Dance" stelle auch in früheren Jahren immer wieder die Frage: Wie erklärt man das Metier, wie ist seine Position? Nun haben Sie gesagt, sie setzen ganz stark auf "ein glanzvolles Fest für die Sinne". Mit Verlaub, das klingt wie Werbung für eine Seifenoper.

Das ist es überhaupt nicht, denn wir setzen durchweg auf Qualität. Wir haben uns aber entschlossen, kein Themenfestival zu machen, keine aufgesetzten Mottos zu verwenden.

Und wie gliedert sich ein Schwerpunkt wie "Flandern" ein?

Aus dem kleinen Flandern kommen seit mehr als 30 Jahren immer wieder hochwertige Tanzproduktionen, durchgängig innovativ, europaweit, wenn nicht gar weltweit einflussreich. Da gibt es mittlerweile mehrere Tanz-Generationen, die wir auch alle zeigen werden. Dabei wollen wir untersuchen, wie eine solche Qualität entsteht. Dafür gibt es einen großen Rahmen mit weiteren Veranstaltungen, Panels, Diskussionen. Und wir stellen die Frage, ob solche Modelle etwa auf ein Kreativquartier in München übertragen werden könnten.

Ihre These zur Frage, was Flandern besser macht?

Wir gehen frei und ohne These an diese Frage heran. Es könnte damit zusammenhängen, dass das Land eine kleine sprachliche Enklave ist, ein kulturell sehr gemischtes Land. Eine Rolle spielt womöglich, dass dort das Fehlen einer Opern-Struktur für ganz andere Freiheiten sorgt.

Das deutsche TV-Publikum konnte sich in den letzten Jahren dem Thema Tanz im weiteren Sinne über Shows wie "Let's Dance" nähern. Ist das auch ein Ausgangspunkt für einen Weg zur Kunst oder doch eher der Musikantenstadl der Tanzwelt?

Schon eher letzteres. Über solche Shows gewinnt man keine Menschen für den künstlerischen, zeitgenössischen Tanz. Das sind zwei Bereiche, die nichts miteinander zu tun haben. Interessanter sind Projekte, bei denen zum Beispiel Hiphopper auf die Tanzbühne gehen, wo sich Streetdance mit künstlerischem Bühnentanz verbindet.

Ist Ihre Ankündigung, Dance 2012 solle sinnlich, opulent und kulinarisch werden auch eine Kritik an den früheren Macherinnen?

Nein, das wäre ein Missverständnis. Ich kann höchstens sagen, dass ich festgestellt habe, dass das Festival aus internationalem Blickwinkel wenig bekannt ist und wenig Profil hat.

Ihre Vorgängerin Bettina Wagner-Bergelt sagte vor zwei Jahren, sie habe in ihren frühen "Dance"-Jahren zunächst versucht, mit dem Festival Eindruck zu machen, einen Standpunkt zu finden, um zum Schluss sagen zu können: Jetzt will ich auch mal ein Risiko eingehen. Ein denkbarer Weg auch für Sie?

Absolut! Genau das ist der Weg: Erst Türen öffnen, Publikum abholen in der Oper, in der bildenden Kunst, im Schauspiel - deshalb kooperieren wir auch mit dem Residenztheater und den Kammerspielen. Und dann kann man risiko- und detailfreudiger herangehen. Ich habe einen großen Koffer voller aufregender Risikoproduktionen, die ich regelrecht horte. Und deshalb hoffe ich auch, das Festival ein zweites Mal kuratieren zu dürfen.

Spannend ist, dass Sie dem Publikum heuer junge Tanz-Wissenschaftler als Begleitung anbieten.

Die Aktion heißt "Rent an Expert!" Auch damit wollen wir helfen, Zugänge zu finden. Mit den Experten kann man im persönlichen Gespräch Erfahrungen austauschen oder auch mal Fragen stellen, die man sich in einer großen Choreografen-Diskussion nicht trauen würde.

Nina Hümpel und Dieter Buroch. Foto: Josefine Sautier

Sie leiten "Dance" zusammen mit Dieter Buroch. Warum gibt es überhaupt eine Doppelspitze und woran erkennt man wessen Handschrift?

Wir kennen uns sehr lange und haben uns gemeinsam beworben. Dieter Buroch hat zuvor viele internationale Tanzreihen programmiert, ich kenne die Münchner Szene und habe einen journalistischen Hintergrund - wir ergänzen uns sehr gut! Wir sprechen uns täglich ab und treffen grundsätzlich alle Entscheidungen gemeinsam. Da gibt es nur eine Handschrift.

Haben Sie einen Tipp für "Dance"-Anfänger?

Auf jeden Fall zu Sidi Larbi Cherkaoui mit „Puz/zle“, ein antropologisches, tanztheatrales Werk mit Live-Musik. Das ist absolut universal verständlich. Oder auch Anne Teresa De Keersmaeker mit „Drumming Live”.

Und für Fortgeschrittene dann die John-Cage-Uraufführung?

Ja, „Sixteen Dances“ von John Cage wird sicher ein künstlerischer Höhepunkt. Hier kooperieren wir mit dem Orchester Jakobsplatz und haben vier Münchner Choreografen mit völlig verschiedenen Ansätzen zusammengebracht, in einem sehr aufwändigen Bewerbungs- und Auswahlverfahren. Das wird sicherlich sehr spannend.

Originell ist es, im Café vom Müllerschen Volksbad die Leibspeisen der Tänzerinnen und Tänzer anzubieten. Sofern das Publikum nicht Angst vor extrem sparsamen Portionen hat...

Nein, die muss niemand haben, das ist ein Vorurteil! Ein Tänzer ist ein Hochleistungssportler. Wenn der eine Vorstellung hinter sich hat, dann kann er auch eine riesige Pizza verzehren. Wir sind hier ja nicht im klassischen Ballett, wo man Feen und Elfen braucht.

Das Dance-Festival beginnt am 25. Oktober und dauert bis zum 4. November 2012. Infos und Programm unter www.dance2012.de

 

Veröffentlicht am: 25.10.2012

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