Felicitas Hoppe in der Maison Heine in Paris

So einfach entsteht Literatur

von kulturvollzug

Felicitas Hoppe (links) im Gespräch in Paris (F: Thomas Jordan)

Manchmal braucht man die Distanz, um das Nahegelegene besser zu verstehen. Felicitas Hoppe nutzt in ihrem neuen Roman „Hoppe“ die Perspektive der dritten Person um über sich selbst zu schreiben. Ein Gespräch in Paris hilft zu verstehen, wie die deutsche Schriftstellerin arbeitet.

 

 

„Da wusste ich – das wird mein Mann“ - ohne Wayne Gretzky wäre so manches anders gekommen im Leben von Felicitas Hoppe. Als die Autorin und diesjährige Büchner-Preisträgerin zur Lesung im deutschen Haus der Studentenstadt in Paris erscheint, hat sie ein Schwarz-Weiß-Foto des kanadischen Eishockeystars auf den Frontdeckel ihres Buches geklebt.  Wenig später erklärt sie, dass ihre spontane Faszination für dieses Foto ausschlaggebend gewesen war, Kanada als Schauplatz ihres neuen, biographischen Romans zu wählen. „Ich sah das Bild von diesem schönen Jüngling, erfuhr dass er einen Monat nach mir im Januar 1961 geboren wurde – und da war für mich klar: Das wird mein Mann. Und so einfach entsteht Literatur“, fügt sie verschmitzt hinzu.  Schon hier kreuzen sich die Wege von Autorin und ihrer gleichnamigen Protagonistin Felicitas Hoppe – für die eine ist das Foto Inspiration, für die andere bleibt es nicht beim Abbild in Schwarz-Weiß – sie findet in Wayne Gretzky ihre erste große Liebe.

„Realität und Fiktion kann man nicht trennen“

Damit hat einen die in Hameln geborene Hoppe an diesem Abend schon federleicht mitten ins Geschehen ihres (auto-)biographischen Neulings gehoben, der dieses unbefangene Spiel mit Fiktion und Realität von der Figurenkonstellation ausgehend konsequent beibehält.  Die Lebenserzählung der Hauptfigur Hoppe ist dabei durchsetzt von Versatzstücken der realen Biographie der Autorin, eigene Texte aus Kindesjahren stehen neben den zwanghaft-pointierten Phrasen des fiktiven Literaturkritikers Reimar Strat – ihres „größten Kritikers“.  Wenn in Hoppes Büchern die Hauptfiguren eines Morgens mit roten Haaren erwachen,  ein Schiff von Hamburg nach Hamburg besteigen und auf Kellnerschultern durch den Kurpark reiten, dann dehnt sie die Grenze des Möglichen so weit, bis sie auf das Unmögliche trifft. Auf ihr Image als fantastische Schriftstellerin angesprochen, stellt sie in der Maison Heinrich-Heine klar, dass Fantasie für sie nur eine Technik ist – eine Lupe, derer es bedarf, um aus realen Erlebnissen und Charakteren Geschichten und Typen herauszuarbeiten.

„Kritiker sind meine Kumpel“

Warum schreibt Hoppe über Hoppe? Die Antworten, die Moderatorin Katja Petrovic von der Wahl-Berlinerin erhält, laufen auf zwei Dinge hinaus: Erstens ist die Autorin nicht nur so mutig, sich selbst zum Gegenstand ihres Romans zu machen, sie ist auch so ehrlich, die egoistische Absicht ihre Buches, sich selbst besser kennen zu lernen, öffentlich zu äußern. Und zweitens bereitet es Hoppe eine diebische Freude, ihr Werk aus einer Metaperspektive zu betrachten und den Literaturkritikern nicht das letzte Wort zu lassen – „Kritiker sind meine Kumpel“, fügt sie lässig hinzu.

Literarische Maskenspielerin mit Recht auf Unwahrheit

Felicitas Hoppe liebt das literarische Maskenspiel - neben der Kritikerfigur finden sich Kommentare einer fiktiven Wissenschaftlerin (fh) und unzählige Zitate aus ihrem Erstlingswerk „Picknick der Friseure“ in ihrem neuen Roman.  Alle diese unterschiedlichen sprachlichen Ausdrucksformen aus Literatur, Kritik und Wissenschaft wollte sie in ihrem Buch vereinen, erzählt sie mit schelmischem Lächeln. Angetrieben wird sie dabei von der Überzeugung, dass Literatur nichts leisten muss, keinem wie auch immer gearteten Wahrheitsanspruch unterworfen ist - gewissermaßen ein Recht auf Unwahrheit besitzt und gerade dadurch der Wahrheit nahe kommt.  So  ist in ihren Geschichten  auch der Tiermensch, der sich von Zeit zu Zeit das Fuchsfell überwirft, klüger als Otto-Normalverbraucher, wenn er aussprechen kann, wonach sich alle sehnen: „Nicht nur berührt“, sondern „wirklich angefasst“ zu werden.

Autofiktion? „Das kannte ich nicht!“

Nicht nur in ihrem neuen Roman hat sie das freie Spiel zwischen Realität und Fiktion zur Methode erhoben,  auch als Person verblüfft die Autorin, die im Alter von sieben Jahren mit dem Schreiben begonnen hat,  an diesem Abend durch ihre intellektuelle Ungezwungenheit.  Auf die Frage ihrer französischen Übersetzerin Yasmin Hoffmann nach Bezügen zur Erzähltechnik der Autofiktion bekennt sie freimütig: „Ich kannte das Konzept nicht und lerne erst jetzt allmählich, was es bedeutet“ Diese intellektuelle Ungezwungenheit ist bei der begeisterten Schiller-Leserin Hoppe immer auch ungezwungene Intellektualität, die sich keinem gesellschaftlichen Relevanzverdikt für ihre Prosa fügen will. So nimmt sie sich auch die Freiheit, sich selbst als literarisches Genie zu bezeichnen – und sich damit einen Platz zu erschreiben neben Wayne Gretzky, dem Sportgenie. So einfach entsteht Literatur.

Thomas Jordan

Veröffentlicht am: 24.10.2012

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