Zum Wiesn-Buch "Ozapft is!" von Moses Wolff

Dem zieht keiner die Lederhose aus

von Michael Grill

Volker Derlath (links) und Moses Wolff. Foto: Bianca Bachmann

Bücher über die Wiesn sind meist so sinnvoll wie Bedienungsanleitungen für Schweden-Möbel: Legt man die Theorie beiseite, gelingt die Praxis schneller. Dennoch arbeiten sich immer wieder schreibende Freunde und Feinde am Oktoberfest ab. Moses Wolff gehört sehr eindeutig zu ersteren. Gemeinsam mit dem Fotografen Volker Derlath macht er den Versuch, einen sehr speziellen Teil münchnerischer Lebenseinstellung abzubilden.

Der 43 Jahre alte Wolff ist bekannt als "Wildbach-Toni" und von der Lesebühne "Schwabinger Schaumschläger"; auch in diesem Feuilleton werden seine Texte, vor allem über Rap und Hiphop, gerne veröffentlicht. Sein nun erschienenes "Wiesn-Handbuch" names "Ozapft is!" ist ein journalistisch angelegtes Lese-Sachbuch mit Hang zur Schmonzette und viel Fan-Leidenschaft.

Der Verlag verspricht das "ultimative" Wiesn-Handbuch, das "voll (sic) unglaublicher Tipps und Tricks" sei. Um es gleich zu sagen: Letzteres ist ein Schmarren. So viel Unglaubliches ist auch auf der Wiesn nicht mehr zu finden, denn Jahr für Jahr wiederkäuen die Münchner Zeitungen in wochenlangen Serien jede ach so unglaubliche Unglaublichkeit dieses höchstens insgesamt unglaublichen Phänomen namens Wiesn. Die erste Behauptung hingegen, die vom ultimativen Handbuch, da könnte was dran sein.

Denn Wolff schreibt auch und gerade für seine Verhältnisse ungewohnt sachlich, bei einem gleichzeitig höchstmöglichem Grad an Begeisterung für das Objekt seiner Betrachtung. Er beleuchtet das Oktoberfest aus allen Winkeln und mischt dabei Information und Recherche mit seinen persönlichen Erfahrungen als langjähriger Wiesngänger, dem mit Sicherheit keiner die Lederhose auszieht.

Was auf den ersten Blick positiv auffällt: Weder die "Wiesn" noch der Buchtitel werden durch Apostrophe verunstaltet, mit dem vor allem Möchtegern-Münchner den Dialekt aktionistisch missverstehen. Unter Wiesn-Schreibern signalisiert die Vermeidung dieses Fehlers schon mal ein gewisses Diskurs-Niveau. Im Folgenden wagt sich Wolff sogar in historische Hintergründe, freilich ohne dabei den Leser mit allzuviel Details aus dem Geschichtsseminar zu belästigen.

Erstaunlich bleibt es jedoch, den Satiriker zu sehen, wie er so ausgewiesen nüchtern "Wiesn-Tipps" gibt, "die man immer brauchen kann". So auch bei der Präsentation des Buches im Vereinsheim an der Occamstraße, wo er den Phantomschmerz der Wildbach-Toni- und Schaumschläger-Fans im Publikum durch zünftiges Liedgut (im Duett mit Gitarrist Hans-Peter Krohn) und einigen Texten aus dem klassischen Wolff-Repertoire milderte. Da störte es dann gar nicht so sehr, dass das mit der Wiesn eigentlich gar nichts zu tun hatte. Dass Wolff gleich zu Beginn über einen Satz stolperte, den ihm - möglicherweise, wie er sagte - seine Lektorin untergeschoben hat, sorgte für Lacher.

Jedenfalls wissen wir jetzt, dass man auch im größten Rausch der Welt "bitte nur mit Menschen schläft, die das selbst auch wollen", und dass man eine Lederhose auch von einer Geiß sauberlecken lassen kann.

Wolff mit Gitarrist Krohn bei der Präsentation im Vereinsheim. Foto: Michael Grill

Dass Wolff manchmal in ein geradezu staatstragendes Dröhnen verfällt ("Die Beamten auf der Wiesn haben einen harten Job und ihre Anweisungen sind bitte ohne Murren zu befolgen.") zeigt den unbedingten Willen von Verlag und Autor, mit diesem Buch nicht in die satirische Underground-Ecke gestellt zu werden. Nur ganz selten gibt er der Neigung vieler Wiesn-Beschreiber nach, das Fest als Aufforderung zur Verbiederung zu begreifen und Satzanfänge wie folgenden drucken zu lassen: "Es strömen Besucher aus aller Herren Länder auf die Wiesn..." Sonst aber ist das Buch in seiner Art, einem die Wiesn schmackhaft zu machen, jung, frisch und unkonventionell. Das liegt auch an den Fotos von Volker Derlath, deren brutal-herzige Direktheit kongenial zu Wolff passt.

"Ozapft is!" zeigt so gesehen auch, dass es möglich ist das Oktoberfest humorig zu betrachten, ohne dabei eine ironische oder gar distanzierte Haltung einzunehmen. Das ist neu in München. Wolff gelingt etwas, das man seriösen Boulevard nennen darf, eine Kunst, die weithin als ausgestorben gilt.

 

Der Autor dieses Textes war von 1994 bis 1998 Wiesn-Reporter der Süddeutschen Zeitung.

Moses Wolffs Wiesn-Handbuch "Ozapft is!" erscheint im Goldmann-Verlag (256 Seiten, 14,99 Euro).

Veröffentlicht am: 17.09.2012

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