Berliner Funde "entarteter Kunst" in München

Wie der "Tempel gesäubert" wurde - und deshalb heute immer noch Meisterwerke im Schutt auftauchen können

von kulturvollzug

Aus dem Berliner Skulpturenfund: Edwin Scharff (1887-1955), Bildnis der Schauspielerin Anni Mewes, 1917/1921 (Vorkriegszustand). Foto: Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin

Noch bis Ende Januar ist in der Neuen Pinakothek die Ausstellung "Entartete Kunst" zu sehen - sie zeigt bemerkenswerte Werke, die einst von den Nazis verfemt, beschlagnahmt und nach Berlin geschafft worden waren - wo sie erst 2010 auf wundersame Weise bei Ausgrabungen vor dem Roten Rathaus wieder auftauchten. Unser Autor Karl Stankiewitz blickt aus diesem Anlass noch einmal auf eines der beschämendsten Kapitel der Münchner Kunstgeschichte, das vor allem mit dem Haus der Kunst verknüpft ist. (gr.)

 

„Sie sehen um uns herum diese Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtkönnertums und der Entartung“, zeterte Adolf Ziegler, Präsident der „Reichskammer der bildenden Künste“ und bekannt für seine fasergenauen Frauenakte, als er am 19. Juli 1937 im Museum für Abdrücke klassischer Bildwerke an der Galeriestraße 4 die Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ betont unfeierlich eröffnete. Tags zuvor hatte Hitler in der Prinzregentenstraße das „Haus der Deutschen Kunst“ im Rahmen eines festlichen Staatsaktes eingeweiht.

Das Kontrastprogramm hatte das Propagandaministerium des Joseph Goebbels nicht ohne Raffinesse inszeniert. Hier, im nagelneuen Tempel für Staatskunst, eine Überfülle von Blut und Boden, Uniformträgern und Bauernfamilien, nackten Maiden und muskulösen Recken (sogar der „Führer“ erschien in Ritterrüstung). Einen Steinwurf entfernt ausgesonderte Werke der Verfemten: Barlach,  Beckmann, Corinth, Dix, Feininger, Kirchner, Heckel, Marc, Klee, Kandinsky, Schmidt-Rottluff und viele andere. Insgesamt waren bei den „Entarteten“ 120 Maler und Bildhauer vertreten, darunter Künstler mit Weltruf.

Aus 32 Sammlungen in 23 deutschen Städten hatte eine staatliche Kommission unter Zieglers Leitung die etwa 600 Bilder und Plastiken konfisziert. In die Auswahl griff Hitler selbst ein, er wollte einen „harten Strich“ ziehen. Der einstige Ansichtskartenmaler gebärdete sich als Kunstkenner (so wie er auch glaubte, ein besserer Baumeister zu sein): Schon 1925 hatte er die Werke der Dadaisten und Expressionisten als „krankhafte Auswüchse irrsinniger und verkommener Menschen“ diffamiert – eine Sicht, die der damaligen Münchner Kunstideologie und Kunstpolitik durchaus entsprach.

Einer von Hitlers eifrigsten Helfern beim Bildersturm war der „Blutordensträger“ Franz Hofmann, der 1934 vom Kunstkritiker des „Völkischen Beobachters“ zum Direktor der Städtischen Galerie Münchens aufgestiegen war. Um „der Entfremdung zwischen Künstler und Volk entgegenzutreten“, ließ dieser Hoteliersohn aus Reichenhall das Museum sogleich von allen bedeutenden modernen Malern „säubern“. Sein Eifer trug ihm so viel Lob ein, dass ihn Goebbels als Abteilungsleiter Bildende Kunst in sein Propagandaministerium berief.

Zusammen mit Hitlers Lieblingsmaler Adolf Ziegler und anderen Willfährigen bildete Hofmann dann eine Beschlagnahmekommission „Verfallskunst“. Etwa 5000 Gemälde und 12.000 Grafiken wurden aus den deutschen Museen entfernt. Sogar aus den Amtsräumen der Stadt München plünderte er 170 Bilder. Aus einem Teil des Raubgutes sollte 1937 die Wanderausstellung „Entartete Kunst“ entstehen.

Einige Museumsleiter wiegten sich zwar zunächst in dem Glauben, sie müssten nur Leihgaben herausrücken, andere versuchten vergeblich, ihre Schätze zu retten. Ihnen warf Ziegler vor, sie hätten „nicht eine Spur von Verantwortungsgefühl gegenüber Volk und Land“, sie müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Künftig standen sie unter Kuratel. Etliche „Museumsbonzen“ wurden aus dem Amt gedrängt, darunter Eberhard Hanfstaengl in München.

Bewusst waren die Kunstwerke in viel zu kleinen Räumen kreuz und quer durcheinander und übereinander gestellt. Umrahmt waren sie von Hetzparolen Propagandazitaten aus dem Pamphlet „Säuberung des Kunsttempels“ des NS-Kunstideologen Wolfgang Willrich, der sich als früherer „Bolschewist“ zu erkennen gab. Willrich war es, der die „Gegenüberstellung“ initiiert und die Auswahl bestimmt hatte. Gereiht waren die „kulturbolschewistischen Machwerke“ nach Themen wie „Bewusste Wehrsabotage“, „Deutsche Bauern jiddisch gesehen“ oder „Verhöhnung der deutschen Frau: Kretin und Huren“.

Täglich drängten tausende Menschen in die groß plakatierte Ausstellung. „Zu 90 Prozent Münchner Kleinbürger“, erinnert sich die Kunstexpertin Carola Roth. Doch es kamen auch viele Kunstfreunde, die Abschied nehmen wollten von den Ikonen der deutschen Moderne, sowie Interessierte aus dem Ausland. Bis Ende November wurden 2.000.899 Besucher gezählt, drei Mal so viele wie im Haus der Deutschen Kunst. Danach wanderte die Schandschau noch durch weitere Städte im Reich.

Als Geschäftsführer einer „Verwertungskommission“ brachte Hofmann danach wertvollste Werke der Moderne ins Ausland oder in den Besitz brauner Bonzen. Die Barbarei dieses Mannes gipfelte in dem Vorschlag, "den Rest in einer symbolischen propagandistischen Handlung auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen". Tatsächlich wurde der „unverwertbare Bestand“ – 3825 Aquarelle und Zeichnungen – am 20. März 1939 im Hof der Berliner Feuerwache eingeäschert. Hofmann: "Ich erbiete mich, eine entsprechende gepfefferte Leichenrede dazu zu halten."

Aus dem Berliner Skulpturenfund: Marg Moll (1884-1977), Tänzerin, um 1930 (Zustand nach Reinigung 10/2010), Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin. Foto: Achim Kleuker, Berlin

Die meisten der „entarteten“ Bilder und Skulpturen wurden auf dem internationalen Kunstmarkt verkauft, bei Auktionen oder direkt an Händler. Sie schmücken heute bedeutende Sammlungen, etwa das Modern Art Museum in New York oder das Kunstmuseum in Basel. Einige wurden in Depots eingelagert. Und viele wurden zerstört. Nach dem Krieg gelang es den betroffenen Museen, wenigstens einzelne Werke zurückzukaufen. Viele der bedeutendsten Bilder aber – beispielsweise die „Gelbe Tänzerin“ von Kirchner und „Kriegskrüppel“ von Dix - blieben bis heute verschollen.

Fünfzig Jahre danach, Ende 1987, dokumentierte die Staatsgalerie Moderne Kunst, die seinerzeit noch im Westflügel des ehemaligen NS-Tempels als eine der bedeutendsten Kunstsammlungen des 20. Jahrhunderts untergebracht war, unter dem mittlerweile zum Wertbegriff gewordenen Titel „Entartete Kunst“ noch einmal den nationalsozialistischen Bilderraub an den eigenen Beständen.

Und 75 Jahre später versucht das Haus unter dem Titel „Geschichten im Konflikt“ die Beziehungen zwischen der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ der Nazis und deren Femeschau zu veranschaulichen. Hier ein paar „Staatsbilder“ von damals, dort exemplarische, gebrandmarkte Gemälde von Max Beckmann, Edgar Ende, Rupprecht Geiger, Karl Hofer, Wilhelm Lehmbruck, Paul Klee, Franz Marc, Gabriele Münter, Ernst Wilhelm Nay, Oskar Schlemmer, Toni Stadler, Fritz Winter, Mac Zimmermann.

Ein Teil dieser Exponate war – Zeichen späterer Weltgeltung – ab 1948 auf den Biennalen oder auf der ersten „documenta“ von 1955 zu sehen. Eine Besonderheit: Rudolf Belling war mit zwei abstrakten Skulpturen sowohl in der Schau “Entartete Kunst” vertreten wie auch, mit einer gegenständliche Büste des Boxers Max Schmeling, im “Haus der Deutschen Kunst” – eine offenkundige - und entlarvende - Nachlässigkeit der Zensoren.

Eine andere Merkwürdigkeit sei am Rande vermerkt: Im August 1946 berief das bayerische Kultusministerium an die wiedereröffnete Akademie der Bildenden Künste zwei Professoren fast gleichen Namens, aber sehr unterschiedlichen politischen Charakters: Karl Caspar gehörte zu den mutigen Malern, die vor 1945 Berufsverbot hatten, während sein damaliger akademischer Nachfolger Hermann Kaspar dem im „Haus der Deutschen Kunst“ repräsentierten Zeitgeist allzu arg gehuldigt und 1937 den pompösen Festzug „2000 Jahre Deutsche Kunst“ gestaltet hatte. Erst 1968 wurde er von den rebellischen Studenten bloßgestellt.

Karl Stankiewitz

Der Autor hat im Kulturvollzug unter anderem bereits zur Eröffnung des Hauses der Kunst vor 75 Jahren geschrieben. Von ihm erscheint demnächst im Volk-Verlag das Buch „Die befreite Muse. Münchner Kunstszenen nach 1945“.

"Der Berliner Skulpturenfund - entartete Kunst im Bombenschutt" ist bis zum 28.01.13 in der Neuen Pinakothek zu sehen. Das Haus hat täglich außer dienstags geöffnet, zum Jahreswechsel auch am Neujahrstag und an Heilige Drei Könige.

Veröffentlicht am: 23.12.2012

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