Marc Ribot Y Los Postizos beim Jazzsommer

Völlig jenseitiges Wah-Wah - ein Gesamtkunstwerk im Bayerischen Hof

von Michael Wüst

Marc Ribot. Foto: Barbara Rigon

Avantgardist und Erfinder der karibischen Veitstanzmusik. Komiker und Poet. Karikaturist eines imaginären Südamerika in Film, TV, Tanzschule und beim Après Ski. Eindringlich schräg und dabei schön: Marc Ribot schaute auf seinem jährlichen Rundflug über die Kuckucksnester Europas im Night Club des Bayerischen Hof vorbei.

Wo wäre Marc Ribot besser aufgehoben als in einem Night Club, dem topographischen Zentrum vergangener Lateinamerikarezeptionen schlechthin. Das Spannungsverhältnis zwischen einem der letzten real existierenden Night Clubs und der Dekonstruktion seiner glanzvollen Vergangenheit durch Herrn Ribot und seine "falschen Fünfer", falls man "Los Postizos", eigentlich die "Nachgemachten", so übersetzen darf, versprach ein einmaliges und wunderbar charmantes Konzert hervorzubringen.

Ein untrügliches Zeichen für die Genialität eines Künstlers: Wunderbar war es für alle. Für die, die sich rezeptionsgeschichtlich delektierten ebenso wie für die, die sich in der Vergangenheit eines parallel existierenden Night Clubs wohl fühlen mochten.

Kontrolle für die Unkontrolliertheit - hier live im Bayerischen Hof. Foto: Michael Wüst

Und die Stücke sprangen ja auch zwischen Realem und Imaginären bestens hin und her. Anthony Coleman an der analogen Orgel mit Leslie-Verstärker mochte gerne mit Havanna-Club-süffigen Cha-Cha-Floskeln beginnen, immer hart und schrill am Farfisa-Sound dran. Unweigerlich dachte man an einen Helge Schneider bei einem Fünf-Uhr-Tee in St. Anton.

Harmlos also begannen gerne die Stücke, ein völliger jenseitiger Wah-Wah-Effekt der Gitarre ließ einem Catherina Valente erscheinen: Dreh dich nicht um in fremden Gassen! Zu spät, Marc Ribot, steigt, ohne sich anständig vorgestellt zu haben mit dem aufheulenden Ton eines Carlos Santana in sein Solo ein. Es wird unbeirrbar randomisiert, verteilt, gestückelt, zerlegt und zerbrochen. Ist der Scherbenhaufen perfekt, wird das Stück mit härtesten Ostinato-Akkorden wieder zusammengezimmert. Im neuen Glück wird dann der rettende Akkord über Gebühr, deutlich über die Eins des nächsten Taktes hinaus ins Off geschlagen. Das aber führt unweigerlich zu einem Absturz in atonales Gefrickel, das nach Seenotrufen klingt.

Die Postizos derweil, halten gnadenlos Kurs im Latin-Wohlfühl-Hintergrundsound. Ej Rodriguez an Congas, Percussion und im Background-Gesang bringt mit klassischer Rock-Animiergeste ein "Clap Manos" ein, Brad Jones, ebenfalls Background-Gesang klopft stoisch den Bass. Horacio „El Negro“ Hernandez am Schlagzeug, versteht es wie Marc Ribot unmerkliche Störfaktoren in sein Spiel einzubauen, gerne beim Turnaround, da kommt es besonders zartbitter.

Es ist wohl so, wie Marc Ribot einmal gesagt hat, dass es „ein großes Maß an Kontrolle brauche, um Musik zu schaffen, die klingt, als ob sie unkontrolliert sei“.

Marc Ribot Y Los Postizos gehen eindeutig Richtung Gesamtkunstwerk. Wirklich hinreißend. Und genaugenommen ist ja Gehen auch nur kontrolliertes Hinfallen.

Veröffentlicht am: 20.07.2012

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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