Ringelspiel am Resi: Jens-Daniel Herzog scheitert mit seiner klinisch-sterilen Inszenierung von Arthur Schnitzlers Drama "Der einsame Weg"

von kulturvollzug

„Et in Arcadia ego“ steht an der Wand geschrieben, über dem Hausaltärchen für die gerade verstorbene Frau des Kunstprofessors Wegrat. Arkadien ist kein irdisches Paradies wie Goethes Italien, sondern ein vielleicht seliges Jenseits. Dieses Memento mori, das der italienische Barockmaler Guercino unter einem Totenkopf verewigte (Poussin variierte es wenig später in zwei Gemälden), gilt wohl für alle Personen in Arthur Schnitzlers Drama „Der einsame Weg“. Jens-Daniel Herzogs klinisch-sterile Inszenierung im Residenz Theater stellt das Motto aber nur plakativ aus, ohne es emotional einzulösen. Wäre da nicht Rainer Bock als stilles Kraftzentrum, müsste man die Aufführung schlichtweg als missglückt abhaken.

Die Verhältnisse, sie sind nicht so. Professor Wegrat (Rainer Bock) wirbelt seine todkranke Frau Gabriele (Ulrike Willenbacher) im Rollstuhl herum, als wär's ein Ringelspiel. Sie ist die Liebe seines Lebens, für sie hat er auf eine Malerkarriere verzichtet, um als „Kunstbeamter“ (so nennt er selbst seinen Job als Direktor der Kunstakademie) die Familie abzusichern. Doch das Glück war immer brüchig. Sohn Felix ist ein Kuckuckskind - Spross eines leidenschaftlichen Verhältnisses, das Gabriele kurz vor der Heirat mit Wegrat mit dessen Malerkollegen Fichtner (Götz Schubert) hatte. Beide wollten durchbrennen, in der Nacht davor machte sich Fichtner aus dem Staub: Bindung? Nein. Kurz nach Gabrieles Tod taucht der kurzzeitig berühmte, jetzt völlig heruntergekommene Fichtner wieder auf und will nach 23 Jahren von seinem leiblichen Sohn Besitz ergreifen - als Altersstütze, weil ihm vor der Einsamkeit graut.

Die Drehbühne (Mathis Neidhardt) zeigt große Räume mit weißen, kalten Wänden und Durchgängen. Nur die Abstellkammer, in der Fichtner samt Umzugskartons und Matratze auf dem Boden untergekommen ist, leuchtet morbid grünlich. So kalt wie das Bild ist auch die Sprache auf der Bühne: kurz angebunden, scharf, schroff. Feindseligkeit auf der ganzen Linie - wohl gegengebürstet aus Angst vor einem Schnitzlerschen Wiener Konversationston. Vor allem Oliver Möller als Felix bellt ständig in einem wütenden, überaggressiven Kommisston.

Verhärmt und bitter, verdruckst und verklemmt zeigt Stephanie Leue seine Schwester Johanna: Sie liebt unglücklich und ausweglos den todkranken Schriftsteller von Sala. Und ertränkt sich in dessen Gartenteich. Warum, erklären die geschmäcklerischen Videos nicht. Christian Nickel gibt den Sala als eloquenten Dandy, der nach dem Blutspucken noch eine Gärtnerschürze fürs Gießen seiner Blumentöpfe umbindet.

Solche illustrativen Regie-Einfälle gibt es genug: Da muss der als Penner ausstaffierte Fichtner bei der Erwähnung von Bergsteigen den Türstock hinaufklettern. Seine frühere Geliebte, die Schauspielerin Irene Herms, ist immer noch scharf auf ihn: Barbara Melzl spielt die preziöse Halbkokotte, die den Liebhaber sofort frontal sexuell anspringt, überzeugend.

Aber das Kraftzentrum der sonst schwachen Aufführung ist Rainer Bock als Professor Wegrat. Eigentlich eine undankbare Rolle: Der aufopfernde Ehemann, der alles längst geahnt hat, und mit dem früheren Weggefährten Fichtner die Lebensentwürfe Revue passieren lässt. Doch mit seiner puren Präsenz und leisen Tönen spielt Bock alle an die Wand.

Gabriella Lorenz

Residenz Theater, 16., 22. Dez., 7., 12., 16., 28. Jan., Tel. 2185 1940

Veröffentlicht am: 15.12.2010

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