Im Herbst des Mittelalters eine wunderbare Blüte

von kulturvollzug

Eine Stadt entdeckt einen großen Künstler wieder: In Regensburg sind derzeit die Buchmalereien des Bertold Furtmeyr zu bewundern. Damit rückt nicht nur ein lange vergessener Künstler in den Mittelpunkt, sondern auch eine Epoche des Umbruchs in Politik, Kunst und Handel.  Und was "Donau-Schule" genannt wurde, gewinnt auf einmal als Regensburger Form der Renaissance Profil.

Noch wurde gebaut am Dom, die Kultur pflegte man noch. Dombaumeister Roritzer könnte sogar ein Nachbar von Bertold Furtmeyr gewesen sein, dem angesehenen Buchillustrator oder "Ylluminator" (wie man damals schrieb).  Doch ansonsten waren die Anzeichen des Niedergangs von Regensburg nicht zu übersehen. Im „Herbst des Mittelalters“, wie der Historiker Johan Huizinga den Übergang von der Spätgotik zur Renaissance im 14. und 15. Jahrhundert nannte, war Regensburgs Ruhm als reiche, freie Reichsstadt verwelkt. Während der Buchdruck seinen Siegeszug antrat und sich dem Fernhandel neue Perspektiven öffneten, während Augsburg und Nürnberg zu Zentren von europäischer Bedeutung aufstiegen, vollzog die alte Stadt an der Donau einen tiefen Abstieg. „Gar kein Handel, unaussprüchliche Armut, öde Häuser“ fielen kaiserlichen Kommissaren 1499 dort auf.

Regensburg gehörte im Spiel der Gewalten im Heiligen römischen Reich deutscher Nation zu den Verlierern. Als erste Stadt schlug es sich etwa im Streit zwischen dem Wittelsbacher Ludwig dem Bayern und dem Luxemburger Karl IV. auf die Seite des Gegenkönigs. Karl erwies sich als undankbar. Selbst König geworden, sicherte er sich Positionen an der Donau, um den Handel von Regensburg nach Prag zu lenken. Auch der kommenden Macht konnte Regensburg nichts entgegensetzen: Der bayerische Herzog setzte sich jenseits der Steinernen Brücke in der Vorstat, der Stadt am Hof, fest.

Während sich der Ruin und die Abhängigkeit von Kaiser und Herzog immer deutlicher abzeichneten, entfaltete sich in der Kunst nochmals eine prächtige Blüte: Bertold Furtmeyr schuf in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts seine prächtigen Buchmalereien. Den lange nahezu vergessenen Meister gilt es nun in der prächtigen Ausstellung im Historischen Museum in Regensburg wiederzuentdecken, in Illustrationen, aber auch in den Entdeckungen der Historiker, die in Furtmeyr mittlerweile nicht nur den erfolgreichsten, sondern auch wohlhabendsten Regensburger Künstler jener Zeit sehen. In ihm und seinem berühmten Schüler Albrecht Altdorfer gewinnt eine Epoche der Kunstgeschichte Gestalt, die eher künstlich als „Donauschule“ bezeichnet wird: eine Regensburger Version der frühen Renaissance: Nicht mehr mittelalterlich, doch noch ohne Zentralperspektive - nicht modern auf die Art und Weise, in der Florenz die Kunst neu schuf. Zu sehen sind herausragende Werke wie das Salzburger Missale (um 1481), die Furtmeyr-Bibel aus dem Besitz Herzog Albrechts IV. von Bayern (um 1470) und das sogenannte „Heidelberger Schicksalsbuch“ (nach 1491). Ihnen zum Vergleich und Kontrast zugesellt sind Tafelbilder anderer Meister jener Zeit.

Ein faszinierender Epochenübergang: In Ideallandschaften, die doch an die Donau-Gegend erinnern, wuselt es vor Kriegsvolk, vor badenden Frauen, Heiligen, Pilgern, Bauern, Tieren und vielen mehr. Jede Initiale gestaltet Furtmeyr als Ereignis, unter seinen Händen wucherten Blattwerk und Ranken auf die Buchseiten, in das sich Löwen und Bären schmiegen, in dem Akrobaten und Affen turnen. Und in einer Blüte schlummert ein Säugling. Furtmeyr baut in seinen kraftstrotzenden Bilderzählungen erkennbar auf mittelalterliche Traditionen auf. Doch verarbeitet er auch Einflüsse der flämischen Malerei und weist er bereits auf ein neues Verständnis vom Menschen und der Welt. Die Freude am menschlichen Körper, aber auch an alltäglichen Begebenheiten und überhaupt am Menschen inmitten seiner Umwelt, bei der Arbeit und beim Vergnügen, dürfte an der Schwelle zur Neuzeit eine Sensation gewesen sein. Bei hochgestellten Auftraggebern erfreute sich der Regensburger daher höchster Gunst. Einer der bekanntesten bayerischen Gelehrten seiner Zeit hinterließ sogar Notizen in einem Werk Furtmeyrs: Johannes Turmair alias Aventinus.

Noch den heutigen Betrachter laden seine Miniaturen ein, die Augen spazieren zu führen, durch dunkle Wälder, über saftige Wiesen und Flussauen, vor die Tore stolzer Städte, in bunten Bildern, in denen sich Phantastisches mit Realismus mischt. Das reichlich verwendete Gold wiederum krönt den köstlichen Eindruck dieser Miniaturmalkunst aus Regensburg, die so lange in Bibliotheken in ganz Europa schlummerte. Furtmeyrs Bilder sind nicht schmückendes Beiwerk, vielmehr legen sie die Bibel aus. Etwa im„Baum des Lebens und des Todes“ aus dem Salzburger Missale, einer der kostbarsten Schriften der Spätgotik: Eva steht auf der vom Bild aus linken, schlechten Seite, über ihr grinst im Blätterwerk des Baums ein Totenschädel, und die von der Schlange angebotene Frucht des Verderbens reicht sie an die Menschen weiter. Über Adam hingegen schwebt das Kreuz. Neben ihm steht eine Allegorie der Kirche, die Hostien an die Gläubigen reicht. Zwischen 1470 und 1501 ist Berthold Furtmeyr in Regensburg nachzuweisen. Dann verliert sich seine Spur. Um so beredter künden seine Bilder von seiner Fertigkeit und einer späten Blüte der Reichsstadt Regensburg.    

Jan Stöpel

Berthold Furtmeyr. Meisterwerke der Buchmalerei. Bis 13. Februar, Historisches Museum, täglich 10.30 bis 18 Uhr, Katalog 29.90 Euro

Veröffentlicht am: 14.12.2010

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