Münchens Architekturpreis für Andreas Hild

Ein Prosit der Gebäudehaut oder: Ornament als Versprechen

von Michael Grill

Hild (rechts) mit Büropartner Dionys Ottl. Foto: Wilfried Dechau

Es muss vor gut zehn Jahren gewesen sein, als auf der Sitzung der Jury für die Münchner Kulturnachwuchspreise im Kunstraum Lothringer 13 helle Empörung herrschte. Ein Jurymitglied hatte vorgeschlagen, dem Architekten Andreas Hild einen Förderpreis zu geben. Die Reaktion war, wie wenn man den heutigen Potentaten und „Irren von Teheran“ Mahmud Ahmadinedschad für den Friedensnobelpreis vorschlagen würde: Ein Preis für Hild wäre „peinlich“ und „absurd“, hieß es, denn dieser Architekt missachte so ziemlich alle Regeln, die für die künstlerische Moderne aufgestellt wurden. Doch auch Bau-Geschichte birgt so manche Ironie.

Seit gestern Abend ist Andreas Hild (51) der neue Träger des nur alle drei Jahre verliehenen und mit 10.000 Euro dotierten Architekturpreises der Landeshauptstadt. Er steht damit in einer Reihe mit Legenden wie Günter Behnisch, Sep Ruf oder Otto Steidle. Es ist  eine Ehrung, die um ein Vielfaches größer ist als die damals zur Debatte stehende, und die Jury jubiliert: „Er ist ein Architekt, der nicht nur in München eine lange Reihe an hoch geachteten, stadtbildaufwertenden Gebäuden und Fassaden geschaffen hat, die wichtige neue und innovative Perspektiven setzen.“ Es ist offenkundig viel passiert seit damals.

Darf das sein, ein modernes Haus mit einem ornamentalen Muster an der Außenhaut? Viele von Hilds Kollegen finden das "Haus in Aggstall" deswegen furchtbar. Foto: Michael Heinrich

 

„Früher hielt man uns irgendwie für unseriös“, sagt Hild, während er gerade vor „Schuhmann´s Bar“ unterm Sonnenschirm sitzt. Er hat die Szenelokal fürs Treffen selbst gewählt, auch damit dürfte er unter Architekten ein Exot sein. Der Kopf des Büros „Hild und K“, der die Firma gemeinsam mit Dionys Ottl führt („Ich bin der Frontman. Mick Jagger ist bei den Stones ja auch vorne an der Rampe, aber die Musik macht die Band gemeinsam“) hat sich noch nie um Architektur-Moden oder Lehrmeinungen geschert.

Schwingende, klingende, rhythmisierte Fassaden sind ein typisches Hild-Element. Hier beim Agfa-Gelände in Giesing. Foto: Michael Heinrich

Und seit gut 100 Jahren gilt es in der Architektur immer noch als eine Art Gotteslästerung, wenn man das von den Urvätern der Moderne (Adolf Loos: „Ornament und Verbrechen“) aufgestellte Verdikt ignoriert, wonach die Form klar, kühl, sachlich zu sein habe und in jeglicher Zier der Teufel stecke. Grob verkürzt gesagt, brachte Hild das Establishment gegen sich auf, weil er als einer der ersten nicht neu gegen alt stellte, sondern Architekturschichten zu einer neuen Zeitlosigkeit verschmelzen ließ. Hild brachte Verfremdung, Abstraktion und Technik mit dem Sinnlichen, dem Ornamentalen auf neue Art zusammen.

Mehr Bauen im Bestand geht nicht in München: das Hotel Louis. Foto: Stefan Braun

Der Architekt: „Es interessiert uns überhaupt nicht, auf dieses Ornamente-Schlagwort festgelegt zu werden. Wir haben einfach versucht, ohne Vorbehalte an alles heranzugehen. Gut, dabei waren wir natürlich auch am Giftschrank. Da gab es schöne Dinge zu entdecken.“ Hild verkündet, wie es der „Spiegel“ einmal nannte, das „Dogma des Undogmatischen“. Seine Kritiker schimpfen über Beliebigkeit, Unernst und Haltungslosigkeit.

Das Büro hat, auch das ist nicht selbstverständlich auf Preisträger-Level, in München tatsächlich sehr viel gebaut, es dürften 15 bis 20 Projekte in gut 15 Jahren sein. „Wir wollten immer münchnerisch sein“, sagt Hild mit besonderem Nachdruck, und dass seine Geburt in Hamburg sozusagen ein Unfall gewesen sei: „Meine Mutter kam bei der großen Sturmflut nicht weg aus der Stadt.“ - „Insofern ist es besonders schön, wenn unser Bemühen nun gerade von München goutiert wird.“

Ein Kristallationspunkt seines Schaffens dürfte dennoch ein eher kleines Häuschen in der Hallertau sein, das im Jahr 2000 fertiggestellte „Haus in Aggstall“: Ein auf den ersten Blick ganz harmloses Gebilde, das beim Näherkommen immer interessanter - oder je nach Architekturglaube - verstörender wird: Warum liegt der First so asymmetrisch? Was ist das für ein seltsames und doch vertraut wirkendes Muster an der Fassade?

Umbau an der TU. Und schon erkennt man, wer da dran war. Foto: Michael Heinrich

An dieser „Pullover-Fassade“ entzündete sich einst die Hild-Debattte: Ist es Blendwerk? Ist es Befreiung? Ist es die Rückkehr der Schönheit zur modernen Oberfläche?

Auch die Münchner Häuser von „Hild + K“ erkennt man meist beim ersten Blick auf die Außenhaut: Etwa bei der Neubebauung des Agfa-Geländes in Giesing, an der Welfenstraße, beim Hotel Louis am Viktualienmarkt oder bei einem Wohnhaus an der Reichenbachstraße: Es sind faszinierend schwingende, klingende, mit letztlich ganz einfachen Mitteln rhythmisierte und belebte Fassaden, die, um es mal böse zu sagen, für die Moderne zu schön und fürs Manierliche zu klar sind.

Und so kommt man zur zweiten großen Stärke von Hild: dem sogenannten Bauen im Bestand. Kaum einer kann wie er aus einem alten Haus ein neues Haus machen, so dass es zugleich seine Geschichte zeigt und trotzdem etwas völlig Neues geworden ist. An Architektur-Vorbildern nennt Hild die Vorjahrhundertwende-Klassiker Gabriel von Seidl und Theodor Fischer - eine so sehr münchnerische Wahl, dass man dabei geradezu die Maßkrüge im Biergarten klirren hört.

Das Büro Hild + K erhebt sich - bei der Preisverleihung im Alten Rathaussaal. Foto: Michael Grill

„Ein Architekt ist immer auch eine öffentliche Person. Er muss teilnehmen am Diskurs und er muss es ertragen, wenn er mal was auf die Nase kriegt“, sagt Hild. „Mein Vater hatte eine Werbeagentur, ich hatte nie eine Scheu vor der Öffentlichkeit.“ Auch das nehmen ihm manche übel. „Gut“, sagt er, „wir verschicken Postkarten auf denen unsere aktuellen Projekte zu sehen sind. Vor 15 Jahren war ich damit einer, der sich wichtig macht. Heute sammeln manche unsere Karten.“

Bei der Verlesung der Jury-Begründung durch Kulturreferent Hans-Georg Küppers. Foto: Michael Grill

Die Wahl von Andreas Hild als Architekturpreisträger ist die überraschendeste und ungewöhnlichste Wahl seit vielen Jahren. Für das Bauen ist das ein weiterer guter Versuch, um die Fehler der Postmoderne zu überwinden. Und für München ein mutiger Schritt, um zu sich selbst zu kommen.

Veröffentlicht am: 13.07.2012

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